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Andy Stantons Kinderbuch „Mr. Gum“ : Jammy Grammy Lammy F'Huppa F'Huppa

Bild: Sauerländer

Rattengift mit Brausepulver: In Andy Stantons „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum!“ trachtet ein übler Alter einem armen Hund nach dem Leben. Zu unserem Vergnügen.

          Nach dem ersten Kapitel ist die Geschichte fast schon wieder zu Ende. Entstanden wäre ein äußerst schmales Buch, hätte sich der Autor Andy Stanton nicht noch einmal besonnen, das Wort „ENDE“ auf Seite 17 beherzt durchgestrichen und Jakob, den Hund, ins Spiel gebracht - und das ist ein schieres Glück.

          Denn so kriegt das Kinderbuch „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum!“ die Kurve, zehn weitere turbulente Kapitel folgen, mit tausend Abschweifungen, Ausschmückungen und Albernheiten, mit denen der englische Autor in seinem ersten Buch nach der Art bewährter englischer Autoren wie Kenneth Grahame, A.A. Milne oder Philip Ardagh sein wildes Spiel treibt. Abermals hat all das der bewährte Harry Rowohlt übersetzt, unser bester Mann für angelsächsischen Unfug.

          Jakob also verwüstet eines Tages den Garten des Mr. Gum, der ihm daraufhin nach dem Leben trachtet, und ein kleines Mädchen kann den großen Hund in letzter Sekunde retten. „Und es passiert nicht weiter groß was“, so bringt Stanton seine Geschichte nach elf Kapiteln abermals zügig zu Ende, „und die Sonne ging über den Bergen unter.“

          So macht man sich Freunde

          So weit, so schlicht. Das Interesse des Erzählers gilt aber erkennbar jener anderen Seite des Buches, die mit dem Sonnenuntergang aufs schönste kontrastiert: Es ist die abgrundtiefe Schlechtigkeit des alten, üblen Mr. Gum, der, wenn er gerade keine kleinen Kinder zur Hand hat, um ihnen mit grimmigen Blicken Angst einzujagen, eben das Bild eines Kindes aus der Zeitung anstarrt - besser als nichts. Oder die nicht minder böse Fee aus Mr. Gums Badewanne, die Mr. Gum mit Bratpfannenschlägen zur Gartenarbeit treibt, nachdem Jakob die Rabatten ruiniert hat. Oder jene vergammelten Kuhherzen, die ein ekliger Metzger Mr. Gum aushändigt, damit der Jakob aus Gründen der Rache und der Vorbeugung vergiften kann.

          Immerhin gibt es da noch ein kleines Mädchen namens „Jammy Grammy Lammy F'Huppa F'Huppa Berlin Stereo Eo Eo Lebb C'Yepp Nermonica le Straypek de Grespin de Crespin des Spespin de Vespin di Schwupp di Wupp de Brönckel Frohe Weihnachten Lenoir“ - von Freunden darf es immerhin einfach „Polly“ genannt werden, und dass vor diesem Hintergrund jedermann Pollys Freund sein will, überrascht nicht weiter.

          Besinnungslose Bosheit kann so großartig sein

          Polly also bekommt rechtzeitig Wind von den zum Himmel stinkenden Plänen des fiesen Mr. Gum und außerdem genauso rechtzeitig Hilfe von Freitag O'Leary, einem Mann, „so alt wie die Hügel und so weise wie die Hügel, aber nicht ganz so groß wie die Hügel“.

          Dennoch ist die Hundesrettung kein Zuckerschlecken, zumal nicht nur Polly an der Heldentauglichkeit ihres Helfers ernste Zweifel hegt und Mr. Gum das Brausepulver mit Zitronengeschmack nur besorgt hat, um damit den Geschmack des Rattengifts zu übertönen, in dem er die gammeligen Kuhherzen gebadet hat. Dann allerdings überkommen ihn Zweifel, ob das Gift auch wirkt, und um ein Haar hätte die Geschichte eine komplett andere Wendung genommen - denn Mr. Gum ist drauf und dran, zu Testzwecken eines der Herzen zu verschlucken: Besinnungslose Bosheit kann so großartig sein.

          All das ist ziemlich aufregend, einigermaßen eklig und richtig lustig: ein Feuerwerk an Effekten, Wortwitz und Sprachspielerei. Aber spätestens, wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, spätestens nach der geheimen Bonus-Geschichte und einem weiteren Kapitel für alle, die immer noch nicht genug Bonus haben, wird klar, dass „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum!“ doch auch etwas fehlt.

          Das war's dann aber auch an Emotion

          Den beiden Bösen, Mr. Gum und dem Metzger, stellt Stanton gleich vier Gute entgegen, neben dem Mädchen und dem spinnerten Weisen sind es eine Süßigkeitenverkäuferin und ein kleiner Junge, der Mr. Gum zum Guten zu bekehren versucht. Und alle vier sind reine Witzfiguren. Wer die Heldin nicht mag, müsste, droht der Autor, zur Strafe hundertmal ihren richtigen Namen in voller Länge lesen: Von „Jammy Grammy Lammy“ bis „Frohe Weihnachten Lenoir“. Dass man sie aber auch freiwillig mögen könnte, weil sie vielleicht ein pfiffiges, nettes Mädchen ist, weil sie sich um den armen Jakob sorgt, ja, weil sie ihn schließlich rettet, ist nicht vorgesehen. Es funktioniert zumindest nicht. Stanton hat schlicht keine Zeit für seine Heldin: Der nächste Witz wartet ja schon. In der Beinahsterbeszene schneuzt sich ein Eichhörnchen in einen Schmetterling, und in der unmittelbar folgenden Rettungsszene muss sich ein weiteres zartbesaitetes Eichhörnchen von all der Aufregung übergeben, was David Tazzyman in einer der vielen reizend kratzbürstigen Zeichnungen des Buches veranschaulicht. Das war's dann aber auch an Emotion.

          Immer, wenn seine Leser eine der Figuren sympathisch finden könnten, schreibt der Autor ihr einen Aussetzer ins Buch. Und wer keinen richtigen Hau hat, bleibt ohnedies blass. Selbst Freitag O'Leary, mit Macken hoch gerüstet, zieht so gegen Mr. Gum schließlich den Kürzeren. Wo andere Unsinnsautoren in die Vollen greifen, um unter all dem Klamauk nichts weniger als ein Herz gut zu verstecken, kein Kuhherz allerdings und erst recht kein gammeliges, macht Andy Stanton viel Lärm um nichts. Aber lustig ist das alles schon.

          Andy Stanton: „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum!“ Illustriert von David Tazzyman. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt. Sauerländer Verlag, Mannheim 2010. 200 S., geb., 12,90 €. Ab 8 J.

          Quelle: F.A.Z.

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