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Kafka-Rezension der „Welt“ : Krauses Zeug

  • -Aktualisiert am

Der jüngere Kafka: Eine späte Interpretation sorgt für Wirbel – und Ungemach. Bild: dpa

Ladenhüter im Sommerloch? Die „Welt“ hält Kafka für sexuell gestört, sollte sich aber eingestehen, dass dies nur ein Ausdruck der eigenen Verzweiflung – oder gar ein Selbstbild ist. Eine Replik.

          Was macht man, wenn sich ein Autor allen Kategorisierungen entzieht? Nun, man behilft sich – wie Tilman Krause gerade in der „Welt“ – mit seinen Exegeten, nimmt für bare Münze, was sie verbreiten, und schon bieten sich die schönsten Angriffsflächen. Im Überschwang des Glücksgefühls, es einem unerreichbaren Idol mal ordentlich zu geben, wird dann leicht übersehen, dass man den Herrn prügelt, aber eigentlich den Knecht meint.

          Über Franz Kafka ist vieles geschrieben worden, gerühmte Geister haben sich an ihm versucht – der anhaltenden Wirkung seines Werks hat dies keinen Abbruch getan. Mancher hat ihn zum weisen Seher künftigen Geschehens stilisiert. Nun, eines hat er offenbar tatsächlich kommen sehen: dass seine Texte, einmal losgelassen, ein Eigenleben entwickeln und krude Deutungen ermöglichen, die den Unmut nicht nur kleiner Frauen auf ihn als Urheber lenken.

          Man könnte denken, bei der Flut des über ihn Geschriebenen, den dickbändigen biographischen Abhandlungen wie den kleinen Miszellen, seien schon alle Klischees abgehandelt, und ist dann doch immer wieder überrascht, wenn aus längst überkommen geglaubten Allgemeinplätzen mit Triumphgeheul ein neuer Popanz aufgebaut wird.

          Armer Kafka. Wer sich in jeglicher Hinsicht so wenig festlegen lässt wie er, der lässt sich leicht vereinnahmen – oder zynisch als Gegenfigur ablehnen. Dabei eignet er sich, anders etwa als sein Zeitgenosse Thomas Mann, für keine Bewegung als Galionsfigur. Zu diskret, was sein Sexualleben betraf, lässt sich allerdings auch in dieser Hinsicht alles Mögliche auf ihn projizieren: von unterdrückter Homosexualität bis zu nicht ausgelebtem sadomasochistischen Sex in der Ehe. Da malt sich mancher ein Bild, ohne zu merken, dass es ein Selbstbildnis ist, wenn er versucht, dem Autor verzweifelt beizukommen, dessen Werk sich verschließt. Aber auch das hat schon Kafka erkannt: „Die Schrift ist unveränderlich, und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.“

          zum Autor

          Der Autor ist Mitherausgeber der Kritischen Ausgabe der Werke Franz Kafkas.

          Quelle: F.A.Z.

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