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Hörbuch von Margot Friedlander : Wenn die Stimme leise zittert

  • -Aktualisiert am

Margot Friedlander bei der Verleihung des Einhard-Preises (2009) für ihre Autobiographie „Versuche, dein Leben zu machen.“ Bild: Rainer Wohlfahrt

Margot Friedlander berichtet im Hörbuch „Versuche, dein Leben zu machen” von ihrer Zeit als Jüdin im Untergrund. Ein eindrucksvolles Dokument über ein weniger bekanntes Kapitel des Holocaust – und die Lebensgeschichte einer bemerkenswerten Frau.

          Siebzig Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Selbst die jüngsten Zeitzeugen, zur Zeit des Kriegs noch im Kindesalter, sind heute fünfundsiebzig Jahre und älter. Es sind nicht mehr viele, die von den Greueln des Nationalsozialismus aus eigener Erfahrung berichten können - der lebendige Zugang zu diesem Kapitel der Vergangenheit wird den Jüngeren von diesem Zeitpunkt an für immer verschlossen sein. Besonders die Erinnerung an den Holocaust wird dann nur noch in Geschichtsbüchern und Erzählungen aus zweiter Hand existieren.

          Ein Hörbuch wird zum lebendigen Dokument

          Noch ist es nicht so weit. Margot Friedlander gehört zum kleinen Kreis derjenigen, die ihr Wissen noch weitergeben können und wollen. 1921 in Berlin geboren, versteckte sich die Jüdin über ein Jahr im Untergrund und überlebte den Holocaust als Einzige ihrer Familie nur knapp. 1946 emigrierte sie mit ihrem Ehemann nach New York, erst im Jahr 2010 kehrte die damals Neunundachtzigjährige in ihre frühere Heimatstadt zurück. Unermüdlich bereist sie seitdem Schulen in ganz Deutschland, um Zeugnis abzulegen über ihr Leben und Überleben. Ermutigt von Freunden, begann sie, die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. 2008 veröffentlichte sie ihre Autobiographie „Versuche, dein Leben zu machen“, die jetzt auch als Hörbuch erschienen ist.

          Trotz ihres hohen Alters liest die Autorin die 272 ungekürzten Seiten auf acht CDs selbst ein. Und das ist gut so. Denn Margot Friedlanders Geschichte wird dank dieser Leistung zum lebendigen Dokument. Ihre Schilderung beginnt mit dem Tag ihrer Flucht in den Untergrund, wobei „Flucht“ einen Plan suggeriert, den die damals Einundzwanzigjährige nicht hatte. Als ihr Bruder Ralph im Januar 1943 verhaftet wird und die Mutter dem Siebenjährigen freiwillig zur Polizei folgt, um ihm beizustehen, steht Margot unvermittelt allein da. Sie ist auf sich gestellt. Der eigenen Verhaftung durch die Gestapo entkommt sie nur durch Zufall. Ihre Familie wird sie nie wiedersehen. Eine letzte Botschaft der Mutter erhält sie mündlich durch eine Nachbarin: „Versuche, dein Leben zu machen.“ Für Margot Friedlander sind es „kalte Worte, aus dem Mund fremder Leute“, doch sie werden zur Losung.

          Margot Friedlander schildert ihre eigene Lebensgeschichte mit großer Nüchternheit, unprätentiös und deshalb umso einprägsamer. Ihre warme, weiche Stimme ist für eine Vierundneunzigjährige von erstaunlicher Klarheit. Nur schwach hört man ab und an eine amerikanische Färbung in der Aussprache, die die Jahrzehnte in New York hinterlassen haben. Schnörkellos beschreibt sie die ständige Ungewissheit, das Gefühl der Abhängigkeit von anderen, das sich oft nur haarfein von Hilflosigkeit unterscheidet, aber auch die Hilfsbereitschaft, die sie von Menschen erfährt, die sich in Gefahr begeben, um sie zu verstecken.

          Margot Friedlander mit Malin Schwerdtfeger: „Versuche, dein Leben zu machen“. Als Jüdin versteckt in Berlin. Verlag speak low, Berlin 2015. 8 CDs, 620 Min., 29,80 €.
          Margot Friedlander mit Malin Schwerdtfeger: „Versuche, dein Leben zu machen“. Als Jüdin versteckt in Berlin. Verlag speak low, Berlin 2015. 8 CDs, 620 Min., 29,80 €. : Bild: Verlag speak low

          Vielleicht ist dieser ungeschönte Blick auf das eigene Leben Margot Friedlanders größte Stärke - über ihre schlimmsten Erlebnisse im Konzentrationslager Theresienstadt spricht sie genauso sachlich wie über die wenigen, lichteren Momente ihrer fünfzehn Monate im Untergrund. Nur selten meint man, ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu spüren. Die Stelle, an der sie von ihrer Verhaftung berichtet, gehört dazu. Hier wird Margot Friedlander immer leiser, tastender. Als sie schließlich die Worte „Ich bin jüdisch“ ausspricht, mit der sie sich im April 1944 zwei jüdischen „Greifern“ zu erkennen gibt, wirkt ihre Stimme beinahe brüchig. Die Vergangenheit ist längst Geschichte, doch für Margot Friedlander ist sie immer noch präsent.

          Ohne Zweifel wäre es einfacher gewesen, die Autobiographie mit einer ausgebildeten Schauspielerin aufzunehmen, die womöglich ein besseres Gespür für Dynamik und Rhythmik hätte, um einen solchen Text lebendig zu machen. Dass sich die Produzenten jedoch dafür entschieden haben, die Autorin selbst zu Wort kommen zu lassen, erweist sich als Glücksgriff und besondere Leistung. So entsteht der Eindruck einer hochwertig aufgezeichneten Lesung eher denn eines im Studio produzierten Hörbuchs. Und auch wenn eine Aufzeichnung immer nur ein schaler Ersatz für das direkte Erleben und die Interaktion mit einem Zeitzeugen sein kann, konserviert diese doch zumindest einen kleinen Teil der Person und der Geschichte Margot Friedlanders - ihre Worte werden bestehen bleiben.

          Margot Friedlander mit Malin Schwerdtfeger: „Versuche, dein Leben zu machen“. Als Jüdin versteckt in Berlin. Verlag speak low, Berlin 2015. 8 CDs, 620 Min., 29,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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