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Veröffentlicht: 02.06.2017, 21:50 Uhr

Hörbuch über Sissinghurst Übernachtungsgäste waren ihr ein Greuel

Pflanzenglück in Hörbuchform: Die Schriftsteller Vita Sackville-West und Harold Nicolson lebten ihre besondere Ehe in einem Traumgarten aus. Das hört sich gut an.

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© Bildagentur Huber Zeichen einer Ehe: Der Rosengarten von Sissinghurst Castle.

Es ist nicht immer nur Lage, Lage, Lage. Beim zweiten Besuch des Anwesens, am 6. April 1939, war es beim Anblick der Nussbaumallee um die Kaufinteressenten geschehen. Vita Sackville-West und Harold Nicolson entschlossen sich, das aus dem sechzehnten Jahrhundert stammende Anwesen Sissinghurst in der Grafschaft Kent zu kaufen. Obwohl, wie der Gatte in seinemTagebuch notiert, es äußerst unklug wäre, weil zu teuer und zu altmodisch. Mehr als zwölftausend Pfund Kaufpreis plus mindestens fünfzehntausend Pfund für die Renovierung. Für ein Ehepaar, das vom Schreiben lebt, eine immense Belastung. Für das Geld bekäme man „ein wundervolles Haus, komplett mit Park, Garage, Heißwasserversorgung, Zentralheizung, historischer Bedeutung und zwei Torhäusern“. Dummerweise fallen ihm aber noch viel mehr Argumente ein, die für Sissinghurst Castle sprechen.

Hannes Hintermeier Folgen:

Es ist der Beginn einer mehr als drei Jahrzehnte währenden Gartengestaltungsoffensive: Er als Stratege die großen Linien planend, sie als akribische Taktikerin und Tüftlerin, die umarrangiert, sammelt, Tagebuch führt. Pflanze für Pflanze wird katalogisiert, deren Lieblingsboden vermerkt, Höhenwachstum registriert, die Verträglichkeit mit Nachbargewächsen analysiert. Parallel dazu wächst die Innigkeit der ehelichen Beziehung, auf den ersten Blick eine perfekte Symbiose – wäre da nicht der irritierende Umstand, dass beide Eheleute gleichgeschlechtliche Affären pflegen. Auch dies ein Teil des Rufes, den sie weithin genießen und der sie vor dem Vergessen rettet: Virginia Woolf hat ihrer Freundin Vita in dem Roman „Orlando“ sogar ein literarisches Denkmal gesetzt.

Der luftige Durchgang einer Ehe

Doch diese literaturgeschichtliche Autobahn lässt Julia Bachstein mit gutem Recht beiseite. In dem von ihr vor zwanzig Jahren nach einem Besuch bei Sohn Nigel Nicolson kompilierten Büchlein, das jetzt bei Schöffling wieder aufgelegt wurde und aktuell den ersten Platz der hr2-Hörbuchbestenliste belegt, montiert sie Tagebuchausschnitte, Zeitungs- und Hörfunkbeiträge und Passagen aus Nigel Nicolsons Erinnerungen „Portrait of a Marriage“ (1973) zu einem luftigen Durchgang durch Garten- und Beziehungsgeschichte. Marit Beyer liest das ebenmäßig, mit einer feminin geschürzten Oberlippe der gebildeten Stände, inwendig deutlich näher an Vita denn an Harold.

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Kaum haben die Pflanzarbeiten begonnen, droht der Weltkrieg Sissinghurst auszuradieren, das genau auf der Anflugroute der deutschen Luftwaffe liegt. Das Anwesen übersteht die Gefahr und erlebt in den fünfziger Jahren die Umgestaltung in eingehegte Themengärten, in denen es neben dem obligatorischen Rosen- und Kräutergarten auch einen Bauern- und einen Nussgarten gibt. Extravagant ist der weiße Garten, bis heute Vorbild für viele Gartenliebhaber. Bald spricht sich herum, welches Kleinod entstanden ist, die ersten zahlenden Besucher kommen, von Vita des Eintritts wegen „Shillings“ genannt.

Vita Sackville-West: Ihr Heim ist ihre Burg

Vita Sackville-West verteidigt ihr Heim als überlebensnotwendigen Rückzugsort für ihre innere geistige Freiheit. Bei der Zimmerplanung achtet sie darauf, keine unnötigen Gästezimmer vorzuhalten – Übernachtungsgäste waren ihr ein Greuel. Harold Nicolson ist aufgrund seiner Aufgaben als Publizist, Diplomat und Abgeordneter des Unterhauses mehr unterwegs als seine Frau. Bei gemeinsamen Reisen kehren sie niemals ohne Pflanzensamen und Ableger zurück. Wenn Harold zum Dienst nach London fährt, tut er das nie ohne Blumen für seine Wohnung. Anstatt sich für einen Empfang neu einzukleiden, gibt sie das Geld lieber für neue Blumen aus. Und er schreibt: „Ich glaube nicht, dass ich, einmal von Winston (Churchill) abgesehen, jemanden so sehr bewundere wie Dich.“ Es ist das Zeitalter der Gattenbriefe, und die beiden schreiben sich anrührende Bekenntnisse – darin immer wiederkehrend der Garten als Lebensform und Bindeglied.

1962 stirbt Vita Sackville-West, und gerade einmal fünf Jahre nach ihrem Tod – ihr Mann lebte bis 1968 – geschieht das, was Vita in ihrem Tagebuch wie eine Furie von sich wies: Niemals werde sie das Haus dem National Trust übergeben. Ihr Sohn Nigel aber sah als Erbe in diesem Schritt die einzige Chance, Sissinghurst zu erhalten. Heute, fünfzig Jahre später, muss man sagen: Er hat es richtig gemacht. Der Andrang ist so groß, dass die Denkmalschützer mittlerweile im Jahr 160.000 und keinen Besucher mehr einlassen; mehr verkraftet der Garten nicht. Wer das Buch gelesen, das Hörbuch gehört hat, wird Sissinghurst als Reiseziel ins Auge fassen.

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