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Hiromi Kawakami: Herr Nakano und die Frauen : Sinnsuche im Trödelladen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein filigraner Initiationsroman: Die 1958 in Tokio geborene Hiromi Kawakami erweist sich in ihrer neuem Roman, der in einem Trödelladen in Tokios Studentenviertel spielt, als Chronistin gesellschaftlicher Umbruche.

          Die 1958 in Tokio geborene Hiromi Kawakami erweist sich nach ihrer auch von der deutschen Kritik gefeierten, ätherisch-fragilen Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und ihrem alten Japanischlehrer „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“, die 2008 auf Deutsch erschien, auch in ihrem neuen Roman, der vor vier Jahren im Original erschien, als Chronistin gesellschaftlicher Umbrüche und Rückbesinnungen im Möglichkeitsspiegel der Moderne.

          Die Kneipe als Bezugspunkt der Liebenden im vorigen Werk wird hier mit dem „Trödelladen Nakano“ in einem Studentenviertel im Westen Tokios vertauscht. Sein zeitentrückter Mikrokosmos genügt der Autorin als Welterklärungsmodell. Protagonisten sind der altmodische Inhaber Herr Nakano und dessen Mätressen, Verwandte, jungen Angestellte – eine filigrane Liebesbande verbindet die Erzählerin Hitomi und Takeo – und Kunden: Ein alter Kunstlehrer bietet Aktfotos seiner verlorenen Jugend feil, eine von der Liebe enttäuschte Puppenmacherin stellt lebensechte und pflegeleichte Imitate des Menschen aus, ein Mann gibt dem Geschäft eine mit Groll angefüllte Seladon-Schale, ein Abschiedsgeschenk der Geliebten, zur Aufbewahrung.

          Kawakamis Retro-Universum

          Die bedeutungsvolle Dingwelt steht kontrapunktisch zur Statik der Akteure, im suggestiv-sogkräftigen Liebesreigen orchestrieren die Objekte der Sammlerbegierde amouröse Handlungsstränge. Die Aura, Patina, Beläge und Beschichtungen der Messingfeuerzeuge, stumpfen Brieföffner, Nähmaschinen, Ventilatoren oder unscharfen Brillen bezeugen die Befindlichkeit der Helden, die sich umkreisen, umschmeicheln, streiten, begehren.

          Japans Puppenspielästhetik prägt Kawakamis Retro-Universum: „Ich merkte, dass Takeo hinter mir den Raum verließ. Hatte ich ihn einmal wahrgenommen, war mir, als flösse ein schwacher elektrischer Strom von ihm zu mir, und die ihm zugewandten Stellen meines Körpers begannen zu prickeln. In dem Moment, als er die Tür zum Hinterhof öffnete, spürte ich einen Ruck, als ob ich in der Mitte meines Rückens von einer Schnur nach hinten gezogen würde, die zerriss, als Takeo die Tür schloss.“

          Lebensschule des Antikladens

          Doch auch im Refugium des Stadtviertels evozieren Phänomene wie Love Hotels, „Ruhestandsscheidung“ oder Zeitarbeitsverhältnisse eine ihrer traditionellen Kulte, Objekte und Verortungen verlustig gehende Moderne. So fällt letzten Endes auch Nakanos Laden der Umstellung auf den Internethandel und Umstrukturierungsmaßnahmen zum Opfer. Nachdem Hitomi und Takeo, die sich im Gefühlschaos des Tante-Emma-Ladens täglich begegneten und doch verfehlten, ihre Anstellung verlieren, finden sie „wie in einer schlechten Fernsehserie“ zufällig in einer Computerfirma zusammen.

          Befreit vom Moratorium zwischen Traum und Trödel, gelingt ihnen in Zeiten der Globalisierung analog zum „zweiten Leben“ der Secondhandstücke außerhalb der Lebensschule des Antikladens ein gleichwohl auf den angestaubten Traditionsbeständen und Codes des alten Japan aufbauender Neuanfang: „Auch den Umgang mit Excel hatte ich schnell gelernt. Das Einzige, was mir noch schwerfiel, war das morgendliche Schminkritual.“

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