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1 Buch, 1 Satz : Therapie ohne Therapeut

Bild: FAZ.NET

Familiäre Dreiecksbeziehung zwischen Frauen: Wie funktionieren diese? Schriftstellerin Nadja Spiegelman liefert ein jugendweises Werk über ihre Mutter und Großmutter.

          Im Original heißt dieses Buch „I’m Supposed to Protect You from All This“, und dieses Ich des Titels ist nicht das der Ich-Erzählerin, sondern das ihrer Mutter. Die hatte sich in jungen Jahren einem älteren Mann hingegeben, den sie bewunderte, aber so, wie die Sache sich abgespielt hat – ganz à la Weinstein –, muss man wohl eher von einer Vergewaltigung sprechen. Doch die Mutter sagt der Tochter Jahrzehnte später: „Es wäre an mir gewesen, es besser zu wissen. Es lag in meiner Verantwortung.“ Und dann sagt sie: „Es tut mir so leid. Mein armes Mädchen.“ Als die Tochter sie daraufhin fragt, warum es ihr denn leid tun sollte, folgt jene Antwort, die dem Buch den Originaltitel gegeben hat: „Weil ich deine Mutter bin. Es ist meine Aufgabe, solche Dinge von dir fernzuhalten.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im Deutschen heißt das Buch „Was nie geschehen ist“, und das mag zwar ein weniger sperriger Titel sein, aber er kann sich nicht unmittelbar auf den Inhalt berufen. Vielmehr deutet er das, was erzählt wird, auf bestimmte Weise aus. Gegenstand des Buchs ist das Bemühen seiner Verfasserin, etwas über das Leben ihrer Mutter zu erfahren, ihr Vorleben, ehe die Tochter zur Welt kam. Und da auch die Großmutter noch lebt, lässt sich die Enkelin sich auch von dieser über die Mutter erzählen, und einiges davon kommt nicht zur Deckung. Das wirft die Frage auf, was denn nun wirklich geschehen ist. Ob etwas davon nie geschehen ist, diese Frage stellt sich jedoch nie. Denn es geht in diesem Buch nicht um Wahrheit und Lüge.

          Eltern prägen durch Verschweigen

          Es geht darum, wie Eltern ein Leben prägen, und zwar nicht durch Erziehung, sondern durch Verschweigen. Und zwar aus besten Absichten – um gewisse Dinge von ihren Kindern fernzuhalten. Aber das macht diese Dinge gerade nicht ungeschehen, ganz im Gegenteil werden sie unausgesprochen zu bestimmenden Einflüssen, weil ihre Existenz wiederum die Eltern bestimmt hat.

          Wobei dieses Buch nur auf ein Elternteil abzielt: die Mutter. Das ist auf den ersten Blick überraschend, denn die Verfasserin heißt Nadja Spiegelman. Sie ist die Tochter eines weltberühmten Vaters, des Comiczeichners Art Spiegelman. Allerdings ist auch ihre Mutter eine eindrucksvolle Persönlichkeit: Françoise Mouly, die Art-Direktorin des „New Yorker“. Sie brachte als Französin eine ganz andere Kultur mit, als sie 1974 aus Paris nach Amerika ging. Das Buch beginnt mit einer wunderbaren Szene, in der Mouly ihre beiden Kinder, Nadja und den etwas jüngeren Dashiell, währen einer Autofahrt durch eine Gewitternacht an der Küste aussteigen lässt, um mit ihnen spontan schwimmen zu gehen, während der Vater ängstlich am Wagen bleibt.

          Nadja Spiegelman im Arm ihrer Mutter Françoise Mouly

          „Meine Mutter“, schreibt Nadja Spiegelman, „missachtete die meisten Gefahren. Sie tat sie als amerikanische Konstrukte ab, erfunden von jenen verhuschten Frauen, die auch ihr Gemüse wuschen.“ Es ist fast eine Heldinnengeschichte, die hier zunächst erzählt wird, aber natürlich spielt das Wissen darum, dass Art Spiegelmans Eltern nur mit Glück die Schoa überlebt haben – wovon der Comiczeichner in seinem berühmten Buch „Maus“ berichtet –, eine Rolle bei unserer Wahrnehmung dieser Situation. Wie es auch von Bedeutung ist, dass Nadja außer ihrem Vater kein anderes älteres Familienmitglied der Spiegelmans kennenlernen konnte – ihre Großmutter väterlicherseits nahm sich 1968 das Leben, der Großvater starb 1982, fünf Jahre vor Nadjas Geburt –, aber bei ihren Besuchen in Frankreich mit der zahlreichen Mouly-Sippe konfrontiert wurde.

          Fokus liegt ganz bei der Frau

          Françoise Mouly wurde 1955 geboren, als mittlere Tochter eines Paars, das sich später entzweien sollte. Die drei Mädchen wurden aufgeteilt, und Françoise blieb in der Obhut ihrer Mutter Josée. Das Verhältnis beider zueinander war aus Sicht der Tochter angespannt, und daran ließ sie im Gespräch mit ihrer eigenen Tochter nie einen Zweifel. Seit 2009 trug sich Nadja Spiegelman mit dem Gedanken, ein Buch über ihre Mutter Françoise Mouly zu schreiben, das auf deren Erinnerungen beruhen sollte. „Du weißt schon, dass das, was wir hier machen, große Ähnlichkeit mit Maus hat“, sagt Mouly zu Beginn der Gespräche. „Also mit dem, was dein Vater gemacht hat, als er seinen Vater interviewt hat.“ Aber ihre Tochter antwortete, dass sie nun das tue, was er nie tun konnte, weil seine Mutter bereits tot war, als er für „Maus“ zu recherchieren begann. Fortan vertraute Françoise Mouly ihrer Tochter und ließ sich auf deren Vorhaben ein.

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