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Bestseller-Trend Das Girlie ist ein Vamp

13.01.2010 ·  Der Erfolg von Stephenie Meyer hat einen Vampirrausch auf dem Buchmarkt ausgelöst. Schon stürmt „Gezeichnet“, der erste Band der neuen Reihe „House of Night“, die Bestsellerlisten, geschrieben von einem Mutter-Tochter-Autorinnenduo.

Von Felicitas von Lovenberg
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Das Jahr steckt noch in der Aufwärmphase, da ist das nächste Bestsellerphänomen bereits durchgestartet. Von null auf Platz vier ist „Gezeichnet“, erst vor knapp zehn Tagen im S. Fischer Verlag erschienen, auf der aktuellen „Spiegel“-Bestsellerliste eingestiegen. Dass es sich dabei lediglich um den ersten Band einer derzeit auf zwölf Titel angelegten neuen Vampirserie namens „House of Night“ handelt, war wohl unvermeidlich: Wer einmal Blut geleckt hat, so will es das Gesetz des Genres, braucht schnellen Nachschub.

Nicht nur, was den Erfolg - in Amerika liegt die Auflage der bisher erschienenen sechs „House of Night“-Bände bei über acht Millionen, die erste Verfilmung soll im Laufe des Jahres in die Kinos kommen -, sondern auch, was die ungenierte Ballung von Klischees, das schlichte Strickmuster des Plots (Handlung wäre zu viel versprochen) und die Scherenschnitte angeht, die als Charaktere ausgegeben werden, kann die neue Reihe tatsächlich als jene „legitime Nachfolgeserie der Bis(s)-Romane“ gelten, als die sie sich selbst bejubelt. Aber anders als in Stephenie Meyers etwas anämischer Schmachtfetzen kommt „House of Night“ zur Sache.

Noch vor der hundertsten Seite kommt es zu intensiven mündlichen Liebesdiensten im Internatskorridor - Eltern, die das Buch, das der Verlag der vielversprechenden Käuferschicht „All Ager“ zuordnet, ihren Kindern geben, sollten das vielleicht wissen. Auch sonst sind die Autorinnen nicht zimperlich. Immer wieder sterben Schüler, die der vierjährigen Wandlung zum „Vampyr“ nicht gewachsen sind, mitten im Unterricht und bevölkern als Untote die Nächte. Es gibt Rituale, bei denen Geister heraufbeschworen werden, die gegen das eine oder andere Menschenopfer nichts einzuwenden hätten.

Es kommt noch schlimmer

Dass der Grusel dabei völlig ausbleibt, hat nicht nur damit zu tun, dass die wüsteren Einfälle aus der dünnen Vampirlogik des Buches einfach nicht zu legitimieren sind, sondern auch mit dem betont umgangssprachlichen Ton, der lässig sein will, dabei aber keinen Raum für eigene Assoziationen lässt. Und damit nicht auffällt, wie wenig Entwicklung der Handlung und den Figuren zugestanden wird, jagt eine plakativ geschriebene Szene die nächste. „Gerade als ich dachte, noch schlimmer kann dieser Tag nicht werden, sah ich den toten Typen neben meinem Schließfach stehen.“ Einige Dutzend Seiten später hat die sechzehnjährige Zoey Redbird ihre bisherige Highschool samt nerviger bester Freundin und peinlichem Freund gegen eine neue beste Freundin, eine ihr loyal ergebene Clique und ein Date mit Erik Night („der umwerfendste Typ, den ich in meinem Leben je gesehen hatte“) eingetauscht: Denn seitdem der Späher sie gezeichnet hat, ist sie Schülerin am Vampirinternat „House of Night“.

Die Serie stammt von einem Autorinnenduo, wie es sich im Jugendbuch derzeit immer größerer Popularität erfreut: Mutter Phyllis C. Cast schreibt die erste Fassung, ihre Tochter Kristin überarbeitet die Kapitel und kümmert sich um den Ton, eine Mischung aus aufgekratzter Dauergereiztheit („sie raubte mir echt den letzten Nerv“), manischer Selbstbeobachtung („o mein Gott, ach du Scheiße ich glaube wirklich, mein Herz hörte für ein paar Sekunden auf zu schlagen“), selbstbewusstem Kommentierungsdrang („dieser Typ nervte echt abartig“) und einer Prise aufsässiger Selbstironie - eine Art Tagebuchsound, wie er zuletzt etwa Jeff Kinneys „Diary of a whimpy kid“ („Gregs Tagebuch“) zum Kult machte. Der Rest, mehr Action als Handlung, bietet eine Kompilation aus allem, was in der Vergangenheit besonderen Erfolg hatte.

Von Vampiren dominiert

Für die Heldin Zoey bedeutet das Mal des blauen Halbmonds, eine Art Tattoo mitten auf der Stirn, dass sie sich schleunigst im „House of Night“ einzufinden hat, dem berüchtigten Vampirinternat von Tulsa, Oklahoma. Zoey ist nicht unglücklich, auf diese Weise immerhin ihrem schwierigen Zuhause samt verhasstem Stiefvater („Stief-Penner“) zu entkommen. Doch damit ist es mit jeglicher Erinnerung an Harry Potter, dem das Internat ebenfalls ein glücklicheres Zuhause bot, auch schon vorbei. Zwar findet auch Zoey am „House of Night“ neue Freunde, doch umspannt der erste Band nicht etwa ein ganzes Schuljahr, sondern nur knapp zwei Wochen. Für die Casts ist das Zeit genug, um ihre halbindianische Heldin als Auserwählte und Kandidatin für das Hohepriesterinnenamt der Göttin Nyx zu überzeichnen.

Nicht nur die „Nebel von Avalon“ lassen in diesem mystisch-esoterischen Gewaber grüßen. Die sexuell aufgeladene Stimmung samt Zickenkrieg - denn Zoey hat im blonden Gift Aphrodite eine Widersacherin nicht nur um die Zuneigung von Superman Erik, sondern auch um die Gunst der Hohepriesterin Neferet - erinnert an „St. Trinian's“, das Modebewusstsein der Mädchen ist direkt aus der „Gossip Girl“-Serie importiert, auch wenn Zoey, so viel Differenzierungsbewusstsein ist bei allem Ranschmeißertum erlaubt, immerhin nichts von dem auch hierzulande verdächtig angesagten Label Abercrombie hält. Ganz wie von Meyer werden die Vampire auch von den Casts als außerordentlich attraktiv geschildert, weshalb man, hübscher ironischer Seitenhieb, auch besonders viele von ihnen in Hollywood antrifft - und nicht nur dort: „Die ganze Kulturszene wurde von Vampyren dominiert - einer der Gründe, warum sie so viel Geld hatten.“

Da Alkohol auf Vampire keine Wirkung hat, darf der Rotwein erfreulich politisch unkorrekt in Strömen fließen. Den Kommentaren auf der stark besuchten Website zum Buch (www.houseofnight.de) zufolge sind die Leserinnen indes besonders betört von der Wirkung des Vampirbisses, der bei menschlichen Opfern Hörigkeit auslöst, weshalb die angehenden Blutsauger im Internat sich höchstens gegenseitig anzapfen dürfen. Die Hörigkeit der willigen Leseopfer dürfte sich derweil weiterhin auf der Bestsellerliste spiegeln. Der zweite Band des „House of Night“, „Betrogen“, ist für Ende März angekündigt; noch in diesem Jahr sollen Band drei („Erwählt“) und vier („Ungezähmt“) folgen. Aber auch auf diesen Hype wartet schon der Zahn der Zeit.

P.C. Cast und Kristin Cast: „Gezeichnet“. House of Night 1. Aus dem Englischen von Christine Blum. FJB, Frankfurt am Main 2009. 463 S., geb., 16,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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