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Sonntag, 12. Februar 2012
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Joseph O'Neill: „Niederland“ Die letzten Bürger von Pompeji leben in New York

06.03.2009 ·  Ein Mann, ein Ehepaar, eine Stadt und ein Land in der Krise: Joseph O'Neill hat mit „Niederland“ einen Roman über Amerika nach den Anschlägen vom elften September geschrieben. Mindestens so sehr wie von New Yorkern handelt er aber von Europäern.

Von Felicitas von Lovenberg
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In Amerika herrscht wahrlich kein Mangel an erzählerischer Weite. In einem Land, wo man nicht mehr als sich selbst erfinden muss, das aber möglichst immer wieder von vorn, neigt die Literatur seit je zum Visionären, zu mythisch überhöhten Schilderungen: Das hilft bei der Interpretation einer Welt, die inzwischen zwar nicht mehr ganz so neu ist, aber die permanente Erneuerung zum Prinzip erhoben hat. Daraus erklärt sich, warum die Suche nach der great American novel, von der ja schon einige geschrieben wurden – etwa von Melville, Scott Fitzgerald, Salinger, Bellow, Updike, Roth, Franzen, um nur einige zu nennen –, also nach einem Roman, der das Land in seiner momentanen Befindlichkeit sprachmächtig erfasst, unablässig weitergeht.

Erstaunlicherweise heißt der neuste Anwärter auf diesen Thron Joseph O’Neill. Erstaunlich nicht etwa, weil O’Neill gebürtiger Ire ist, eine türkische Mutter hat, in Holland aufwuchs, in Cambridge Jura studierte und erst seit kurzem amerikanischer Staatsbürger ist, sondern weil sein Roman „Netherland“, der im vergangenen Jahr einen fast widerstandslosen Triumphzug durch die amerikanischen Feuilletons hingelegt hat (die einzige, dafür höchst bemerkenswerte Gegenstimme war die der Schriftstellerin Zadie Smith im „New York Review of Books“), annähernd so viel über akute europäische Befindlichkeiten verrät wie über die Vereinigten Staaten nach den Anschlägen vom 11. September 2001, also über „post-America“, wie O’Neill es lakonisch nennt. Während das Werk beim britischen Booker-Preis letztlich leer ausging („zu amerikanisch“, vermuteten Kommentatoren), wurde es in den Vereinigten Staaten gleich mit mehreren wichtigen Auszeichnungen bedacht. An diesem Wochenende erscheint „Niederland“ in deutscher Übersetzung.

Erschöpft vor Angst

Der Erzähler heißt Hans van den Broek, ein holländischer Investmentbanker in den Vierzigern. Ende der neunziger Jahre war Hans mit seiner Frau Rachel, einer taffen Wirtschaftsanwältin, von London nach New York gezogen; die Stadt reizte sie als Erfahrung, man wollte ein paar Jahre bleiben und dann nach Europa, ins gemütlichere England, zurückkehren. Die Anschläge auf das World Trade Center vertreiben sie aus ihrem schicken Loft im nahgelegenen Tribeca; die kleine Familie – mittlerweile ist Sohn Jake geboren – sucht Unterschlupf im Chelsea Hotel, legendäres Asyl für alle Arten Künstler mit kleinem Gepäck. Was als Provisorium gedacht war, wird zum Dauerzustand; wie von einer Lähmung befallen, sind sie unfähig, in ihr Heim zurückzukehren. Schwer wie ein Kettenhemd liegen Schock, Trauer und Angst auf ihnen, blockieren jegliche Veränderung und machen noch Rituale der Intimität zum Kraftakt: „Wenn es ein ständiges Symptom der Krankheit in unserem Leben gab, so war es die Müdigkeit. Bei der Arbeit waren wir unermüdlich; zu Hause überforderte uns schon die kleinste lebhafte Geste.“ O’Neills Schilderung von Anzeichen und Auswirkungen dieses Betäubungsgefühls ist beklemmend. Denn nicht nur die einstige Wohnung, ganz New York wird den van den Broeks zur Falle: „Wir versuchten zu verstehen, ob wir uns – wie die europäischen Juden in den Dreißigern oder die letzten Bürger von Pompeji – in einer präapokalyptischen Situation befanden, oder ob unsere Situation lediglich apokalysennah war, wie die Bewohner von New York, London, Washington und auch Moskau zur Zeit des Kalten Krieges.“

Rachel beschließt, mit Jake nach England zurückzugehen; Hans könne ja alle vierzehn Tage nach London fliegen, um seinen Sohn zu sehen. Die Erkenntnis, dass seine Frau nicht nur die traumatisierte Stadt, sondern auch ihn verlassen will, fällt Hans vollends. Nach ihrer Abreise, benommen vor Einsamkeit, „kam ich mir so vor, als wäre ich im Chelsea Hotel hospitalisiert“.

Rettung durch Cricket

Cricket, ein Zeitvertreib aus Jugendtagen, wird zu einer Art Rettung, ja Erlösung für Hans. Das Spielfeld auf Staten Island und die Mannschaft, die sich dort zusammenfindet, mögen nur noch entfernt an das hochästhetisierte englische Vorbild erinnern; was zählt, ist der Geist. Die zahlreichen O’Neills Cricket-Schilderungen sind elegisch: „Männer in Weiß aus einem Spiel mischten sich unter Männer in Weiß aus einem anderen, eine Fülle von Bowlern ließen gleichzeitig in der typisch windmühlenhaften Bewegung den Arm herumwirbeln, eine Vielzahl von Batsmen schwang zugleich das flache Schlagholz aus Weide, und von milchweißen Sprintern gejagte Bälle flogen in alle Richtungen.“ Soziologen mögen das Cricketfeld, wo Männer aus Trinidad, Guyana, Jamaika, Indien, Pakistan und Sri Lanka aufeinandertreffen, als Schmelztiegel der Kulturen sehen, aber Hans interessiert es nicht sonderlich, dass er der einzige weiße Cricketspieler in New York ist. Ihm geht es um das Gemeinschaftsgefühl von Heimweh und Entwurzelung in seiner Mannschaft – und um eine Vision von „gerechteren Verhältnissen“. Cricket, diese als Spiel getarnte Lektion in Zivilisation, werde garantiert von Sehnsüchten, „die mit erblickten oder halluzinierten, in jedem Fall aber längst aus den Augen verlorenen Horizonten und Potenzialen zu tun haben, mit Verlockungen, welche die Rückgängigmachung von Verlusten betreffen, die zu privat und zu verwerflich sind, als dass man sie sich selbst, geschweige denn anderen eingestehen könnte“.

Wenn man nur ein wenig anfällig ist für dieses Pathos, das wie aus einer früheren Epoche mächtig in diesen Roman hineinweht, dann ist es ein wirkungsvoller Kunstgriff, den O’Neill hier anwendet: In bildmächtigen Szenen, in denen wie auf einem Gemälde Brueghels jedes Detail mit Bedeutung aufgeladen ist, beschwört er die mythischen Dimensionen des Cricket – ein Sport übrigens, den auch sein ansonsten so konträrer irischer Landsmann Samuel Beckett liebte. Cricket ist das Einzige, was Hans aus seiner Passivität zu reißen vermag; Spiel und Mannschaft werden ihm zum Inbegriff aller Versionen von New York, die er kennenlernt. Nicht um den amerikanischen Traum, sondern um jene, die ihn träumen, geht es O’Neill.

Der falsche Freund

Beim Cricket lernt Hans auch Chuck kennen. Chuck Ramkissoon stammt aus Trinidad und ist alles, was Hans nicht ist. Die Gewissheiten, die dem Holländer ebenso chronisch abgehen wie jegliche Zuversicht, besitzt er im Überfluss – und hat keinerlei Scheu, sie auszusprechen. Wenn es um Cricket geht, wird er zum Prediger. Und weil diese, so Chucks Überzeugung, „mehr als jede andere Sportart eine Lektion in Höflichkeit“ ist, gedenkt er, in diesem Sinne mit Cricket die Welt zu retten und nebenbei selbst ein reicher Mann zu werden. Der seriöse Bankier aus Europa kommt ihm da gerade recht. Von einer Freundschaft zwischen den beiden kann allerdings keine rechte Rede sein; es ist eher so, dass Chuck sich Hans kapert und dieser es mit sich geschehen lässt – schließlich hat er ohnehin nichts Besseres zu tun.

„Niederland“ handle von Cricket wie „Moby-Dick“ vom Walfang, schrieb ein amerikanischer Rezensent, nämlich nur insofern, als dass die beschriebenen Vorgänge großartig zum metaphorischen Licht- und Schattenspiel taugten. Weniger in Halogenstärke angestrahlt und anrührender gelingt O’Neill diese Wirkung in den Passagen, in denen Hans sich an seine Jugend erinnert, als ihm das puppenhaushafte Holland, dieses „glückliche Land“, die Welt war. Als er Jahre später als erwachsener Mann kurz vor deren Tod ins Haus seiner Mutter zurückkehrt und aus jenem Fenster schaut, das in seiner Kindheit eine Szenerie rahmte, „die, wie ich als Junge beschlossen hatte, mein alleiniges Eigentum war“, stellt er fest: „Nichts davon war mehr in meinem Besitz. Aber wenn nicht das – die Frage drückte sich als Gemütsbewegung aus –, was dann?“

Rip Van Winkle kehrt zurück

Hier gewinnt der blasse Hans van den Broek, dieser Wiedergänger von Rip Van Winkle und nicht von Scott Fitzgeralds „Gatsby“, endlich Kontur als ein Jedermann der Moderne, voller Selbstzweifel, Erinnerungen, Sehnsüchte und Ängste, immer auf der Suche nach der eigenen Authentizität. Panisch versucht er die Weggabelungen auszumachen, an denen sein Leben einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Aber es geling ihm nicht: „Wir befinden uns im Reich nicht der Logik, sondern der Wehmut, und ich muss darauf bestehen, dass Wehmut ein achtbarer, ernsthafter Zustand ist. Wie wollte man sonst einen Großteil seiner Sehnsucht erklären?“

Von dieser Brüchigkeit zeugt, wenn schon nicht die Sprache des Romans, so doch zumindest seine Struktur, in der die Erzählung hin- und herfliegt wie ein Cricketball: in eleganten Bögen, die den Betrachter indes schon mal verwirren können. Markante Orts- und Zeitwechsel zwischen New York, London und Den Haag vollziehen sich oft beiläufig binnen eines Satzes. So, wie dieser post-amerikanische Roman New Yorker Zustände nach 2001 offenlegt, ist auch die Beziehung von Hans und Rachel vom ständigen Bewusstsein des Danach geprägt: Er beschreibt die Ereignisse, als er wieder in London lebt, wieder mit Rachel zusammen ist, wieder vollwertiger Vater sein darf und nicht mehr Cricket spielt. Größere Sicherheit oder Freiheit von Angst verheißt diese Perspektive nicht. Hans kann die Spuren des Elends, in das ihn die Trennung von Frau und Kind fühlbar gestürzt hat, nicht mehr abschütteln, wenngleich Rachels ganzes Verhalten für den Leser ebenso rätselhaft bleibt wie die Frage, wieso Hans sich diese Frau, die sich vor allem durch Kaltschnäuzigkeit auszeichnet und ihren Mann stets etwas von oben herab behandelt, so rückhaltslos zurückwünscht.

Der verkleinerte Untergang

Ungeachtet seines komfortablen Wohlstands ist Hans ein Schiffbrüchiger, der andauernd fürchtet, weniger zu sein als die Summe seiner Erlebnisse und Erfahrungen. Zurück in England, ist die Ernüchterung unmittelbar und brutal: „Unverändert ist die allgemeine, dem Leben zugewandte Unbeschwertheit, die sich nichts weismachen lässt und darauf abzielt, die Bedeutung unserer Errungenschaften und unseres Untergangs zu verkleinern, und die, so habe ich mir überlegt, zur bizarr verfrühten Kristallisierung des Lebens hier beiträgt.“ In New York hingegen, erinnert Hans sich wehmütig, schien „der Hügel der Selbstgewissheit stets vorauszuliegen und einen Blick auf fernere, höhere Gipfel zu verheißen“.

Sprachlich hingegen wird der Gipfel der Selbstgewissheit unentwegt erreicht. Die Prosa O’Neills weiß alles von der Erschütterung ihres Protagonisten, aber sie vermittelt sie nicht. Die Sätze dieses Autors sind wie aus Stein gemeißelt, markant und eindeutig. Man findet darin historisches Bewusstsein, Tiefenschärfe, Schönheit – nur nicht den Zweifel an sich und der Welt, der Hans van den Broek umtreibt. Und so irritiert gerade die Eleganz von O’Neills Stil: „Wieder starrte ich aus dem Fenster. Der Schneefall hatte aufgehört. Die Stadt war in eine kalte Toga gehüllt.“ Überhaupt geraten ihm Wetterbeschreibungen fast so ekstatisch wie die Cricketpassagen: „In meinem letzten amerikanischen August folgte ein Gewitter dem anderen. Ich kann mir immer noch eine grüne, fast unterseeische Atmosphäre vergegenwärtigen, Hagelkörner, die wie Würfel auf dem Asphalt hüpften.“

Mit „Niederland“ beweist Joseph O’Neill, dass man in einer Sprache, die nur vom Vorher weiß, vom Nachher erzählen kann. Leider hebt er damit seine Geschichte auf einen Sockel, von dem sie nur noch stürzen kann. Vielleicht macht sie gerade das zu einem großen post-amerikanischen Roman.

Joseph O'Neill: „Niederland“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 315 S., geb., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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