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„Strudlhofstiege“ als Hörbuch : Das Schöne zeigt die kleinste Dauer

Die Strudlhofstiege im neunten Wiener Bezirk um 1980. Bild: ©Inge Morath/Magnum Photos

Doderers „Die Strudlhofstiege“ gehört zu den Höhepunkten deutschsprachiger Literatur im zwanzigsten Jahrhundert. Im Audio Verlag erscheint jetzt die ungekürzte Lesung von Peter Simonischek aus dem Jahr 1996.

          „Früher war man in der Schreibung von Eigennamen nicht polizeilich-meldeamtsmäßig genau.“ Peter Strudel, auch Strudl geschrieben, gab der Liegenschaft ihren Namen. Der 1714 in Wien gestorbene Maler hatte in der Vorstadt nicht nur den später zum Palais aufgewerteten Strudlhof nebst Landwirtschaft und Atelier errichtet, sondern auch die erste private Kunstakademie Europas. Zweihundert Jahre später ließ die Stadt Wien durch Theodor Johann Jaeger, Ingenieur im Stadtbauamt, eine Treppenanlage im 9. Bezirk errichten, die das Gelände zwischen der Boltzmanngasse und der (damaligen) Liechtensteinstraße in architektonisch überzeugender Jugendstil-Handschrift überwand.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Dort, in seinem „Quellgebiet“, siedelte der mit der Gegend um den Alsergrund intim vertraute Schriftstelle Heimito von Doderer seinen Roman „Die Strudlhofstiege“ an. 1951 erschienen, bereits seit den späten Zehnerjahren konzipiert, gelang Doderer damit im reifen Alter von fünfundfünfzig Jahren der literarische Durchbruch. Er selbst nannte das Buch „Zentrum der Substanz meines Schreibens überhaupt“– und sah in ihm doch nur die „Rampe“ zu dem 1956 erschienen Roman „Die Dämonen“.

          Die historische Bohrung, die der Untertitel der „Strudlhofstiege“ verspricht – „Melzer und die Tiefe der Jahre“ –, dreht sich in vier großen Abschnitten um die Jahre 1910 und 1911, sowie um die Jahre 1923 bis 1925, also jeweils rund sieben Jahre vor beziehungsweise nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der k.u.k. Doppelmonarchie. Kulminationspunkt ist der 21. September 1925. Der Tag, an dem Mary K. bei einem Unfall mit der Straßenbahn das linke Bein oberhalb des Knies abgetrennt wurde.

          Weicher Singsang, weiche Konsonanten

          Wer Doderer lesen will, braucht Sitzfleisch, wer Doderer hören will, auch. Der Audio Verlag hat jetzt die 1996 vom Hessischen Rundfunk produzierte, ungekürzte Lesung von Peter Simonischek wieder aufgelegt. Für dreißig Cent die Stunde kann man sich 909 Seiten „Totalroman“ zuführen, wobei man recht eigentlich von der ersten Minuten an gefangen ist von dem warmen Timbre, dem weichen Singsang der verschachtelten Perioden Doderers, die Simonischek mit wunderbarem Tonfall und größtmöglicher Übersicht vorträgt. Denn es ist kein leichtes Unterfangen, dieses vielstimmige Werk, dessen Sprecher nicht nur den k.u.k. Kanzleistil pflegen, sondern aus allen sozialen Milieus dialektale und umgangssprachliche Einsprengsel zuliefern, so zu lesen, dass die Erzählerstimme eine Welt evoziert, gleichzeitig fließend, gemäßigt und kultiviert, die uns doch schon ferngerückt ist.

          Heimito von Doderer: „Die Strudlhofstiege“. Ungekürzte Lesung von Peter Simonischek. Der Audio Verlag, Berlin 2017

          Es gibt keine hartes „t“ oder „p“ in diesem Hörbuch: Simonischek hat das auch bei diversen Texten von Joseph Roth schon hinreißend gelöst, auch für Doderer war er die richtige Wahl. Man wird beim nächsten Wien-Besuch wie von einem Magneten angezogen die Strudlhofstiege aufsuchen, die Stimmen dieses Romankosmos von vor hundert Jahren im Kopf.

          Wer sich zusätzlich ein Hörvergnügen bereiten will, fahnde antiquarisch nach der 2001 vom Österreichischen Rundfunk vorgelegten CD „Heimito von Doderer. Ein Porträt 1896–1966 “, auf welcher der Autor selbst mit seiner unnachahmlichen, von Helmut Qualtinger allein annähernd perfekt imitierten Sprechweise zu erleben ist.

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