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Ein Buch über die Liebe Sein und Haben

23.08.2009 ·  Spatzen werden bei der Fortpflanzung zwar von den gleichen uralten Hormonen gesteuert wie der Mensch, doch ihre Gefühle sind anders, sagt Richard David Precht in seinem neuen Buch zur Kunst des Liebens.

Von Cord Riechelmann
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Richard David Precht ist sechzehn Jahre alt, als er das erste Mal mit der Kunst des Liebens in Berührung kommt. Es ist Sommer in Calvi auf Korsika. Precht ist allein mit seiner Mutter in die Ferien gefahren, und das war keine gute Idee. Die Mutter war in der Midlifecrisis und der Sohn unglücklich, weil unerwidert verliebt. Mit dem vom Leben und der Liebe angegriffenen Paar sind aber noch andere Gäste im Hotel, darunter der kahlköpfige Stadtdirektor einer Kreisstadt im Sauerland. Abends beeindruckt er mit sauerländischen Verwaltungsweisheiten, tagsüber liest er im Liegestuhl Erich Fromms „Kunst des Liebens“. Dabei unterbricht er die Lektüre andauernd, um in voyeuristischer Absicht den Strand nach geeigneten Objekten abzusuchen oder Prechts Mutter Vorträge über die hohe Schule des Flirtens zu halten.

Dieser Fall, von dem Precht etwa in der Mitte seines Buches „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“ erzählt, vereint exemplarisch den Gegenstand und das Dilemma vom Schreiben über die Liebe in heutiger Zeit. Einmal ist da der diffuse Zustand eines jungen Mannes, in dem sich irgendwas rührt, ohne dass der Junge weiß, was das nun genau ist. Zum anderen gibt es da ein Buch, in dem offenbar Rat zu finden ist, wie mit dem Chaos in einem selbst umzugehen ist beziehungsweise wie man das Chaos sogar zur Kunst erheben kann. Das Problem ist nur, dass der Typ, der das Buch liest, so unsympathisch ist, dass damit auch der Rat unbrauchbar wird.

Die Verachtung der Freunde

„Die Kunst des Liebens“ ist mit weltweit fünf Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Sachbuch über die Liebe aller Zeiten. Es hat Erich Fromm zu einem wohlhabenden Mann gemacht und ihm die Verachtung früherer Freunde und Weggenossen eingebracht. So meinte der Philosoph Herbert Marcuse nach der Lektüre des 1956 erschienenen Bestsellers in dem ihm eigenen freien Deutsch, man habe Fromm in Amerika in den Kopf gesch. . .

Marcuse war wie Fromm vor dem Naziregime in die Vereinigten Staaten geflohen und amerikanischer Staatsbürger geworden, beide kannten sich aus dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Dort hatte Fromm Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre begonnen, Marx und Freud in Verbindung zu denken, und darüber Aufsätze veröffentlicht, von denen einige als konstitutiv für die spätere Arbeit des Instituts gelten können. Auch heute noch sind das teilweise lesenswerte Texte, in denen nach einer Kombination von Theorie und Empirie gesucht wird, die auf Veränderung des Alltags drängt, ohne der Theorie dabei das Hoheitsrecht zuzuweisen. Nur hätte Fromm, der in New York eine psychoanalytische Praxis unterhielt, damit niemals fünf Millionen Leser in den Strandkörben Kaliforniens, Korsikas oder der Nordsee auf seine Seite gebracht.

Nicht nur Gefühl, sondern Arbeit

Der Kunstgriff, mit dem Fromm vom interessierten Fachleser zum Massenpublikum vorstößt, ist lehrreich auch für das Verständnis von Prechts Arbeitsweise. Fromm suspendiert nämlich nicht einfach die Erkenntnisse seines frühen Freudomarxismus. Er nimmt sie mit. Dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern auch Arbeit, steht auch in der „Kunst des Liebens“. Überhaupt ist das Buch in weiten Teilen eine Kritik des Ökonomismus im Allgemeinen und des Kapitalismus im Besonderen. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln es Fromm gelingt, aus der Kritik am Geschäft ein sehr gutes Geschäft zu machen. Die Antwort ist nur scheinbar einfach: Fromm fügt dem Narzissmus seiner Zeitgenossen keine weitere Kränkung im Sinne Freuds zu. Oder mit den Worten Prechts: „Erich Fromms ,Die Kunst des Liebens‘ wurde die Bibel einer Wohlstandsgesellschaft, die unbedingt ihr ,Sein‘ haben wollte.“

Das machte den Kritiker des Habenwollens für alle, die ihr Leben trotz materiellen Habens und Mehr-haben-Wollens als mangelhaft empfanden, so attraktiv: Mit Fromm konnten sie das Zentrum der Liebe in sich selbst finden. Das war nicht Fromms Erfindung, sondern schon vor ihm die Wirklichkeit der Liebe – nur konnte man sie jetzt mit einem Namen verbinden, der einem die eigenen Zusammenhänge erklärte. Und damit ist man bei Precht.

Einleuchtende Kritik

Precht spielt seit dem Erfolg seines Vorgängerbuchs „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ aus dem Jahr 2007, von dem mehr als 800.000 Exemplare verkauft wurden, wie Fromm in der Bestsellerliga, und sein Liebesbuch geht in vielem über Fromm hinaus. Precht beginnt mit einer oft salopp formulierten, aber soliden Darstellung neuerer naturwissenschaftlicher Befunde zum menschlichen Fortpflanzungsverhalten, wie sie die Soziobiologie und die evolutionäre Psychologie formulieren. Seine Kritik am allzu schnellen Kurzschluss vom Verhalten von Mäusen oder Sperlingsvögeln auf menschliche Verhältnisse ist dabei nicht neu, aber einleuchtend. Mögen die Hormone, die die sexuelle Gier steuern, auch dieselben und uralt sein – die Interpretation der Gefühle ist es aber bestimmt nicht.

Die besten Passagen kreisen um La Rochefoucaulds Diktum, dass sich nur „wenige Leute verlieben würden, wenn sie nicht davon gehört hätten“. In der Beschreibung des kulturellen Wandels der Liebesweisen kommt Precht sogar einmal in die Nähe einer Liebeskonzeption, die sein Buch hätte aus der Zeit fallen lassen können. Er erwähnt kurz den Psychoanalytiker Jacques Lacan, ohne allerdings auf dessen These einzugehen, wonach es in der Liebe keine Ich-Erfüllung geben kann: weil die Liebe ihr Zentrum nicht im Ich haben kann und deshalb immer mit einem Mangel verbunden bleibt. Lacan lehnte darum jede ichstärkende Therapie, wie Fromm sie betrieben hatte, ab, weil sie nur zur „narzisstischen Endverzückung“ der Beteiligten führe. Precht wagt diesen Schritt nicht. Er bleibt in der narzisstischen Gangart der gegenwärtigen Liebesformen, was viele Leser mit Sicherheit freut.

Richard David Precht: „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“. Goldmann-Verlag, 400 Seiten, 19,95 Euro.

Mehr Buchkritiken finden Sie im „Literatur Spezial“-Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 23. August 2009.

Quelle: F.A.Z.
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