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Jugendbuch „Die Vernichteten“ : Big Data und eine Revolutionärin mit Namen Ria

Eines der Vorbilder für die Science-Fiction Welt von Poznanski: Fitnessarmbänder messen heute den Puls oder zählen die verbrauchten Kalorien. Bild: NIKE Fuelband

Endlich: Der dritte Band der Jugendbuchtrilogie von Ursula Poznanski ist da. Das Buch „Die Vernichteten“ durchzieht eine bohrende Frage: Wie nutzt man Überwachungstechniken gegen die Überwacher?

          Wer einen Salvator trägt, der hat es geschafft. Er gehört zu den Auserwählten, die einmal die Geschicke der ganzen Nation bestimmen sollen. Dafür wird er in speziellen Schulen bestens ausgebildet: als Biologe oder Physiker, Politiker oder Militär. Und damit so viel Aufwand nicht vergeblich ist, überwacht sein Salvator, ein Hightech-Armband, seine Körperfunktionen und übermittelt sie ständig an die medizinische Abteilung seines Wohnorts. Steigt der Puls des Zöglings über einen bestimmten Wert, fängt der Salvator an zu vibrieren. Steigt er weiter, hört man ein schrilles Piepsen. Das Gerät registriert die Ernährung seines Trägers und gleicht aus, was schiefzulaufen droht: Wenn die Elitekader von morgen in der Schulmensa ihr Essen abholen, tischt man ihnen dort das auf, was der Salvator zuvor bestimmt hat.

          Man muss nicht sehr weit gehen, um im Salvator, den die Bestsellerautorin Ursula Poznanski für ihre vor zwei Jahren mit „Die Verratenen“ begonnene Jugendbuchtrilogie erfunden hat, das Abbild der heute so populären Fitnessarmbänder zu erkennen. Medizinische Daten werden erhoben und dorthin übermittelt, wo ein Interesse am körperlichen Zustand derjenigen Person besteht, die das Armband trägt.

          Geraubte Kinder am Rand der Welt

          In der Realität sind dort diejenigen, die mit den Daten forschen, Gesundheitspolitik betreiben und ihre Geschäfte machen, was oft gar nicht zu trennen ist. Im Roman sind das die Machthaber einer künftigen Welt, Menschen, die sich nach einer Naturkatastrophe in eine Reihe von Glaskuppeln zurückgezogen haben, während alle anderen in arktischer Kälte vor sich hin vegetieren und allenfalls in den Trümmern der untergegangenen Zivilisation etwas Schutz finden. Die einen, so lernen es die Sphärenbewohner, stellen ihr ganzes Leben in den Dienst des Fortschritts, der einmal allen zugutekommen soll, auch den Barbaren jenseits der Kuppel, und verzichten dafür auf Privatsphäre ebenso wie auf die Familiengründung - üblich ist hier die Erzeugung von genetisch optimiertem Nachwuchs in der Petrischale und die anschließende Betreuung der Kinder durch Erzieherinnen und Mentoren. Die anderen aber vergelten alle guten Taten, alle Hilfspakete, die aus den zwischen den Kuppeln verkehrenden Magnetschwebebahnen in die Wildnis geworfen werden, nur mit Aggression und Überfällen auf ihre Helfer. Salvatoren verschwendet man an diese Barbaren jedenfalls nicht.

          So klar strukturiert, wie diese Welt erscheint, ist sie natürlich nicht, und Ursula Poznanski erschüttert schon im ersten Teil die Überzeugungen ihrer Heldin, der achtzehnjährigen Ria, mit großer erzählerischer Raffinesse. Denn Ria und ihr Freund Aureljo, die beide in der Hierarchie der Nachwuchskräfte auf den vordersten Plätzen zu finden sind, entgehen im ersten Band nur knapp dem über sie verhängten Todesurteil und müssen in die arktische Wildnis fliehen. Dort lernen sie, dass es mit der Fürsorge der Sphärenbewohner für die sogenannten „Prims“ nicht weit her ist, dass die regelmäßig dort gefundenen Kinder, die angeblich von ihren Müttern ausgesetzt wurden, tatsächlich geraubt worden sind, um den Fortbestand der Sphären zu sichern.

          Ihre Bücher sind Bestseller: Ursula Poznanski lebt in Wien

          Auch Ria, die sich selbst immer für eine künstlich erzeugte „Vitro“ gehalten hatte, erkennt irgendwann, dass sie dieses Schicksal teilt, also einmal einem Clan angehörte. Ria wird herausgerissen aus einer Welt, in der Schönheitsoperationen je nach eingeschlagener Laufbahn alltäglich sind, so wie im Fall ihres Freundes Aureljo, der einmal Präsident der Sphärenwelt werden soll: „Vor dem Eingriff war es ein gutes Gesicht voller Freundlichkeit, jetzt ist es bezwingend. Man sieht Aureljo an und vertraut ihm, möchte ihm nahe sein, möchte ihm zuhören. So ist es gedacht.“ Es ist eine Welt, in der man seinen Körper, seine eigenen Anlagen und Fähigkeiten als von der Gemeinschaft geplant anzusehen gewohnt ist, in der die Namen schon bei der Geburt nach der Funktion vergeben werden, die der Säugling später einmal ausfüllen soll und sich die Frage nach den biologischen Eltern viel weniger stellt als die nach deren Genen. Ria aber fragt plötzlich und zunehmend dringlich nach ihrer Identität: Was macht sie eigentlich aus, wie steht es um ihre Emotionen, deren Vertuschung sie jahrelang trainiert hatte, wem gegenüber ist sie loyal und warum?

          Diese letzte Frage durchzieht die gesamte Trilogie, deren abschließender Band „Die Vernichteten“ dieser Tage erschienen ist. Und es ist Ursula Poznanski hoch anzurechnen, dass sie diese eben nicht nur auf der Ebene der Protagonisten abhandelt, sondern sie viel grundsätzlicher stellt: Welche Rolle spielt Big Data in Rias Welt (und damit potentiell in unserer)? Wie steht es um Fluch und Segen des Salvator?

          Am Anfang erlebt Ria das datengierige Armband eher als lästig. „Mein Salvator vibriert, er meldet einen ungewöhnlichen Pulsanstieg“, heißt es einmal, als Ria andere belauscht: „Wenn ich nicht aufpasse, wird er zu piepsen beginnen. Ruhig also!“ Denn auch das stellt Poznanski dar: Wer sich überwacht weiß, findet im Lauf der Zeit Mittel und Wege, die Geräte zu täuschen, und sei es durch kontrolliertes Atmen - „mein Salvator wird keinen Grund haben, eine Meldung zu schicken“.

          Als sie erkennt, dass das Gerät mit einem versteckten Mikrofon ausgestattet ist, also Töne nicht nur sendet, sondern auch empfängt, nennt sie es einen „tragbaren Spion“. Dabei belässt es die Autorin aber nicht. Denn als etwa später die in die Wildnis ausgestoßene Ria bei ihrer Freundin Tomma Anzeichen einer Grippe bemerkt und schließlich sieht, wie sich der Zustand des Mädchens immer weiter verschlechtert, wünscht sie sich nichts so sehr wie die diagnostischen Möglichkeiten eines Salvators und die darauf aufbauende medizinische Versorgung. „In einer halben Stunde“, so glaubt sie, wäre Tomma wieder gesund. Statt dessen stirbt Tomma, weil nichts, so scheint es, ihr helfen kann, was die Heiler der Prims bereithalten.

          Guter Salvator, böser Salvator? Dass gerade die jugendlichen Leser der Trilogie in dieser Frage ein plattes Urteil schlucken würden, ist unwahrscheinlich, und die Pointe, die Poznanski aus dieser Ambivalenz bezieht, zielt gerade nicht auf eine moralische Bewertung eines technischen Artefakts. Am Ende ihrer Trilogie avanciert das Instrument der Datensammler, der Manipulatoren und Unterdrücker zu einem Werkzeug der Aufklärung, indem einer von Rias Freunden das System hackt und das Empfangsgerät Salvator zum Verbreiter einer Botschaft macht, die alles umkehrt in der Sphärenwelt: Aus Überwachung wird Information. Verantwortlich, so mag man sich das deuten, sind am Ende nicht die Werkzeuge, sondern diejenigen, die sie nutzen. Dass jedenfalls auch die Autorin die Kanäle heutiger Social Media zu bedienen weiß, liest man nicht nur ihrer Website ab. In der Danksagung am Ende von „Die Vernichteten“ tröstet sie ihre Freunde, die sie während des Schreibprozesses lange nicht gesehen hätten, mit dem Satz: „We still have Facebook“.

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