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Veröffentlicht: 29.07.2010, 17:36 Uhr

F.A.Z.-Sachbücher der Woche Die Neuvermessung der Welt

In welchen Räumen wollen wir leben? Wie soll eine Stadt aussehen? Für Architektur und Städtebau sind das Schlüsselfragen. Doch ausgerechnet die noch junge Wissenschaft von der Raumforschung glänzt durch Praxisferne. Sachbücher der Woche.

von Michael Mönninger
© AP Als Suburbia zu blühen begann: Levitton, Bundesstaat New York, 1948

Einer der irrigsten Sätze der modernen Literatur steht auf der ersten Seite von Musils „Mann ohne Eigenschaften“: „Die Überschätzung der Frage, wo man sich befinde, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken musste.“ Leider verkannte Musil, dass die Gleichgültigkeit gegenüber Standortfragen nicht nur das Fortschrittssiegel der kulturoptimistischen Moderne war. Auch die totalitären Geopolitiker des zwanzigsten Jahrhunderts hielten wenig von territorialen Beschränkungen und dehnten ihre Suche nach Futterplätzen bis hinter den Ural aus. Die Überwindung von Raumzwängen durch emanzipatorische wie expansionistische Mobilitätsversprechen war eine der größten Obsessionen der Epoche, deren Raumverschleiß bis heute anhält.

Im Gegensatz zum privaten Wohlergehen, das weiterhin vom steten Zuwachs an Wohn-, Verkehrs-, Ruhe-, Abstands- und Bewegungsflächen lebt, haftet dem Raum als wissenschaftlicher Kategorie etwas Gespenstisches, Untotes an, von dem sich die Forschung besser fernhält. Doch mittlerweile erleben die Kulturwissenschaften eine erfreuliche Horizonterweiterung von den Sprach- und Bildbezügen zum aktuellen „spatial turn“. Diese „Raumwende“ beruht vor allem auf dem Zuwachs neuer Themen - etwa auf der Wiederentdeckung der Geographie nach 1989 oder auf dem Kollaps der ortlosen Beliebigkeitshimmel durch Nine-Eleven. Das wäre eigentlich Stoff genug für eine gründliche Neuvermessung der Welt, in der sich allerhand Dinge wieder hart im Raume stoßen. Doch weil Raumdenken unter dem Verdacht der Verdinglichung steht, richten sich die Forschungsenergien lieber auf das Rüstzeug eines disziplinenübergreifenden Raumparadigmas.

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Raumforscher sind Spezialisten des Aufräumens und Ordnens

Nach seinem Suhrkamp-Reader von 2006 mit klassischen Raumtheorien legt der Potsdamer Medienwissenschaftler Stephan Günzel nun ein ausgearbeitetes Handbuch vor, in dem 27 Autoren das stoffliche Nichts namens Raum durch alle Fachbereiche deklinieren. Anstelle einer Textcollage gibt es eine strenge Systematik, wie es sich für Raumforscher als Spezialisten des Aufräumens und Ordnens auch gehört. Der dreiteilige Band geht von den historischen Voraussetzungen in Naturwissenschaft und Kunst aus. Dabei versteht Klaus Mainzer die Raumdifferenzierungen von Aristoteles bis Einstein nicht als simple Fortschrittserzählung, sondern als Perspektivwechsel mobilisierter Anschauungsformen bis hin zum totalen Anschauungsverlust. Ebenso sieht Michaela Ott in der Kunstentwicklung von der antiken Orts- und Körperlehre zur enträumlichten Ästhetik des deutschen Idealismus keine reine Erfolgsgeschichte, sondern eine Flucht in Abstraktionen, die in Adornos Verabsolutierung der materiearmen Zeitkünste kulminiert. Das erklärt implizit auch das barbarische Gepolter in der zeitgenössischen Performance- und Theaterkunst, die das Herumlaufen im Ausgedehnten erst wieder lernen muss.

Arch-Peking © dpa Vergrößern Ein untoter Apparat: das Olympiastadion Peking

Der zweite Teil ist dem Daseinszweck und der Durchführung der neueren Raumforschung gewidmet. Herausgeber Günzel schildert, wie Kant mit seiner kopernikanischen „Raumkehre“ zwar das Subjekt zum Zentralgestirn der Welterkenntnis machte, aber dabei die Raumanschauung als präkognitive Wahrnehmungsschablone außerhalb der Vernunft plazierte. Dadurch galt der Raum fortan als Totgeburt, so dass die Zeiterfahrung ungehindert den Bewegungsfuror des progressiven Geschichtsdenkens entfesselte. Selbst Oswald Spenglers Weltgeschichte der Raumtypen als Ursymbole geriet in diesen Fortschrittssog und desavouierte sich mit haltlosen Prognosen, welche die Vordenker des Geodeterminismus inspirierten.

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