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Eric Weiners „Geographie des Glücks“ Der Kompass weist aufs Glücksgefühl

30.11.2008 ·  Der Journalist Eric Weiner ist dem Glück auf der Spur. Als eine Art Laien-Ethnograph hat er die Welt bereist, um herauszufinden, was die Menschen zufrieden macht. Dabei begegnet ihm leider allzu oft das Gespenst des Allgemeinen.

Von Eberhard Rathgeb
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Eric Weiner ist ein amerikanischer Journalist. Er ist für den Radiosender National Public Radio viel im Ausland gewesen, in dreißig Ländern, und war unter anderem zwei Jahre lang in Indien. Dass ein Amerikaner über das Glück schreibt, liegt im Rahmen der amerikanischen Verfassung, als das Recht, nach seinem Glück zu streben.

Hinzu kommt bei Eric Weiner eine psychische Disposition, die als Motiv für seine Glückssuche schon hinreichend genug wäre. Er hält sich für ausreichend griesgrämig, um nach einem Grund für seine temporäre Stimmungsflaute zu fahnden. Dieser Selbsteinschätzung, die auf einer langen Erfahrung beruhen wird, widerspricht sofort der Eindruck, den sein Buch hinterlässt: Weiner scheint im Grunde ganz guter Dinge zu sein. Er ist kein Witzbold, aber er muss über eine große Portion guter Laune verfügen, denn anders lassen sich die wie Kartoffeln in regelmäßigen Abständen in die Satzfurchen gelegten Pointen und der lockere Stil nicht erklären.

Strenge Glücksgrübler werden es mit Weiners Buch deswegen nicht leicht haben, das eines der besten ist, die, ganz sicher in diesem Jahr, über das Glück geschrieben worden sind. Weiner hätte daheimbleiben und dort mit klugen Büchern über das Glück nachdenken können. Er gehört nun aber zu all den Leuten, die, wenn sie einmal etwas machen, was sie nicht immer machen, es dann so machen, wie sie alles immer machen. Sie sind im Besitz einer bewährten Methode, wie sie die Dinge angehen.

Ein reisender Laien-Ethnograph

Weiner ist Journalist, mithin mit einem eher flächendeckenden Ausdrucksvolumen bedacht, und kein schaufelnder Philosoph. Eine Theorie des Glücks zu schreiben hätte für ihn wahrscheinlich bedeutet, sich in einer ihm nicht geläufigen Gegend zu verlaufen, auch wenn er während seiner Exkursionen hier und dort selbstbewusst bekennt, schon über vieles nachgedacht zu haben. Von Berufs wegen muss ihm die Idee nahegelegen haben, aus dem ihm zugänglichen und insofern wahrscheinlich häuslich anmutenden Gedankenkreis herauszutreten, das heißt aus der weitläufigen Frage nach dem Glück, dem beim landläufigen Nachdenken gerne die Konturen verlorenzugehen drohen, ein beschränktes, aber deswegen deutlich umrissenes Reiseprogramm zu machen: die Suche nach den zufriedensten Menschen der Welt, wie es im Untertitel des Buches etwas vollmundig heißt. Glücklicherweise kam ihm dabei ein Niederländer zur Hilfe.

Der Titel des Buches „Geographie des Glücks“ ist schön, aber nicht ganz richtig. Weiner beschreibt nicht die Erde mit Berg und Tal. Vielleicht muss man sagen, dass er eher als eine Art Laien-Ethnograph unterwegs ist. Doch eine „Ethnographie des Glücks“ ist sein Buch auch nicht geworden, dafür erfährt man letztendlich zu wenig über die Bräuche des Landes, in dem er gerade weilt. Und was man im Einzelnen davon erfährt, wird gleich wieder in bewährter Manier flächendeckend aufgeschüttelt, damit daraus so etwas wie eine kleine Glückserdkunde werde, deren Aussagen auf eine Stufe gestellt werden können zum Beispiel mit der Tatsache, dass es in diesem Land jährlich weniger regnet als in jenem. Insofern hat die Geographie im Titel ein gewisses Recht.

Manche sind zu arm für den globalen Glücksluxus

Weiner fährt in zehn Länder, in die Niederlande, in die Schweiz, nach Bhutan, Qatar, Island, Moldawien, nach Thailand, Großbritannien, Indien und zurück nach Amerika. In den Niederlanden beginnt er seine Reise, weil er sich hier sein Konzept bestätigen lässt. Er besucht einen holländischen Glücksforscher, der eine Datenbank angelegt hat, die Auskunft darüber gibt, welche Länder in welchem Maße glücklich sind, das heißt, in welchen Ländern in welchem Maße das Glück sich breitmacht.

Moldawien zum Beispiel ist ein trauriges Land, in Island dagegen geht das Glück jeden Tag auf. Diese nach bestimmten Kriterien erhobenen statistischen Behauptungen geben Weiner eine Route vor. Seine Reise dient der augenscheinlichen Verifikation der Daten. Er macht auf den ersten Blick das, was alle, die es sich leisten können, machen, wenn sie ihren Urlaub planen: Sie folgen dem Kompass ihres Glücksgefühls. Wo wird man in diesem Jahr hinfahren, um die Ferien glücklich zu verbringen? Die meisten Menschen sind zu arm für den globalen Glücksluxus, sie müssen daheimbleiben und sehen, wie sie dort über die Runden kommen. Wenn das gut gelingt, werden auch sie wahrscheinlich für ihre sozialen Breitengrade glücklich sein. Mag sein, dass es grundsätzlich besser wäre, Glück durch Gelingen zu ersetzen. Eric Weiner wäre sicherlich in diesem Falle zu Hause geblieben. Er hätte sich dort mit Geigenbauern, Künstlern, Krankenschwestern, Autohändlern unterhalten können. Er ist losgefahren, weil er lieber das Glück genommen hat. Das Glück ist sehr groß, aber rund und deswegen einfacher zu transportieren.

Die Schreibformel lautet: Global vergleichen und lokal ernten

Weiner schaut sich in den zehn Ländern wie ein Glücksbeauftragter um, wahrscheinlich lief er manchmal sogar mit einer Glücksbeauftragtenmütze herum. Er befragt Leute die in Städten oder Dörfern wohnen, nach ihrem Glücksgefühl, er möchte wissen, warum sie glücklich oder warum sie unglücklich sind. Er erzählt auch etwas über die Kultur sowie die natürlichen und politischen Bedingungen, die das betreffende Land und seine Bewohner prägen. Seine heitere Volkskunde gründet er auf die Nähe zu seinen Informanten.

Je enger Weiner an die Leute heranrückt, umso weiter scheint er das Gespenst des Allgemeinen verscheuchen zu können, das wie ein Schlussfolgerungen und Urteile einsaugender Wirbel über allen Ländern drohend steht, geht es doch letztlich um „die“ Thailänder, „die“ Niederländer und „die“ Inder - sonst würde das ganze Projekt in kleine private Schicksalsstudien zerfallen. Weiners touristische Glückssucherformel lautet: Lokal ernten und global vergleichen. Was am Ende herauskommt, das heißt, ob es sich lohnt, nach Island zu ziehen, oder ob man lieber nach Bhutan ausweichen soll, das wird hier nicht verraten.

Es gehört zum Reiz dieses Buches, dass seine beherzt, aber vorsichtig wie rohe Eier offerierten Einsichten in ein warmes Nest von Lebensgeschichten aus mehr oder weniger fremden Ländern eingebettet sind, von denen selbst Weiner, der durch die Welt gekommen ist, nicht sagen würde, dass er sie wirklich kennt und dass er für sie wie für seine Heimat eine Art muttersprachliches Gefühl hat. Wahrscheinlich fühlt sich ein Reisender, der über das Glück schreibt, wenigstens so lange glücklich, solange er mit gutem Gefühl über das Glück schreibt. Das merkt man dem Buch an. Es macht einen glücklichen Eindruck.

Eric Weiner: „Geographie des Glücks“. Auf der Suche nach den zufriedensten Menschen der Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernd Rullkötter und Anita Krätzer. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin 2008. 448 S., geb., 19,90 €.

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