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Edward St Aubyn: Muttermilch Ein gelungener Abend bei den Macbeths

09.10.2009 ·  Ein Wunder an Stil, Komik und Esprit: Edward St Aubyn ist mit seinem Roman "Muttermilch" ein hinreißendes Gegengift zu allen Wellness-Ratgebern dieser Welt gelungen.

Von Markus Gasser
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Gottlob ist mein Vater gestorben, denn ansonsten gäbe es keine Entschuldigung dafür, so entsetzlich auszusehen“, dachte sich Edward St Aubyn 1986 vor seinem drogenverbleuten Spiegelbild in einer Toilette in New York, nachdem er mit der Concorde eingeflogen war, um die Asche seines Erzeugers abzuholen und als Handgepäck nach London zurückzuschaffen.

Zu jener Zeit wäre er wohl wenig überrascht gewesen, hätte er erfahren, auch er selbst sei schon tot. Noch als er sich Anfang der neunziger Jahre längst aus seinem Vampirdasein herausgeschrieben hatte, befiel ihn frostige Panik, wann immer er eine Toilette betrat: „Was mache ich hier? Ich nehme doch gar keine Drogen mehr!“ Die „schönsten Stunden“ seines über dreißig Jahre dahinverschlissenen Lebens nämlich hatte er auf Toiletten zugebracht: Wo er Heroin zu sich nahm, dort war sein Zuhause gewesen, und wenn er wieder unter die Sonne kam, fühlte er sich wie jene Auster, auf die er abends zuvor zitternd Zitronensaft geträufelt hatte, eine Flasche Chardonnay fast ausgetrunken neben und einen Bordeaux dekantiert noch vor sich. Seine Beziehung zum Rausch war damals die große Liebe seines Lebens.

Skorpione im Kopf

Ein Jahrhundert zuvor hatte ein Student in Oxford mit Namen Oscar Wilde für seine emblematischen Lilien blaue Porzellanvasen erstanden und alle Welt wissen lassen, es fiele ihm von Tag zu Tag schwerer, auf dem hohen Niveau seines Porzellans zu bleiben. Das einzige Niveau indes, das St Aubyn an derselben Universität zu erreichen vermochte, war das seines stündlich zu erneuernden Drogenkonsums, um die Skorpione im eigenen Kopf still zu halten: Zu den Abschlussprüfungen führte er einen entleerten Bic-Kugelschreiber bei sich, um zwischendurch sein Heroin schniefen zu können, und hatte darüber seinen altvererbten Füllfederhalter vergessen. Nach eigenem Bekunden war er der schlechteste Student in der Geschichte Oxfords, jenes Auffanglagers für Generationen der britischen Oberklasse, die zu nichts gut gewesen waren, als in Vorzeiten beim Einfall der Normannen auf der Siegerseite gestanden zu haben. Dafür aber gehörte St Aubyns Familie halb Cornwall, ihr jüngster Spross Eddie kannte die besten Dealer aller Großstädte weltweit, und als er mit der Asche seines Vaters in einer zerknitterten braunen Papiertüte die Madison Avenue in New York entlangstolperte, wusste er auch plötzlich, warum: Es fiel ihm auf, dass er das erste Mal in seinem Leben zehn Minuten mit seinem Vater allein gewesen und dabei nicht geschlagen und nicht beleidigt worden war. Und nicht vergewaltigt.

Fünfjährig war er erstmals von seinem Vater „missbraucht“ worden, wie eine – St Aubyn zufolge – faule Sprachwendung es vorsieht, nach der man Kinder ja auch bedenkenlos gebrauchen könnte. Und so schloss er, kaum hatte er Oxford und den Tod seines Patriarchen hinter sich, einen Pakt mit sich selbst: Entweder du verwandelst diesen nicht mehr psychoanalysierbaren Klumpen Dreck deiner hauseigenen Daseinsunfähigkeit in Prosa aus Gold auf dem Niveau eines Wilde, Proust, Nabokov und Henry James – oder du gibst dir den goldenen Schuss. Nackt, nur ein Handtuch um die Taille gebunden, da ihm der Schweiß vor Selbstüberwindung, Zorn und Beschämung aus allen Poren drang, gewann St Aubyn der Strafkolonie seiner Kindheit mit der geduldigen Qual einer schwerbeladenen Ameise die Trilogie um sein Alter Ego Patrick Melrose ab, „Schöne Verhältnisse“, „Schlechte Neuigkeiten“ und „Nette Aussichten“, und dankte seinen Eltern im Nachhinein für „das großartige Material“: Von seinem Vater geschändet werde schließlich auch nicht jeder, und nicht jede Mutter wende ihre alkoholverquollenen Augen davon ab und diese dann mit kafkaeskem Charme dem Engagement für Wohltätigkeitsorganisationen wie „Save the Children“ zu.

Zärtlicher Hass der Familie

Wer solche Eltern hat, braucht bis zum Lebensende keine Feinde mehr: Vater David Melrose, schwerstdepressiver Arzt im Vorruhestand, ertränkte in „Schöne Verhältnisse“ allmorgendlich mit einem Gartenschlauch Ameisen auf dem Anwesen im südfranzösischen Lacoste und dachte dabei mit zärtlichem Hass an seinen ganzen Familienstammbaum. Seiner schlafwandlerisch verkaterten Gattin Eleanor befahl er, auf allen vieren Feigen vom Terrassenboden aufzuessen; und beim Klavierspiel legte er eine derartige Feindseligkeit in die Töne, dass seine Gäste sich nach der vergleichsweise temperierten Schroffheit seiner Konversation sehnten, in der es um die „bloße Konstruiertheit“ und „Fiktionalität“ von „Identität“ ging, während er die Identität seines fünfjährigen Sohns Patrick, kaum ausgebildet, grausam entzweizureißen begann. Da mochte sich Patrick noch so innig in eine über die Dachziegel hinweghuschende Eidechse hineindenken: Er war des Vaters ganz persönlicher Schmetterling. Den Alten störte nur, in keinem seiner Clubs damit prahlen zu können. Nicht ganz zufällig steht in Lacoste noch heute das Château der Familie de Sade.

In „Schlechte Neuigkeiten“ hatte sich die Vergewaltigung durch Melrose senior in Patricks Selbstvergewaltigung verwandelt, die „Nadel“ des Vaters in ein Set von Heroinnadeln, das Patrick in der Brusttasche seines Sakkos stets bei sich trug: Er führte die väterlichen Penetrationen an sich selbst durch, schickte die Prätorianergarde seines Drogenarsenals in eine endlose Schlacht gegen sich selbst, bis an seinem Körper kaum eine brauchbare Vene mehr zu finden war, und taumelte, mit der kichernden Asche des Vaters unterm Arm und wild spöttelnden Stimmen im Innern, von einem Nahtoderlebnis zum nächsten durch ein koksvernebeltes New York. Jedes Dinner mit seinen mühelos nichtigen Verwandten und Freunden geriet zu einem Abend wie bei den Macbeths: Sie hatten ihren Verstand so gründlich verloren, dass am eigenen Wahnsinn nicht mehr zu zweifeln war.

Hauptsache, der Knabe kommt nach Eton

In „Nette Aussichten“ machte sich St Aubyn dann, ein Banquo der oberen Zehntausend, en gros über seine leprös groteske Gesellschaftsklasse her, die sich auf einer „Party des Jahres“ um Prinzessin Margaret scharte, mit snobistischer Fiebrigkeit von luxuriösen Abtreibungskliniken schwärmte und Kindesmissbrauch fast schon natürlich fand: Legten diese Miniaturerwachsenen, ihrer erotischen Ausstrahlung voll bewusst, es nicht geradezu darauf an, ihre Eltern zu verführen? Melrose senior war tot; sein Edikt zur richtigen Erziehung von Kindern jedoch lebte fort: Man bringe ihnen früh genug tatkräftig „die Härte des Lebens“ bei und schicke sie rechtzeitig nach Eton. Die britische Oberschicht war über die Trilogie aus Gift und Vollkommenheit so empört, wie es sich St Aubyn nur wünschen konnte.

Dem Horrorfilmregisseur Tobe Hooper war die Idee zu seinem „Texas Chainsaw Massacre“ gekommen, als er sich aus einem alkoholtrüben, kaffee- und kuchensatten Sippenstelldichein in ein Einkaufszentrum stahl, um sich dort plötzlich von einer familiengleichen Menschenansammlung umstellt zu sehen. Sein Blick fiel auf ein Regal Kettensägen. „Nur so“, dachte Hooper, „kämst du hier heil wieder raus.“ Wenn Mütter mit der Verfilmung seiner Gedankenwelt konfrontiert wären, höhnt St Aubyns Patrick Melrose, würden sie nach dem „Texas Chainsaw Massacre“ schreien, das im Kontrast doch wenigstens Unterhaltung für die ganze Familie sei.

Unter dem Mikroskop der Selbstbeobachtung

Seekrank und in jeder Hinsicht am Ende, begegnet uns Patrick Melrose nun in „Muttermilch“, der diamantenen Coda zur Trilogie. Jeder gebildete Engländer kann zumindest das eine Gedicht Philip Larkins auswendig, das mit der Zeile „They fuck you up, your mum and dad“ einsetzt und mit der Empfehlung schließt, kinderlos zu bleiben, um sich dann ebenso wenig daran zu halten wie Patrick, der sich um die Jahrtausendwende mit seinen nunmehr zweiundvierzig Jahren fragen muss, was eigentlich schwerer sei: einen Vater überstanden zu haben oder selbst ein Vater zweier Söhne zu sein. Davon besessen, den Fluss vergifteter Milch aufzuhalten, der die eigenen Erbanlagen an die nächste Generation weiterreicht, und die Fehler seiner Eltern zu vermeiden, liegt er, erschöpft vor Schlaflosigkeit und starr vor Grauen, ständig unter dem Mikroskop seiner Selbstbeobachtung. Nur in der Hochstimmung „leicht irrer Betrunkenheit“ fühlt er sich Familie und Freunden und einem furchterregend vulgären Kindermädchen gewachsen – diesen Macbeths im Taschenformat mit ihren kinderpathologisierenden Ratschlägen zur perfekten Erziehung, Plänen für einen neuen Swimmingpool und der Hoffnung auf den baldigen Tod der eigenen Eltern, der ihnen einen noch teureren Urlaub bescheren würde. Sie alle verschwenden ihre Zeit – und filmen es auch noch, damit sie es beweisen können.

Ein Anwalt in der Familie

Wenn man die ganze Bande wenigstens verklagen könnte. Patrick ist Anwalt, doch selbst das nützt ihm nichts, als seine Mutter Eleanor, um sich einen Logenplatz im Himmel zu ergattern, das Anwesen in Lacoste einer New-Age-Stiftung überschreibt, das der schurkische Hobbyschamane Seamus Dourke in ein Esoterikrefugium für „Trommel-Workshops“ umwandeln will: Nach Eleanors Schlaganfall lässt Dourke sie in einem Pflegeheim gelähmt zurück, um sich die „Macht des positiven Denkens“ zu bewahren, während Patrick enterbt unter fettleibigen Diätanhängern und Golfkriegsenthusiasten im „Durchreise-Nirgendwo“ der Vereinigten Staaten seinen prächtig gedeihenden Alkoholkonsum vor der Familie verbirgt. „Es gab praktisch nichts Komplizierteres, als ein erfolgreicher Alkoholiker zu sein. Länder der Dritten Welt bombardieren – das war etwas für Leute mit mehr Freizeit.“ Doch als sich Patrick schließlich eine Sterbehilfe ersehnt wie seine Mutter und dabei doch auch innerlich schmunzeln muss, trägt sein grimmer Humor bereits den Sieg über die eigene Todesverspieltheit davon, und Edward St Aubyn hat die Phantasie- und Sprachlosigkeit, die ihn nach der Vollendung seiner Trilogie überfiel und zwischendurch zu bloßen Schreibetüden zwang, mit diesem Werk zur Gänze exorziert.

Denn „Muttermilch“ ist ein stählernes Wunder an Stil, Komik und Esprit, an Henry James abgelernten Perspektivenwechseln und extravaganten Metaphern, die von Nabokov und Proust gemeinsam ersonnen sein könnten, und Aperçus von Wildescher Pointensicherheit, mit denen St Aubyn den würdelosesten Entgeisterungen unserer Kultur, der Esoterik allen voran, den Garaus macht und die Leser auf jeder Seite hell erleichtert auflachen lässt. Ein Gegengift zu all den Wellness-Ratgebern, die mit ihrer wilden Banalität unser Dasein zu bewältigen vorgeben, löst „Muttermilch“ jenes Versprechen von Glück, das kaum ein Werk der Gegenwartsliteratur noch zu geben imstande ist, wie zum letzten Mal ein – mit Weisheit, Gnade und Gewalt. Edward St Aubyn sei nur glücklich, wenn er schreibe, schreibe aber nur unter Qualen, heißt es, und verliere sich gerade jetzt, mit einem Notizblock und dem altvererbten Füllfederhalter, von Café zu Café in Südfrankreich Satz für Satz schon im Dickicht eines neuen Romans: Die nächste Lebenskrise kommt bestimmt.

Edward St Aubyn: „Muttermilch“. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. DuMont Buchverlag, Köln 2009. 317 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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