02.02.2009 · Pünktlich zum zweihundertsten Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy erscheint eine ausführliche Biographie. R. Larry Todd zeichnet das Leben des Komponisten im Spiegel seiner benachteiligten Schwester Fanny.
Von Julia SpinolaWieso fehlt zwischen den Namen Mendelssohn und Bartholdy eigentlich der Bindestrich? Und warum ist immer wieder nur von Felix Mendelssohn die Rede, ohne den zweiten Familiennamen? Das und noch sehr viel mehr klärt der derzeit wichtigste Mendelssohn-Experte R. Larry Todd in seiner Biographie. Der Namenszusatz führt unmittelbar in die Assimilationsgeschichte der jüdischen Familie. Mendelssohns Onkel mütterlicherseits, Jakob Salomon, hatte Ende des achtzehnten Jahrhunderts den Namen Bartholdy zunächst seinem eigenen hinzugefügt. Nach seiner Konversion zum Protestantismus im Jahre 1805 nannte er sich dann nur noch Jacob Bartholdy. Der Name war von einem preußischen Baron übernommen worden, dem im frühen achtzehnten Jahrhundert die Meierei von Jacobs Großvater Daniel Itzig gehört hatte.
Mit seinem Schritt in den Protestantismus wurde Jakob zum Familienvorbild. Seine Schwester Lea und ihr Mann Abraham Mendelssohn ließen 1816 ihre vier Kinder in der Berliner Jerusalemskirche taufen, sechs Jahre, bevor sie selbst diesen Schritt vollzogen. Felix war damals sieben Jahre alt. Gleichzeitig kam das „Bartholdy“ zum Familiennamen hinzu. Felix nahm auch die Vornamen seines getauften Onkels an und hieß von da an eigentlich: Jacob Ludwig Felix Mendelssohn Bartholdy.
Eine Nebenbiographie für die Schwester Fanny
Das Beispiel zeigt, wie detailliert Todd den familiären Vernetzungen nachgeht. Das ganze erste Kapitel des Buches entwickelt die Vorgeschichte Felix Mendelssohns, zu der auch eine zentrale Figur der jüdischen Geistesgeschichte gehört: Der Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn, der auch Pate stand für Lessings „Nathan der Weise“, war der Großvater väterlicherseits von Felix - und eine Autorität für alle seine Nachkommen.
Einen wichtigen Strang der eindrucksvollen Studie von Todd bildet das Verhältnis des Komponisten zu seiner vier Jahre älteren Schwester Fanny. Ihr wird, über die Kapitel verteilt, eine Art Nebenbiographie in Fortsetzungen gewidmet, die gerade im Vergleich der Situation beider Geschwister höchst aufschlussreich ist. Zunächst erschienen beide durch den Genuss derselben intensiven künstlerischen Ausbildung bei Carl Friedrich Zelter und aufgrund ihrer durchaus ähnlichen Begabung noch wie ein kompositorisches Dioskurenpärchen. Fanny blieb auch bis zum Schluss die wichtigste künstlerische Beraterin ihres Bruders. Aber während Felix sich mit atemberaubendem Elan zum vielseitigen Berufskomponisten entwickelte, gab es bei Fanny eine Blockade: die Geschlechter-Schwelle.
Gemeinsam gegen das weibliche Talent
Todd zitiert, mit großem Gespür für die Schlüsselqualität der benutzten Dokumente, einen mahnenden Brief des Vaters an die Fünfzehnjährige, in dem dieser die musikalischen Zukunftsperspektiven der Geschwister vergleicht: „Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbaß Deines Seines und Tuns werden kann und soll. Ihm ist daher Ehrgeiz, Begierde, sich geltend zu machen in einer Angelegenheit, die ihm sehr wichtig vorkommt, weil er sich dazu berufen fühlt, eher nachzusehen, während es Dich vielleicht nicht weniger ehrt, daß Du von jeher Dich in diesen Fällen gutmütig und vernünftig bezeugt und durch Deine Freude an dem Beifall, den er sich erworben, bewiesen hast, dass Du ihn Dir an seiner Stelle auch würdest verdienen können. Beharre in dieser Gesinnung und diesem Betragen, sie sind weiblich, und nur das Weibliche ziert die Frauen.“
Das saß. Der paternalistische Dämpfer entfaltete aber auch deshalb dauerhafte Wirkung, weil Felix die Position des Vaters stets übernahm, wenn Fanny in dem adorierten Bruder einen Verbündeten suchte - und man muss wohl leider sagen, er tat dies wider besseres Wissen um ihr großes Talent.
Detailreich und brillant geschrieben
Natürlich geht es Todd nicht nur um Familiengeschichten. Ganz im Gegenteil: Es ist phänomenal, wie gut er sich im umfangreichen und weitverzweigten Œuvre Mendelssohns auskennt und dem Leser einen Weg durch dieses bahnt. Die großen Entwicklungsbögen im Schaffen Mendelssohns werden ebenso - und von den allerersten Anfängen an - erhellt wie die interne Struktur vieler Einzelwerke. Für jede noch so kleine Pièce, die im Text erwähnt wird, fällt auch gleich ein analytischer Kommentar ab. Und immer wieder schüttelt Todd auch für den Kenner neue Details aus dem Ärmel.
Aber nicht nur für erklärte Mendelssohn-Liebhaber, sondern auch für alle, die an der Musik und am Musikleben des neunzehnten Jahrhunderts im Allgemeinen interessiert sind, ist dieses brillant geschriebene Buch eine Pflichtlektüre.