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„Im Herzen der Gewalt“ : Der Gangster mit der zarten Haut

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Louis setzt aber auch seine Tiefenbohrungen in die verschiedenen Gesellschaftsschichten fort, die er in seinem ersten Buch über die Flucht aus seiner Familie begonnen hatte. Immer wieder bleibt er an Überlegungen hängen, die ihm für das retrospektive Verstehen der Geschehnisse wichtig sind. Auf Reda beispielsweise, dessen Vater sich einst mit vier anderen Männern ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer in einem Heim für Einwanderer teilte, muss Edouard Louis’ zwar winziges, aber mit Büchern vollgestelltes Appartement unweit der schönen Place de la République wie eine distinguierte Bleibe gewirkt haben. Die sozialen Codes, die sich in der Wohnung materialisierten, machten ihn in Redas Augen also zu einem der anderen – was nach Meinung aller drei Erzählinstanzen in dem Buch die grausame Tat überhaupt erst ermöglicht hat. Mit anderen Worten: Hätte Reda gewusst, dass beide in Wahrheit eine ähnlich erbärmliche Herkunftsgeschichte teilen, wäre zwischen ihnen ein anderes Band entstanden, hätte ein anderes Machtverhältnis gewirkt.

So einig sich Edouard Louis und seine Schwester im Buch in diesem Punkt sind, so uneins sind sie in vielen anderen. Clara sieht ihren Bruder natürlich anders als er sich selbst. Da ist es nur fair und im Grunde folgerichtig, dass Louis sie zu Wort kommen lässt. Denn nach „Das Ende von Eddy“, in dem er wirklich kein gutes Haar an der ärmlichen, engen, rassistischen und dümmlich-machohaften Welt seiner Kindheit ließ, hatte man sich durchaus gefragt, wie sich seine Familie eigentlich gefühlt haben mag, als sie erfuhr, was er von ihr hielt. In gewisser Weise lässt Louis diese Frage nun durch seine Schwester beantworten: Clara beschäftigt sich viel mit Edouard, er ist ihr wichtig, das zeigt ihr ausschweifender Bericht. Aber sie hält ihn auch für arrogant, für begriffsstutzig und langsam. Und für fehlgeleitet, wenn er glaubt, er habe in seiner Familie vor allem Ablehnung erfahren.

Das aber bleibt, wie vieles andere in diesem Buch, eine Frage der Perspektive, die sich nicht klären, sondern nur beleuchten lässt. Darum geht es Edouard Louis. Er, der nicht zufällig auch ein Buch über Pierre Bourdieu geschrieben hat, interessiert sich für die feinen Gesetze, die jede Begegnung unter Menschen prägen, und für das, was geschieht, wenn sich jemand den tradierten Kommunikations- und Deutungsmustern entzieht. Schon sein erstes Buch konnte man in diesem Sinn wie eine Feldstudie über einen Jungen lesen, der den Normen in dessen nordfranzösischer Heimat nicht entsprach. Auch sein neues Buch ist eine Art in Literatur gegossenes Experiment. Es lotet die Konsequenzen seiner Fehleinschätzung von Reda aus, es erzählt von den Fallstricken der Wahrnehmung. Und von einer Gewalt, die jede Faser seines Lebens durchzieht, zersetzt und vergiftet und ihn zwingt, noch einmal von vorn anzufangen, sich buchstäblich neu zu erfinden. Aber das kennt Louis schon. Das ist sein großes Thema.

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