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„Apfelsinen für Mister Orange“ von Truus Matti : Ein Ballsaal zum Malen

  • -Aktualisiert am

Bild: Gerstenberg

Mit Apfelsinen gegen die Realität des Krieges: Wer junge Leser in Mondrians Welt führen möchte, sollte zu Truus Mattis Buch „Apfelsinen für Mister Orange“ greifen.

          Jeden Tag schlängelt sich der dreizehnjährige Linus mit seinem bis an den Rand gefüllten Holzkarren voller Obst und Gemüse zu Fuß durch die Straßen von New York. Er trägt die Bestellungen für seine Eltern aus, die einen kleinen Lebensmittelladen führen. Einen Sack Zwiebeln, Zitronen, Lauch und Tomaten für den barschen Restaurantbesitzer Castelli, ein Pfund Pflaumen und eine Tüte Trauben für die vereinsamte, tatterige Frau de Winter und eine Kiste Apfelsinen für den wundersamen Mister Orange, dessen richtigen Namen sich der Junge einfach nicht merken kann.

          Linus hat fünf Geschwister. Und so, wie jeder die abgetragenen Schuhe des Nächstälteren bekommt, bekommt auch jeder die Aufgabe des Nächstälteren. Linus hat Simons Job übernommen, die Lieferungen auszufahren, Simon wiederum hat Apkes Job übernommen, die Post einer Zeitung zu sortieren. Und Apke, der Älteste? Der ist gerade dabei, in den Krieg zu ziehen, gegen Deutschland, im September 1943. Hier beginnt die Erzählung. Sie endet anderthalb Jahre später, im März 1945.

          Alle zwei Wochen eine Kiste Apfelsinen

          Die niederländische Autorin Truus Matti, Jahrgang 1961, publizierte ihren ersten Roman erst spät, nachdem sie lange in Verlagen gearbeitet hatte - ihr Debüt „Bitte umsteigen“ erschien 2007. Mit der Geschichte über den neugierigen und nachdenklichen Linus, die in „Apfelsinen für Mister Orange“ erzählt wird, hat sie nun ihr zweites Buch in deutscher Übersetzung vorgelegt. Eines, in dem es voller Leichtigkeit, Einfühlungsvermögen und ganz unpathetisch um große Themen geht: Krieg, Frieden, Zukunft, Phantasie, Erwachsenwerden. Und um den Maler Piet Mondrian, dessen Name in der Geschichte nicht ein einziges Mal genannt wird, der sich aber hinter dem mysteriösen Mister Orange verbirgt.

          Die Erzählung spielt in Manhattan und hier besonders an zwei zentralen Schauplätzen. Da ist das Zuhause von Linus, seinen Eltern und seinen Geschwistern, liebevoll, aber auch laut und beengt, ein wenig unordentlich mit Blümchentapete und dunklen Holzmöbeln. Und da ist das Atelier des verträumten, lebensfrohen und fast kindlichen alten Malers, dem Linus alle zwei Wochen eine Kiste Apfelsinen bringt. Als „ein Ballsaal zum Malen“ erscheint dem Jungen diese Wohnung. Groß, geräumig, still, alles in Weiß und voller Rechtecke in Blau, Rot und Gelb.

          So abenteuerlich ist der Krieg dann doch nicht

          Mit Mister Orange spricht Linus über Kunst, das Suchen nach Antworten, das Ausprobieren, Boogie-Woogie, die Farben der Zukunft, die Zukunft ganz allgemein und auch über den Krieg. Zu Hause dreht sich, neben der stetigen Arbeit, alles um Apke. Täglich wartet die Familie auf Post von ihm. Linus ist stolz auf seinen Bruder, der mitmacht beim großen Krieg, und er versteht nicht, warum seine Eltern das schöne Banner mit dem blauen Stern, an dem jeder sehen kann, dass ein Mitglied der Familie im Krieg ist, nicht ins Fenster hängen wollen. Der Einwand seiner Mutter, dass Flaggen für Feste da seien und der Krieg keines sei, befriedigt ihn zunächst nicht. Doch allmählich merkt er an den Briefen von Apke, am Verhalten seiner Eltern und an den Gesprächen mit Mister Orange, dass der Krieg doch nicht so eine abenteuerliche und heldenhafte Sache ist, wie er gedacht hatte. Und nicht einmal Mister Super, ein recht menschlicher Superheld aus Comic-Zeichnungen, der Linus von Zeit zu Zeit erscheint, kann etwas tun gegen die vielen Toten.

          Bei Mister Orange findet Linus Halt. Er lehrt ihn, dass auch die Vorstellungskraft eine große Macht ist, dass sie da ist, um die Zukunft zu gestalten. Das Ende der Erzählung versetzt Linus dann in einen Zustand zwischen Euphorie und Trauer: Apke kommt zurück aus dem Krieg, Mister Orange ist an einer Lungenentzündung gestorben. Als er knapp ein Jahr später, sein Bruder ist neuerlich in den Krieg gezogen, in einem großen Museum Mister Oranges letztes, unvollendetes Bild entdeckt, weiß er, dass er seinen Freund nicht verloren hat. Denn er „findet die ganze Welt von Mister Orange in dem Bild wieder“. So, wie der Leser in diesem Buch nicht zuletzt der Malerwelt von Piet Mondrian begegnet.

          Truus Matti: „Apfelsinen für Mister Orange“. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2013. 174 S., geb., 12,95 €. Ab 12 J.

          Quelle: F.A.Z.

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