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Günter Grass' Tagebuch : Der Hut der Geschichte

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„Nach dieser Reise verhängt mich doch Traurigkeit”: Grass 1990 im polnischen Frombork Bild:

Nahezu jede Prognose haut daneben: Günter Grass' Tagebuch des Jahres 1990 dokumentiert seinen Ein-Mann-Ausflug gegen die Währungsunion und die Wiedervereinigung. Und so manche Passage liest man im Wissen um die so lange verschwiegene SS-Mitgliedschaft anders.

          Günter Grass' Tagebuch des Jahres 1990 erscheint unter dem Titel „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland“, beginnt und endet aber in Portugal, wo der Dichter ein Ferienhaus hat. Das Buch kommt zur rechten Zeit. Die Schulden für die Einheit sind abbezahlt, der Bund kann darangehen, frische Schulden zu machen, dieses Mal leider nicht, um Millionen von Landsleuten aus der unverschuldeten Unfreiheit zu helfen, sondern um Banker rauszuhauen, die die Freiheit für eine Droge hielten. Leider ist ihr Ruin aufgrund eines Tricks im System auch unser Ruin. Nun wird die Schuldenuhr wieder auf Anfang gestellt, es beginnt eine neue Zeit.

          Aber noch etwas war, für die, die sich für Geschichte interessieren, offen, nämlich die Frage, weshalb sich ein Teil der nichtkommunistischen Linken damals vom geschichtlichen Zug in Richtung Einheit abgekoppelt hat. Die Frage bleibt, wohin sie eigentlich wollten und wo sie heute zum Stehen gekommen sind. Wohin wäre die Reise gegangen, wäre man damals Grass gefolgt? Algarve für alle? Und wie ist es da?

          Acht Kinder, vier Mütter

          Schwierig, sagt das Tagebuch. Der Aufenthalt des Dichters und seiner Frau ist zunächst einmal eine Sache in Zahlen, und die, man denkt an Churchills „Albtraum der statistischen Kurven“, haben es in sich: Siebenundachtzig Kakteen pflanzt Grass um das Haus herum, einen Dreiviertelliter Tinte holt er aus gleichnamigen Fischen, ja und da gibt es noch, wie er bedrückt zu Beginn des Buches schreibt, die „Wirrnis“ namens „Großfamilie“: Acht Kinder, davon sechs leibliche, verzeichnet Grass, und mit denen ist so weit alles okay, kommen aber noch „vier Mütter“ hinzu, die natürlich nicht seine sind, obwohl Grass, wie sein unterdessen verstoßener Biograph Michael Jürgs schreibt, auch eine zweite, amerikanische Mutter hat, aber die ist jetzt nicht gemeint, sondern die vier ehemaligen und jetzigen Partnerinnen von Grass. Der also resümiert die Lage zu Anfang des Jahres: „Zwar sind die Kinder, doch nicht die Mütter unter einen Hut zu bringen.“

          Schätzt gute Zuhörer: Günter Grass

          So beginnt für ihn neun-null, als Deutschland etwa Jean-Luc Godard verführerisch blinkend erschien, weswegen er seinen Film „Allemagne Neuf Zero“ genannt hat, so schön neu im Jahre null, aber der hatte eben auch keine vier Mütter und einen zu kleinen Hut. Problem scheint, dass die Großfamilie nur von dem, der ihr vorsteht als solche gesehen wird, die assoziierten Frauen halten in ihrem Plural, so der Eindruck bei der Lektüre, ganz gerne an der Paarkonstellation fest, und Grass' Ehefrau Ute eben auch. Dass während ihrer Zeit Günter Grass eine Tochter bekommt, deren Mutter Ingrid heißt, und Grass oft unterwegs zur Kleinfamilie in Berlin ist, hebt ihre Laune nicht. Der Hut sitzt eng und macht Kopfschmerzen, glücklicherweise bietet sich, so ist es ja die Art der Männer, die Weltgeschichte an, den Hut auf gar keinen Fall zu ziehen, sondern zu wechseln: Strohhut des zeichnenden Ferienhausbesitzers ab, Baskenmütze des Aktivisten auf. In die DDR soll es gehen, da will er längere Zeit Quartier nehmen, dort zeichnen und schreiben und sich ein Bild machen. Wenig Bock mitzukommen hat die Ehefrau, Grass notiert leicht beleidigt, er werde darum einen Schlafsack für sich allein kaufen.

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