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Veröffentlicht: 24.02.2017, 22:48 Uhr

Thriller-Debüt Los Angeles als Schießstand

Joe Ides Debüt „I.Q.“ zeigt, dass er seinen Sherlock kennt. Die Genauigkeit der Geschichte erzeugt eine nicht nachlassende Dramatik. Nur das Ende lässt leider Thriller-Wünsche offen.

von Kai Spanke
© Suhrkamp Verlag Joe Ide: „I.Q.“. Thriller. Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 387 S., br., 14,95 €.

Los geht es wie im Drehbuch. Boyd, ein sexuell desorientierter Vorzeigepsychopath, kidnappt eine Schülerin, was jedoch von dem genialen Hobbydetektiv Isaiah Quintabe bemerkt wird. Zwischen den Männern kommt es zum Showdown, dessen Finale kurz gesagt so aussieht: Granatwerfer, Prügel, Happy End. Joe Ide, der Autor des Spektakels, muss nun, da der Täter gefasst ist, Nägel mit Köpfen machen und spendiert seinem Thriller „I.Q.“ nach immerhin fast fünfzig Seiten einen Neustart. Von Boyd und dem Mädchen hören wir nie wieder.

Der filmreife Beginn leitet zum eigentlichen Plot über, welcher aus zwei Geschichten besteht. Die erste handelt davon, wie das Leben des jugendlichen Isaiah in einem unseligen Moment aus der Spur gerät. Als er dann noch dem Kriminellen Juanell Dodson begegnet, setzt eine Kettenreaktion ein, in deren Verlauf sich Los Angeles in einen Schießstand verwandelt. Die zweite Geschichte ereignet sich sieben Jahre später und verhält sich antithetisch zur ersten. Geläutert und charakterfest, ermitteln die ehemaligen Delinquenten für den Gangster-Rapper Calvin Wright alias Black the Knife, auf den Anschläge verübt wurden.

Lupenreiner Slang

Isaiah erledigt den Job mit Konzentration und Scharfsinn, ein geistreicher Sherlock Holmes aus Long Beach, der Schlüsse zieht, auf die sonst niemand kommen würde. Dodson hingegen verschleudert seine Worte und brilliert vor allem als lustiger Stichwortgeber.

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Zur kreuzweise aufgebauten Struktur des Romans gehört auch, dass die Brutalos des ersten Erzählstrangs tatsächlich uneingeschränkt brutal sind, während Wright zwar vom Image des Chauvis zehrt, de facto aber unter einem Burnout leidet, Ratgeberliteratur liest und sich von Quinoa mit gedämpftem Grünkohl ernährt. Seine künstlerische Sprache hat er längst verloren, was Ide wettmacht, indem er konkurrierende Register wild abmischt: Neben dem Erzähler erzeugen die in lupenreinem Slang hingerotzten Dialoge der Gangster Authentizität. Quer dazu stehen eingestreute Texte von Rap-Songs, die das Geschehen mit einer unterleibslastigen Künstlichkeit würzen.

Ide hat seinen Roman mit viel Stoff beladen, der abgearbeitet werden will. Wie leichthändig ihm das gelingt, verwundert angesichts des Umstands, dass es sich bei „I.Q.“ um ein Debüt handelt. Hier wird kaum ein Ereignis läppisch weggehaspelt, kaum ein Schauplatz lieblos umrissen. So ist etwa die Szene, in der Wright von einem überzüchteten Monster-Pitbull gejagt und fast zerfetzt wird (ein Ignorant, wer nicht an den „Hund von Baskerville“ denkt), in punkto Aufbau und Steigerung makellos. Nur das Ende nimmt sich so vorhersehbar aus, dass ein Genie wie Isaiah Quintabe zur Lösung gar nicht nötig gewesen wäre - das hätte Watson, Pardon: Dodson auch im Alleingang regeln können.

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