21.12.2009 · In Anja Fröhlichs Debütroman gründet eine Berliner Jugendclique eine Dienstleistungsagentur nach dem Tauschprinzip: Styling-Beratung gegen Englisch-Referat, quid pro quo. Die Story des Buchs ist überkonstruiert, die Sprache der Autorin allerdings angenehm ungezwungen.
Von Christian HegerUnter Jugendlichen wird seit jeher gerne getauscht: Musik und Teenie-Zeitschriften, Hausaufgaben und Modetipps, Handynummern und Bildchen fürs Stickerheft. In einer biographischen Phase, in der Dazugehörigkeit und In-Sein so wichtig sind wie zu keiner anderen Zeit, offenbart sich der Tausch als Selbstpräsentation der eigenen Coolness: Man tauscht, um sich die beneideten Vorzüge des Gegenübers anzueignen, man tauscht, um hip zu sein. Gewiss: Oft mag es dabei nur um Materielles gehen, um schlichten pragmatischen Nutzen zwischen Faulheit und begrenztem Taschengeld. Viel häufiger aber sind wohl emotionale Motive entscheidend – die Befriedigung einer pubertären Bedürfniswelt, in der das eigene Ich nur allzu oft als Mängelwesen begriffen wird.
In diesem Sinne ist die Grundidee von Anja Fröhlichs Jugendroman-Debüt „My Berlin – Maya und Louis“ nachvollziehbar und durchaus stimmig: Um eine Tauschbörse zwischen Teenagern geht es da, und um die romantischen Verstrickungen, die sich daraus ergeben. Die Berlinerin Maya ist vierzehn und schwärmt schon seit Langem insgeheim für den gleichaltrigen Louis. Pech nur, dass sich der bekannte Mädchenschwarm gerade unsterblich in die hübsche Muriel verschossen hat, die ihn mit ihrer hartnäckigen Ablehnung zur Verzweiflung treibt. Da seine ständigen Charme-Offensiven diesmal wundersamerweise nicht fruchten, schlägt ihm Maya einen Pakt vor. Gemeinsam mit drei anderen Freunden gründen sie eine Dienstleistungsagentur, bei der jedes Mitglied von den Fähigkeiten der anderen profitiert – Styling-Beratung gegen Englisch-Referat, quid pro quo.
Der erste Großeinsatz gilt verständlicherweise Louis Liebesleben, genauer: dem Weichkochen von Muriel, die nun Ziel eines raffinierten Überwältigungsfeldzuges wird. Während Computerspezialist Zecke in Louis Namen ihren Computer repariert, übernimmt die wortgewandte Funny das Texten elektronischer Liebesbekundungen. Maya wiederum wird als Spionin tätig, läuft dabei aber unweigerlich Muriels hübschen Freund Olivier über den Weg. Es dauert nicht lange, da driftet der ganze Kuppelei-Plan ins absolute Gefühlschaos ab. Gibt es in diesen „Gefährlichen Liebschaften“ nun überhaupt noch für irgendjemanden die Chance auf ein Happy End?
Sprachlich ungezwungen, inhaltlich konstruiert
Anja Fröhlich, die in Köln Filmwissenschaft, Kunstgeschichte und Psychologie studierte und seither als freie Journalisten, Werbetexterin und Autorin arbeitet, weiß offenbar sehr genau, wovon sie schreibt: Kaum kann es ein Zufall sein, dass ihr eigener Sohn in just demselben Alter ist wie die Protagonisten ihres Buch-Erstlings, kaum ein Zufall auch, dass die Geschichte vor Fröhlichs eigener Berliner Haustür spielt. Die größte Stärke von „Maya und Louis“ ist so denn auch zweifelsohne ihre Authentizität, auf die eine Link-Liste zu den real existierenden Schauplätzen am Ende des Buches explizit pocht. Vor allem sprachlich beeindruckt der Roman, der abwechselnd aus der Perspektive der beiden Titelfiguren erzählt wird, durch eine ungezwungene Natürlichkeit, auch wenn die arg konstruierte Story im Niveau weit dahinter zurückbleibt.
Mit ihren zuweilen soap-opera-haften Versatzstücken und Anleihen bei Liebesromanzen aus Hollywood wirkt die Handlung oft unverhohlen kitschig, kommt aber damit wohl den Vorlieben (und auch dem Gefühlshaushalt) ihrer Zielgruppe gut entgegen. Manchmal aber treibt die Autorin ihr Spiel mit dramaturgischen Klischees indes doch etwas zu weit: So wirkt die Idee einer Entführung mit Schlafmitteleinsatz in einem Buch für Vierzehnjährige schon ziemlich deplaziert, während man sich auf der anderen Seite eine stärkere psychologische Grundierung der Figuren gewünscht hätte. Doch für die pädagogische Dauer, das muss man fairerweise anführen, ist Anja Fröhlichs Buch ohnehin nicht gemacht, eher schon zur zerstreuenden Gebrauchslektüre: Mit tagesaktuellen Verweisen auf jugendliche Zeitgeistphänomene wie die Doku-Soap „Das Model und der Freak“, die Haarfrisur von Ingo Appelt, MSN-Adressen und Seed-Songs wird man wohl kaum zum Klassiker. Aber man hält seine jungen Leser für den Augenblick bei der Stange: Aufmerksamkeit gegen Unterhaltungswert also? Vielleicht ein gar nicht mal so schlechter Tausch.