http://www.faz.net/-gr3-12f29

Andreas Steinhöfels „Rico, Oscar und das Herzgebreche“ : Allein auf dem Plüschsofa ist es einfach schwierig

Bild: Carlsen

Endlich Neues von Rico und Oscar: Andreas Steinhöfel setzt seinen wunderbaren Berlin-Krimi um den Tiefbegabten und dessen vorsichtigen Freund fort. Diesmal ist Ricos Mutter Täterin und Opfer zugleich in dem Fall, den die beiden gemeinsam lösen müssen.

          Eigentlich müssten sich die Dachziegel in der Dieffenbachstraße lösen, Risse im Asphalt aufspringen, und der Himmel müsste immer dunkler werden. Nichts dergleichen, um ein Lieblingswort Ricos zu verwenden, geschieht. „Herzgebreche“ ist zwar eine ganz große Katastrophe - aber außen sieht man nichts davon.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Treffender als mit „Herzgebreche“ könnte man es kaum bezeichnen, das Leiden an der Welt und ihren Insassen. In der Dieffenbachstraße grassiert das Herzgebreche. Und Frau Dahling, die Wurstverkäuferin vom Karstadt Hermannplatz, ist vorerst die Einzige, die sich davon zumindest teilweise erholt. Dass sie niemanden hat als den „tiefbegabten“ Nachbarsjungen Rico und dessen hochbegabten Freund Oscar, um „Die Scheidung ist durch“ bei den „Müffelchen“ genannten Schnittchen und Sekt zu feiern, verursacht aber auch dem Leser ein Ziehen in der Herzgegend. Denn Rico, dessen feine Antennen für die Seelennöte anderer wir schon in Andreas Steinhöfels großem Roman „Rico, Oscar und die Tieferschatten“ lieben lernten, weiß ebenso altklug wie klug, dass „es eben einfach schwierig ist, bis ans Ende seines Lebens allein statt zu zweit auf einem Plüschsofa zu sitzen“.

          Das Böse und das Graue nehmen mitten in Ricos Leben Platz

          Im neuen Roman „Rico, Oscar und das Herzgebreche“ sind nicht nur die schönen Kapitelbilder und Bingokugeln von Illustrator Peter Schössow ganz in Grautönen gehalten. Bei aller Situationskomik ist es Kummer aller Schattierungen, der die Erwachsenen und die Kinder prägt. Und Ricos Mama hat ein ganz großes Herzgebreche, aber das verschweigt sie ihm lange. Diesmal nehmen das Böse und das Graue mitten in Ricos Leben Platz. Seine Mutter ist Täterin und Opfer zugleich in dem Kriminalfall, den Rico und Oscar lösen müssen.

          Weil Rico, der „Tiefbegabte“, in weniger poetischer Bezeichnung ein Kind mit dem Krankheitsbild Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivität ist, fangen die Gedanken wie Bingokugeln in seinem Kopf an zu rotieren. Er muss sie noch öfter als bei seinem ersten Abenteuer sortieren, Tagebuch schreiben und Begriffe in kleinen Kästchen erklären, was wieder ausgesprochen vergnüglich ist, denn Rico versteht es, auch schwierige Sachen zu klären: „Ohne Empfindsamkeit ist man unsensibel, behält aber immer gute Laune, zum Beispiel, wenn jemand vor einem zufällig die Treppe runterfällt. Man muss ihn dann aber liegen lassen, sonst zählt es nicht.“

          Einfühlsam und präzise in Kinderseelen hineingedacht

          Vor allem aber geht es in „Rico, Oscar und das Herzgebreche“ um die Themen, die Steinhöfel beschäftigen, seit vor 18 Jahren sein erstes Kinderbuch „Dirk und ich“ erschien. Um Vertrauen und Loyalität - zwischen Eltern und Kindern und zwischen Freunden. Ricos und Oscars ungleiche Freundschaft wird ordentlich strapaziert, nicht nur durch den Krimi, den sie erleben. Rico weiß, trotz aller Ängste, ganz gewiss: Seine Mutter liebt ihn und würde nie etwas tun, was sie und ihn auseinanderbrächte. Oscar hingegen wird von seinem Vater im Stich gelassen. Verwaisende Eltern und vernachlässigte Kinder bevölkern Steinhöfels Bücher; im Grunde ist Rico, nicht nur wegen seiner Krankheit, eine Ausnahme unter seinen Helden. Er hat zwar nur eine Mutter, die aber kümmert sich bestens um ihn, auch wenn sie nachts als Bardame in einem Animierclub arbeitet. Oscar aber ist wie Max in Steinhöfels „Mechanischen Prinzen“, der von sich sagt, seine Mutter sei nicht dabei gewesen, als er geboren wurde; oder Olaf aus „Beschützer der Diebe“. Allerdings hat Oscar nicht zu viel Taschengeld, sondern einen Vater, der Hartz IV vertrinkt.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.