Ist das Leben für alle so schwierig? Wird es besser, wenn man erwachsen ist? Warum kann man etwas schrecklich vermissen und trotzdem Angst davor haben? Diese großen Fragen stellt sich Virág, sie ist elf Jahre alt. Ein Mädchen mit dunklen Locken, das über die Simpsons lacht, seine türkische Freundin Bilge gern hat und fasziniert die Fische im Aquarium betrachtet. Was Virág sehr vermisst, ist ihr Zuhause. Ein richtiges Zuhause, wie es früher eines war.
Wenn Virágs Welt instabil zu werden droht, dann fängt nicht nur der Körper des Mädchens an zu zittern, sondern auch das zu vibrieren, was eigentlich unverrückbar ist: Wände, Straßen und Garagendächer. Aber nicht nur das Felsenfeste schwankt, auch das Mädchen selbst scheint immer häufiger außer Rand und Band zu geraten, dann lacht Virág hysterisch bis zum Zusammenbruch oder nimmt Bilge unkontrolliert in den Klammergriff.
Nachdem sie in der Schule den Song „Ring them Bells“ von Bob Dylan gehört hat, fühlt sich Virág innerlich sortiert und glaubt, einen Ausweg aus ihrem für sie wie für andere undefinierbaren Unwohlsein zu kennen: Sie muss die Welt in Ordnung schreien, explodieren wie das Feuerwerk über Budapest, das sie auf Video hat. Ihr Brüllen bis zum Umfallen markiert dann aber doch nur den vorläufigen Höhepunkt ihrer Ausfälle. In der psychiatrischen Abteilung der Kinderklinik kommt sie zur Besinnung und will vor allem eins wissen: „Hab ich genug geschrien?“
An Zuwendung mangelt es der Tochter nicht
Genug wozu? Virág ist nicht im klassischen Sinne traumatisiert, ihre Welt ist gar nicht so sehr in Unordnung, wie ihr Zustand vermuten lässt, jedenfalls nicht mehr, als es in vielen anderen Familien auch der Fall ist, ohne dass sich alle Kinder mit den Fingernägeln die Haut aufreißen, sich blutig kratzen und andere Auffälligkeiten zeigen. Mit seinem neuen Jugendroman bedient Andreas Schendel ein Thema der Zeit: die Zunahme psychosomatischer Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen. Jedes fünfte Kind ist heute behandlungsbedürftig, sagen Studien, mindestens. Die Gründe für die Erkrankungen sind so vielfältig wie die Symptome. Schulischer Leistungsdruck, Konflikte in der Familie oder die Trennung der Eltern begünstigen psychosomatische Beschwerden, auch die Arbeitslosigkeit eines Elternteils kann Auslöser sein wie bei Virág.
Die Stimmung zwischen den Eheleuten ist frostig, der Vater trinkt, der Gram der Mutter ist an den immer häufiger verweinten Augen abzulesen. Virágs Eltern kümmern sich dennoch liebevoll, an Zuwendung mangelt es der Tochter nicht. Buchstäblich aus der Haut fahren könnte Virág aber über die Sprachlosigkeit, die zwischen ihren Eltern herrscht. Im ins Wanken geratenen familiären Gefüge will das Mädchen unbewusst den Moderator geben, die Eltern zur Not durch Schreien zur Annäherung zwingen. Eine Aufgabe, an der sie nur scheitern kann.
Auch die Seele kann sich ein Bein brechen
Nach etlichen psychotherapeutischen „Quasselstunden“ dämmert es Virág, dass nicht sie verrückt ist, aber dass sich in ihrem Leben vieles zum Unguten verschoben hat. Andreas Schendel, der neben anderen Fächern auch Psychologie studiert hat, zeigt zwar einen jungen Menschen, dessen Verunsicherung zu einer „Ganzeweltangst“ angewachsen ist, macht aus dessen Nöten aber glücklicherweise keine Fallstudie eines verkorksten Lebens. Gelungen ist ihm eine – nahezu durchgängig aus der Sicht des Mädchens geschilderte – sehr persönliche und doch angenehm objektive Zustandsbeschreibung einer Lebenskrise.
Nicht zu übersehen sind Schendels Verständnis für die Dünnhäutigkeit seiner Heldin und seine Zuversicht, dass seelische Beschädigungen kein Grund für Perspektivlosigkeit sein müssen. Sensibel und mit großer Empathie erzählt er davon, dass auch die Seele sich ein Bein brechen kann.
Dass offenbleibt, wann oder auch ob Virág gesund wird, ist das einzig glaubhafte Ende. Der Weg dürfte eher mühsam werden. Man wird dem Mädchen nicht einmal viel Hoffnung machen können, dass das Leben im Erwachsenenalter viel einfacher wird. Auch dazu wird, wer will, bei Bob Dylan fündig: „Life is hard“.