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„Babyalarm“ von Kim Fupz Aakeson und Eva Eriksson Wer bis 109 zählen kann, hat gute Karten

So ein Geschwisterchen ist kein reiner Grund zur Freude: In ihrem Gemeinschaftswerk „Babyalarm“ erzählen Kim Fupz Aakeson und Eva Eriksson von ganz normalen Ängsten.

© Gerstenberg Vergrößern

Aus Kindersicht gibt es wohl nichts Überflüssigeres als die Anschaffung eines weiteren Kindes. Wozu brauchen die Eltern noch eines, wo doch das vorige, nämlich man selbst, schon so gut geraten ist? Zwar findet Jonas die Nachricht, dass Mama ein Baby bekommt, erst einmal weder besonders gut noch schlecht, sondern er nimmt sie einfach hin - bis er seinem sommersprossigen Freund Willy am Montagmorgen davon erzählt. „,Oh’, sagte Willy auf so eine spezielle Art. Nicht einfach nur Oh, sondern ein Oh, das etwas bedeutete.“

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Wie dieses spezielle Oh die Woche über in Jonas nachhallt, das erzählt der dänische Schriftsteller Kim Fupz Aakeson in „Babyalarm“. Die eindringliche, weil ganz und gar realistische Geschichte von der elementaren kindlichen Angst vor dem Familienzuwachs hat sich seine Landsmännin Eva Eriksson in Szenen aus dem Kinderalltag ausgemalt, die Jonas’ Ratlosigkeit zwischen den gerade ziemlich mit sich beschäftigten Eltern in tröstlich warmen Farben und mit liebevollem Humor unterstreichen. Wir sehen ein Kind, das ganz und gar geborgen ist bei seinen Eltern, die jedoch von den Befürchtungen, die ihren Sohn umtreiben, nichts mitbekommen - also eine typische Familie.

So hat er das nicht gewollt

Willys düsteres, wissendes „Oh“ zeigt seine erste Wirkung gleich am Montagabend, als Jonas seine Mutter beim Zubettgehen in gespielt zerstreuter, fast nachlässiger Manier vielbeschäftigter Erwachsener fragt: „Warum kriegen wir noch gleich ein Baby?“ Die Antwort allerdings fällt unbefriedigend aus: weil Babys so niedlich sind, so ungeheuer gut riechen und man immerzu an ihnen schnuppern muss, sagt Mama.

Am Dienstag erklärt Jonas Willy, was es mit dem neuen Baby auf sich hat. Aber Willy kann die Schnupper-These nicht überzeugen. „Die Leute kriegen neue Babys, wenn ihre ersten Babys groß und hässlich und nervig geworden sind.“ Willys Bemerkung kann Jonas, der keinen Grund hat, an der Liebe seiner Eltern zu zweifeln, nicht völlig aus der Fassung bringen. Aber ein bisschen eben doch. Er überlegt, was er dem Baby voraushat: Er kann sich allein anziehen, sein Zimmer aufräumen, seinen Teller in die Spülmaschine stellen, bis 109 zählen und seinen Namen schreiben. Das ist doch schon mal was! Um die Eltern daran zu erinnern, was für einen lieben, süßen Sohn sie haben, räumt Jonas unaufgefordert sein Zimmer auf. Doch die erwünschte Wirkung bleibt aus. „Du brütest doch hoffentlich keine Erkältung aus“, sagt die Mutter, die gerade die aktuellen Angebote des Supermarkts studiert; „das war auch höchste Eisenbahn“, bemerkt der Vater, mittendrin in den Vorbereitungen zum Abendessen.

Die Liebe bleibt, die Panik auch

Die Woche, die mit dem schlimmen Verdacht begonnen hat, dass seine Eltern deswegen ein Baby bekommen, weil sie Jonas nicht mehr so liebhaben wie früher, gerät für den Jungen mehr und mehr zum Albtraum. Am Mittwoch hat Papa im Supermarkt keine Antwort auf seine Frage, ob es passieren kann, dass man jemanden plötzlich nicht mehr liebt, den man bis dahin geliebt hat. Am Donnerstag erinnert sich Jonas an den alten Teddybär, von dem er früher unzertrennlich war, mit dem er aber jetzt nie mehr spielt - hat er also aufgehört, ihn zu lieben? Am Freitag passt Oma auf ihn auf und zerstreut seine Sorgen endlich ein bisschen, weil sie sagt, dass sie Papa und seine Geschwister alle gleich viel liebt, und das behauptet auch die Frau im Fernsehen mit den sechzehn Hunden, die die hässlichen angeblich nicht weniger gern hat als die süßen. Jonas findet das schwer zu glauben, aber Oma sagt, dass mit jedem neuen Kind auch mehr Liebe auf die Welt kommt, so dass niemand etwas abgeben muss. Trotzdem ist Jonas nicht überzeugt, auch wenn er mittlerweile weiß, dass der vermeintlich so abgeklärte Willy seine ganz eigenen Gründe hat, der Ankunft eines neuen Babys skeptisch entgegenzuschauen. Was, wenn Mama und Papa ihn nicht mehr wollen, wenn erst das neue Baby da ist?

Gerade, als er Sonntagfrüh im Bett überlegt, was er in dieser langen Woche alles über die Liebe, ihre Vergänglichkeit und ihre Beständigkeit gelernt hat, kommt Papa und holt ihn zum Frühstück zu Mama und sich ins Bett - und für einen Moment ist alles gut. „Jonas dachte, dass ihm das Baby wohl nicht erspart bleiben würde. Er hoffte, dass Oma recht hatte und dass genug Liebe für alle da war.“

Es gehört zu den Stärken dieses so ehrlichen wie charmanten Buches, dass die kindliche Angst davor, von einem Geschwister verdrängt zu werden, nicht kleingemacht und bis zum Ende nicht weggewischt wird. Die Liebe bleibt, die leise Panik auch. „Babyalarm“ ist ein Buch für die ganze Familie - bis hin zum abgeliebten Teddybär.

Kim Fupz Aakeson, Eva Eriksson: „Babyalarm“. Aus dem Dänischen von Maike Dörries. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2012. 42 S., geb., 12,95 €. Ab 5 J.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 29.06.2012, 15:30 Uhr