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Eugen Drewermanns Potential : Eine verpasste Chance für die Menschheit?

  • -Aktualisiert am

Eugen Drewermann auf dem ökumenischen Kirchentag 2003 Bild: Picture-Alliance

Meister des trojanischen Taktierens: Der Sachbuchautor Matthias Beier glaubt, dass Eugen Drewermann dem Katholizismus hätte ein Ende bereiten können.

          Die Stimmung im Reutlinger Methodistenseminar sei „wie sonst nur beim Fußballendspiel der Weltmeisterschaft“ gewesen. Dort verfolgte Matthias Beier 1991 den „kafkaesken Prozess“, in dem der „Fernseh-Seelsorger Deutschlands“ zum Opfer der „Inquisition“ wurde. In jenem Jahr entzog der Paderborner Bischof Degenhardt dem Theologen Eugen Drewermann die Lehrbefugnis. 1992 folgt das Predigtverbot, worauf Drewermann erklärt, er werde auch das Priesteramt nicht mehr ausüben.

          Das Schicksal Drewermanns hat Matthias Beier, der heute am Seminar einer reformierten Gemeinschaft in Indianapolis unterrichtet, zu einer Biographie angestachelt, die Enthüllungen verspricht. Mit Hagelstürmen entrüsteter Ausrufezeichen und dem Jargon seiner Kirchenkritik bleibt das Buch ganz den Emotionen der Studienzeit verpflichtet. Beier erzählt Beier von einem Mann, dessen „Bedeutung für die Menschheitsgeschichte (...) kaum überschätzt werden“ könne.

          Pazifismus, Protestantismus und Psychoanalyse

          Eugen Drewermann kommt 1940 in Bergkamen als jüngster Sohn einer Bergarbeiterfamilie auf die Welt. Angst hat er oft, im Bombenkeller, bei Fliegerangriffen, um den Vater bei einem Grubenunglück. Die Mutter betet dann, und das scheint ihr Mut zu geben. Sie ist „streng katholisch“, der evangelische Vater „nicht religiös“. Auf katholischer Seite erinnert er sich an „Aberglauben“ und „Denkverbote“, während der evangelische Onkel, ein Religionslehrer, ihm erklärt wie man „heute“ die Bibel lese. Albert Schweitzers Sicht, dass Jesus „es nicht hingenommen hätte, sich als ,Sohn Gottes‘ verehren zu lassen“, erlebt Drewermann als „großartige Entkrampfung und Widerlegung kirchlichen Dogmas“.

          Jetzt will er Theologie studieren, beginnt obendrein im Alter von sechzehn Jahren „schrecklich zu leiden“, besonders „unter Menschen, die das Leid von Krieg und Tierschlachterei ganz normal fanden“. In der Wehrdienstdebatte identifiziert er sich mit dem Pazifismus Martin Niemöllers, der Militärdienst und christlichen Glauben für unvereinbar hält. Als Pius XII. in einer Rede die Wehrdienstverweigerung in einem gerechten Krieg als unterlassene Hilfeleistung einstuft, sieht Drewermann eine „Heiligung des Krieges“ und Auslöschung des Gewissens, was zur „tiefen Existenzkrise“ führt.

          Seiner Familie teilt er mit, er wolle evangelischer Pfarrer werden, doch der Rektor des Gymnasiums, selbst Lutheraner, rät vom Übertritt ab. Drewermann vermutet, um den „Skandal“ zu vermeiden, dass ein „als sehr respektierter Musterkatholik angesehener Schüler“ von seinem Glauben abfällt. So bleibt Drewermann katholisch und beginnt die Ausbildung zum Priester für die Diözese Paderborn. Den Seminaristen begeistern weder die großen christlichen Autoren der Vergangenheit noch die ambitionierten Entwürfe zeitgenössischer Systematiker. Was ihn fasziniert, sind andere Religionen. Auf Reisen sammelt er Eindrücke, die ihm bestätigen, dass alle Religionen die gleichen Ur-Bilder enthalten. Unter Mitstudenten gilt er indessen als „konservativer Gruppensprecher“.

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