09.06.2009 · Zwischen Paris, Beirut und Sausalito: In ihren Erzählungen gibt die große Autorin Etel Adnan dem Begriff Weltliteratur eine einzigartige Bedeutung.
Von Peter DemetzViele Kritiker nennen Etel Adnan eine arabisch-amerikanische Schriftstellerin, aber selbst das potentiell so Widersprüchliche ist nicht ganz genau. Autoren arbeiten in und mit einer bestimmten Sprache, so glaubt man, und da beginnen die Schwierigkeiten, denn Etel Adnan entstammt einer griechisch-türkischen Familie im Libanon, besuchte eine französische Elite-Schule in Beirut, studierte in Paris, Berkeley und Harvard, und unterrichtete viele Jahre lang Philosophie, oder eigentlich Ästhetik, an einem kalifornischen College. Sie suchte sich den Sprachkonflikten zu entziehen, indem sie abstrakte Bilder malte oder Keramiken bildete, ehe sie sich entschloss, das Amerikanische und (nach ihrem auf Französisch verfassten Roman über Frauen im libanesischen Bürgerkrieg) die Kurzgeschichte zu wählen, wie sie die ägyptischen und amerikanischen Schriftsteller lieben. Das traditionelle Wort „Weltliteratur“ hat, im Hinblick auf ihre Erfahrungen und Entscheidungen, einen besonderen und einzigartigen Klang.
Weder Zerstreung noch Ungewissheit sind Adnans Sache, und die kräftigsten und empfindsamsten ihrer neuen Erzählungen, selbst das Intime noch im Schatten kriegerischer Ereignisse im arabischen Osten, entwickeln ein charakteristisches Muster. Wir hören überraschende Konfessionen leidenschaftlich problematischer Charaktere, und üben uns (obwohl die Autorin im Nachwort behauptet, Kurzgeschichten hätten eine deutlich optische Qualität) in einer Sympathie, die durch die Ohren geht. Schon in der ersten Geschichte gesteht ein Sohn seiner verwitweten Mama, die ihn immer verwöhnt hat, dass er endlich heiraten will, und muss sehen, wie sie ohnmächtig zu Boden stürzt. Oder Adnans alter Freund Wassep gesteht ihr die Geschichte seines Lebens, Studium in Schweden, die geliebte Erica, die er plötzlich verlässt, um in Damaskus eine andere zu heiraten und jahrzehntelang ein ruhiges, wenn nicht gar banales Leben zu führen – und dennoch ist er unfähig, Erica, die längst gestorben ist, je zu vergessen. „Er hat nie aufgehört, sie zu lieben, aber sie musste erst endgültig verschwinden, damit er zu ihr zurückkehren konnte.“
Der Himmel über Beirut
Die optische Qualität ihrer Prosa, die Adnan so am Herzen liegt, wird in den raren Vergleichen sichtbar, welche Situationen und Umstände wie mit einem Blitzlicht illuminieren. Die ohnmächtige Mutter liegt „blass wie eine Zitrone und steif wie ein Brett“ da, und im Radio jagen die Reporter nach Neuigkeiten „wie Hunde nach dem Wild“. Nur wenn sie über den Himmel von Beirut schreibt, er sei „ein Gemisch aus Nebel und Gleichgültigkeit“, verrät Etel Adnan, dass sie eigentlich vom lyrischen Gedicht herkommt, und es sind eben die Spannungen zwischen hörbarer Umgangssprache und dem plötzlichen Wetterleuchten ihrer Metaphorik, in welcher Christel Dormagen, die Übersetzerin, ihre eigene Kunst bekräftigt.
„Der Herr der Finsternis“, die Titelerzählung, kombiniert Autobiographisches, Poetisches und politisch Polemisches noch enger als sonst, ohne die offenbarende Form des Geständnisses zu opfern. Die Ereignisse sind gerafft; in den Tagen eines Dichter-Festivals in Sizilien begegnet Adnan dem berühmten Poeten Buland al-Haidari, mit dem sie einst eine Nacht in Bagdad durchtanzte. Aber der junge Mensch von damals hat sich gewandelt, ist „stämmig, scheu, ein Bild des Leidens und des Zorns“. Der arabische Dichter, der aus einer kurdischen Familie stammt, erzählt ihr sein abenteuerliches Leben und seine einstige Leidenschaft für den Diktator Saddam Hussein, dessen energische Entschlusskraft er unenendlich bewunderte, und gesteht ihr nun seine Scham über seine falschen Gefühle von einst. Damit nicht genug: ein wissbegieriger amerikanischer Literaturprofessor, der die fraglichsten Elemente einer konservativen Ideologie im Zeitalter des Golfkrieges verkörpert, stellt ihr in einem Interview missliche Fragen über die politischen Absichten Bulands. In dieser Situation versucht Adnan, sich des „delirierenden“ Professorengefasels zu erwehren, aber in einer merkwürdigen Verkehrung greift er nach einem Bande Bulands in ihrer Bibliothek und liest aus seinen Gedichten vor. So ertönt, gegen seine Absichten, die reine Stimme eines Poeten, der nicht aufgehört hat, über Zeit, Geschichte und die Menschen, in Freiheit und ohne Dogma, nachzudenken.
Nomadisches Leben
In einer anderen Gruppe von Geschichten wendet sich Adnan, auf ihre eigene Geschichte blickend, Proben aus ihren früheren Arbeiten zu, und ihre Entwicklung als Autorin wird deutlicher, wenn man die vorliegende Sammlung von hinten nach vorne zu lesen versucht. In ihrer ersten Geschichte „Hör zu Hassan“, welche sie 1960 mit fünfunddreissig Jahren in einer Zeitschrift in Kairo publizierte, weicht sie dem Sensationellen, gefälschte Dollars und Mord an einer Prostituierten, noch nicht aus. Später, in ihrem „ziemlich nomadischen Leben“, wie sie es zurückhaltend nennt, schreibt sie keine Polizei-Episoden mehr, sondern sucht eher Intimität und aufmerksame Selbstbeobachtung, vor allem in ihren Geschichten über ihre Schuljahre oder, in „Erste Leidenschaft“, einer aufrichtigen Prüfung ihrer jäh erwachenden Gefühle für ihre Mitschülerinnen Anissa, die Kameradin, und Helen, die sie ganz und gar bezaubert. Sie bekennt sich, früh und später, zu einer energischen Skepsis gegen das Fernsehen und seine manipulierte Nachrichtensendungen, und zum unentwegten Enthusiasmus für das Kino, ob für Volker Schlöndorff, der „Die Fälschung“ mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla in Beirut drehte, oder Fassbinder, über den sie aus Berlin berichtet. Das sind Orte, Wünsche und Gefühlsprojektionen, denen sie niemals entsagen will.