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„abc.de“ von Iwona Chmielewska : Eine Tür führt zum Tierarzt, die andere zu Tom Tykwer

Iwona Chmielewska: „abc.de“. Gimpel Verlag, Langenhagen 2015. 96 S., geb., 19,90 €. Ab 8 J. Bild: Gimpel Verlag

A steht für Assoziation: Die polnische Illustratorin Iwona Chmielewska bringt Kindern das Alphabet bei. „abc.de“ ist Bilderrätsel und Reiseführer durch den Raum und die Zeit.

          Wie lernt man das Alphabet? Am besten spielend. Einfach einen Buchstaben zeichnen und den zu ihm gehörenden Laut von sich geben kann schließlich jeder. Wie wäre es also, wenn man die Sache gleichzeitig vereinfachen und komplizierter machen würde? Nehmen wir den Buchstaben F: Das F steht am Anfang von Flugzeug und von Frankfurt. Und wer an Flugzeuge denkt und an Frankfurt, dem kommt wahrscheinlich genau das in den Sinn, was auch die polnische Illustratorin Iwona Chmielewska in ihrem neuen Buch gezeichnet hat: ein weiter, sich über den Hochhäusern der Stadt spannender Himmel, an dem sich die Kondensstreifen der Flugzeuge kreuzen wie Stäbe beim Mikado - wobei diese Stäbe hier, rein zufällig natürlich, so gefallen sind, dass sie mit ein wenig Phantasie einen Buchstaben bilden. Nämlich welchen? Versteht sich.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das F ist in Chmielewskas Buch „abc.de“ also nicht nur der Anfangsbuchstabe zweier Worte, sondern auch Element eines Bildes, das sich assoziativ aus diesen Wörtern ergibt. Und so geschieht es mit allen anderen Buchstaben: das W, wie Wind, findet sich in den Rotorblättern eines Windrades wieder, aber auch in dem Muster, das die noch tropfnasse Wäsche bildet, die gerade auf die Leine gehängt worden ist. Das Z, wie Zaun, wird von einem ebensolchen versinnbildlicht. Das Q, wie Quartett, von einer Schallplatte, auf der die Nadel genau so liegt, dass ihr Arm gemeinsam mit dem Rund der Platte besagten Buchstaben nachbildet.

          Um die Buchstabenbilder herum

          Nicht immer aber ist die Sache so leicht zu durchschauen wie in diesen Beispielen. Manchmal liegen die Dinge komplizierter, wie etwa beim H. Denn die beiden klavierspielenden Hände auf dem dazugehörigen Bild ergeben noch keinen Buchstaben. Man muss auch den aufgeklappten Deckel des Klaviers mit in den Blick nehmen, um auf dessen glänzendem Lack die Spiegelung dieser Hände zu sehen - und dann den ganzen Buchstaben zu erkennen, als dessen Bindeglied die Klaviatur fungiert. Ähnlich verhält es sich beim T, wie Tür: Das Bild zeigt zwei nebeneinanderliegende Türen (eine führt zum Tierarzt, die andere zu Tom Tykwer), die von unterschiedlich gemusterten Tapeten umrahmt sind. Und erst diese Tapeten bilden den Buchstaben.

          Was die 1960 geborene Iwona Chmielewska in ihrem Buch anbietet, ist zunächst also ein Wahrnehmungsspiel: Sie lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters von der Abstraktion der Schrift auf deren Anverwandlungen im Bild. Das ist eine schöne Sehschule, aber beileibe nicht die einzige Aufgabe, die es zu lösen gilt. Denn immer wieder finden sich in den Zeichnungen mehr oder weniger gut versteckte Hinweise meist auf Menschen oder Orte, mit denen sich um die Buchstabenbilder herum ganze Geschichten erzählen lassen. H wie Hände beispielsweise, aber auch wie G. F. Händel. Und wie Halle, Hamburg und Hannover. Beim Buchstaben K gerät man auf diese Weise auf die Fährte des Künstlers Klimt, der ein Bild namens „Der Kuss“ gemalt hat. Und beim K wie Kerze sehen wir das Schreibzimmer von einem gewissen Immanuel Kant, das sich in Königsberg befindet.

          Keine Grenzen

          Jenseits des Bilderrätsels ist das Buch also auch als eine Art Reiseführer, der gleichzeitig durch den Raum, durch Deutschland, wie durch die Zeit führt, nämlich die deutsche Kulturgeschichte. Wie weit man diese Reise ausdehnt, wird dabei zum überwiegenden Teil von den Vorlesern abhängen, die Chmielewska auf kluge Weise in die Entstehung des Textes miteinbezieht. Was fällt einem zu G. F. Händel ein? Und was zu Immanuel Kant? Wo war nochmal die Quelle der Donau? Und wie ging doch gleich die Geschichte von der goldenen Gans? Das sind hier so die Fragen, auf die sich ebenso gut in weiten Exkursen wie in knappen Stichwörtern antworten lässt.

          Zu dieser Offenheit passt, dass Iwona Chmielewska zu weiteren Grenzübertritten einlädt, indem sie von einzelnen Wörtern die jeweils englische, französische und polnische Übersetzung notiert und somit einmal mehr den Raum für jene Assoziationen öffnet, um die es in ihrem ganzen Buch letztlich geht: Während man die Welt gerade erst zu entziffern lernt, erfahren die jungen Leser hier zugleich auf sinnliche Weise, dass ihr keine Grenzen gesetzt sind. Dass sie sich als eine Art Klettergerüst begreifen lässt, in dem man sich von einem Namen zu einem Ort und weiter zu einer Anekdote hangeln kann, wobei man nie weiß, was einen an der nächsten Gabelung erwartet. Das Erzählen von Geschichten ist bei Iwona Chmielewska, von der auf Deutsch bislang erst „Blumkas Tagebuch“ (2012) erschienen ist, jedenfalls keine lineare Angelegenheit. Folgerichtig erinnert auch ihre eigene Bildsprache an eine Collage, in der sich kleine fotographische Elemente mit detailgetreuen Zeichnungen von historischen Monumenten und Gesichtern sowie mit Symbolen, Zeichen und Formeln zu etwas verbinden, was von ferne an ein Wimmelbuch erinnert. An eines eben, dessen Geschichten noch zu erzählen sind.

          Iwona Chmielewska: „abc.de“. Gimpel Verlag, Langenhagen 2015. 96 S., geb., 19,90 €. Ab 8 J.

          Quelle: F.A.Z.

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