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Dieter Wellershoff: Der Himmel ist kein Ort Der Pfarrer und das liebe Vieh

09.10.2009 ·  Seit dem erfolgreichen Roman „Der Liebeswunsch“ von 2000 hat Dieter Wellerhoff keinen Roman mehr veröffentlicht. Jetzt erscheint „Der Himmel ist kein Ort“ und zeigt den Schriftsteller auf der Höhe seiner Kunst.

Von Andreas Kilb
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Kurz vor Mitternacht klingelt bei Ralf Henrichsen das Telefon. Ein Auto ist an der Landstraße verunglückt, und Henrichsen, evangelischer Pfarrer in einem Dorf irgendwo in der Norddeutschen Tiefebene, soll dem Fahrer geistlichen Beistand leisten. Als er an der Unfallstelle eintrifft, wird der Wagen, in dem eine tote Frau und ihr mit dem Tode ringendes Kind sitzen, gerade aus dem Baggersee gezogen. Henrichsen versucht den wie versteinert dastehenden Familienvater, der das Unglück überlebt hat, von diesem Anblick wegzuziehen, als ihn eine professionelle Verunsicherung überfällt: „Bisher hatte er nicht daran gezweifelt, dass es in solchen tragischen Situationen richtig sei, ein Gebet zu sprechen. Das erschien ihm jetzt unzumutbar formelhaft. Nein, er konnte es nicht.“

Dieter Wellershoffs neuer Roman beginnt mit einer Szene, deren Raffinesse hinter ihrer Einfachheit verborgen liegt. Der nächtliche Anruf, der zum Schauplatz eines Familiendramas führt, und der Landpfarrer in der Glaubenskrise sind klassische Motive einerseits des Kriminal-, andererseits des bürgerlichen Bildungsromans, zweier sehr verschiedener literarischer Gattungen. Wellershoff aber führt sie zusammen, als sei das ein Klacks, und setzt noch eine Pointe drauf. Sein Pastor Henrichsen besitzt nämlich nicht nur theologischen, sondern auch kriminalistischen Scharfblick, und so fällt ihm am Baggersee sofort etwas auf, was den Unfall in anderem Licht erscheinen lässt. Aber genauso, wie er dem Gespräch mit Gott aus dem Weg geht, scheut Henrichsen auch den Gang zur Polizei. So kann die Geschichte ihren Lauf nehmen: als Tragödie eines Mannes, der am Leben der anderen teilnimmt, ohne es teilen zu können.

Das Pfarrhaus steht halb leer

„Manchmal glaubte er, alle anderen lebten, nur er nicht.“ Das war schon die Künstlerkrankheit des Tonio Kröger bei Thomas Mann. Aber Wellershoffs Pfarrer Henrichsen hat ein handfesteres, alltäglicheres Problem: Er ist allein unter Fremden. Claudia, seine Freundin aus der Studienzeit, hat ihn am Ende seines Vikariats verlassen, und in der Landgemeinde, der er seit eineinhalb Jahren vorsteht, findet er keinen Anschluss. Das Pfarrhaus, in dem Henrichsens Vorgänger mit seiner Familie gelebt hat, steht zur Hälfte leer, auf dem Speicher stapelt sich Gerümpel. Doch auch sein Glaube gibt dem neuen Pastor keinen Halt: Wenn er betet, hat er das Gefühl, „dass sich in der Tiefe der Welt nichts rührte“. Die Notfallseelsorge, die ihm den Nachteinsatz am Baggersee beschert, gehört für Henrichsen zum „kirchlichen Service“, den er ableisten muss. Sein ganzes Pfarrerleben ist eine Dienstleistung, pünktlich und routiniert, aber ohne inneren Schwung.

Das kann nicht lange gutgehen. Und so führt der Unfall, der sich an der Landstraße ereignet hat, den Seelsorger Henrichsen bald an die Grenzen seiner beruflichen Routine. Der überlebende Fahrer, ein Realschullehrer namens Karbe, hat seine Frau, eine ehemalige Schülerin, mit seiner Eifersucht gequält, die Ehe war zerrüttet, die Fahrt in den See könnte auch eine Affekthandlung gewesen sein. Die Lokalpresse hat Karbe rasch im Visier, und während die Polizei noch ermittelt, ist auf den Dorfstraßen und im Gemeindevorstand das Urteil schon gesprochen.

Identifikation mit dem Täter

Nur Henrichsen zögert, Karbe zu verdammen, weniger aus Gerechtigkeitssinn als aufgrund einer dunklen, ihm selbst kaum bewussten Identifikation mit dem möglichen Täter. Hat Karbe nicht ausgelebt, was ihm, Henrichsen, durch die Trennung von seiner Freundin erspart geblieben ist: den Liebeswahn, die Liebeshölle einer gescheiterten Beziehung? Nachts, als er sich im Bett selbst befriedigt, sieht der Pfarrer das Bild von Karbes ertrunkener Frau vor sich. Zugleich verstärken seine Gespräche mit dem Lehrer, den Ärzten im Krankenhaus und einem Bestattungsunternehmer – Henrichsen muss das Begräbnis des Opfers vorbereiten – seine Glaubenszweifel. Immer öfter hört er „die Stimme des Widersachers“ in seinem Kopf, die ihm sagt, „dass alles, was er aufbaute, nur Fassade sei“. Eines Tages versagt des Pfarrers Stimme beim Lesen des Glaubensbekenntnisses vor der Gemeinde. In Panik presst er die Sätze heraus, „wie jemand, der sich bei einem falschen Geständnis ertappt glaubt“. Jetzt ist Henrichsen ein Fall für den Landeskirchenrat – und ein Glücksfall für die Literatur.

Schon vor vierzig Jahren hat Dieter Wellershoff, damals noch Lektor bei Kiepenheuer & Witsch, die seinerzeit auf dem Buchmarkt hoch gehandelte Ästhetik der Sprachspiele und Ironie-Exzesse als „Dame ohne Unterleib“ kritisiert und ein welthaltiges, mit Erfahrungen gesättigtes Schreiben gefordert. Längst ist ihm fast die gesamte literarische Szene des Landes auf diesem Weg gefolgt. Nur Wellershoff selbst hat Jahrzehnte gebraucht, um den Anspruch, den er auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte formulierte, einzulösen, genaugenommen bis zu seinem Roman „Der Liebeswunsch“, der im Jahr 2000 erschien. In dieser Vier-Personen-Geschichte um Begehren, Betrug und Besessenheit waren erzählerischer Realismus und sprachliche Meisterschaft perfekt ausbalanciert. Die Erwartungen, die der Erfolg des „Liebeswunschs“ ausgelöst hat, lasten auf dem neuen Buch mindestens so sehr wie die Pfarrerrolle auf Ralf Henrichsen. Aber „Der Himmel ist kein Ort“ hält dieser Belastung stand.

Der Pfarrer schwankt, der Autor nicht

Es ist die Gewissenhaftigkeit des Erzählers, die diesen Roman vor dem Absturz in genrehafte Banalität oder intellektuelle Bedeutungshuberei bewahrt, die Sicherheit und Präzision seines Tons. Pastor Henrichsen mag schwanken in seiner Treue zu Gott und der Welt, sein Autor Wellershoff aber weiß genau, wie ein Nachthimmel, eine Neubausiedlung der neunziger Jahre, das Wohnzimmer eines Lehrerehepaars oder eine Theologentagung aussieht und beschrieben werden muss. Der Text des Liedes, das er der für die Tagungsteilnehmer aufspielenden Rockband in den Mund legt, ist so gut ausgedacht, dass man die Musik dazu zu hören meint: „Die Welt ist eine Startbahn, / der Himmel ist kein Ort. / Life is a race. Heaven is not a place. / Enthüllst auch du dein Face/ und klopfst noch einmal an: / Im galaktischen Space geht niemand ran.“

Auch so kann man ausdrücken, worum es in diesem Buch geht: um den Abgrund zwischen der Erlösungsbedürftigkeit der Menschen und den dürren Versprechungen, die ihnen eine naturwissenschaftlich aufgeklärte Kirche noch machen kann. Ralf Henrichsen zerbricht beinahe daran. Am Ende aber fügt er sich doch, anders als der heillose Karbe, in die „erbärmliche Unbelehrbarkeit des Lebens“, das einfach weitergeht.

An der Seelenquelle berührt

Es ist ausgerechnet die Figur einer Liebessüchtigen, einer Nachfolgerin der „Liebeswunsch“-Heldin Anja, die dem neuen Roman einen Zug ins Ältliche und Altherrenhafte gibt. Bei einer Hochzeitsfeier trifft Henrichsen der „unverhüllte Blick“ einer deutlich älteren Frau, die ihm gegenüber am Tisch sitzt, und zwei Tage später hält er einen Brief von ihr in der Hand. Die Fremde – sie heißt Luiza und ist aus einer gescheiterten Ehe in Argentinien nach Deutschland geflohen – lädt ihn unverhüllt ein, ihr Liebhaber zu werden. Sie nennt ihn „mi querido“, schreibt ihm, er habe sie an ihrer Seelenquelle berührt, und Henrichsen, nach Berührung hungernd, lässt sich auf ihre Werbung ein. Als ihm auf der Theologentagung die Decke auf den Kopf fällt, setzt er sich in seinen Wagen und fährt zu ihr nach Hamburg.

Die glutzüngige Luiza mag aus dem prallen Leben des Autors gegriffen sein, aber man sieht sie nicht vor sich, sie bleibt eine Kopfgeburt, ein literarisches Konstrukt. Es ist, als hätte Henrichsen sie herbeigeträumt, um seiner Einsamkeit zu entfliehen; und wie ein Traum, der sich auflöst, zerfällt auch die ersehnte Zweisamkeit, als er sie mit der fremden Frau zu verwirklichen versucht. In der Beschreibung dieses Besuchs, der mit einer wortlosen Trennung im Morgengrauen endet, ist Wellershoff dann wieder auf der Höhe seiner Kunst. Die kühle Prosa der Enttäuschung macht ihm derzeit in Deutschland keiner nach.

Dieter Wellershoff: „Der Himmel ist kein Ort“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 304 Seiten, geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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