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Michel Onfrays „Niedergang“ : Panikmache ist auch ein Geschäftsmodell

  • -Aktualisiert am

Der französische Intellektuelle Michel Onfray, ehemals Philosophielehrer, ist ein stilistisch nicht untalentierter Polemiker. Bild: Picture-Alliance

Michel Onfray reitet als Apokalyptiker von Golgotha ins Silicon Valley und singt das Lied vom Krieg der Kulturen. Er selbst bleibt dabei ziemlich auf der Strecke.

          Das Alles von Heute, das fällt, das verfällt“, da war sich Nietzsches Zarathustra 1884 sicher, und er zeigte sich wenig empathisch: „Was fällt, das soll man auch noch stossen!“ Nun geht das Abendland aber schon sehr lange unter, spätestens seit der Reformation, allerspätestens seit Oswald Spengler. Allerallerspätestens seit Samuel Huntingtons Ausrufung des Krieges der Kulturen. Trotzdem ist es immer noch da und immer noch verdächtig mächtig. Das animiert Zarathustras Erben freilich nur dazu, noch kräftiger zu stoßen.

          Ein besonders ungestümer Totenglockenläuter ist der französische Intellektuelle Michel Onfray, ein ehemaliger Philosophielehrer und stilistisch nicht untalentierter Polemiker, der einst eine ganze Volksuniversität gegen den Siegeszug des Front National etabliert hat, heute jedoch in einem Dauerfeuer aus Büchern, Artikeln, Radiosendungen und Web-Streams Positionen vertritt, die denen des ehemaligen Gegners sehr nahekommen.

          Mit „Niedergang“ legt der Vielschreiber, der bereits mehr als fünfzig Bücher im Namen eines harten philosophischen Materialismus verfasst hat, jetzt eine Art vorläufige Summe seines Denkens vor, eine gewaltig dröhnende Abrechnung des bekennenden Atheisten mit dem jüdisch-christlichen Westen, ein siebenhundertseitiges Stoßgebet, um dieser todgeweihten Zivilisation den jetzt aber wirklich letzten Schubser zu geben. Dabei verheddert sich Onfray in den eigenen Propositionen. Vor allem aber stolpert er nach vielen hundert Seiten mal frech und amüsant, mal windig und schief rekapitulierter Geistesgeschichte in einen stumpf islamophoben Stammtisch-Populismus inklusive EU-Bashing, der leider als Motor des ganzen Projekts gesehen werden muss. Nur so erklärt sich der Furor, mit dem dieser Krawallphilosoph zweitausend Jahre Denktradition auf ein schlichtes Entropie-Modell hinbiegt: Zunahme des Nihilismus bis zum Wärmetod unserer Kultur.

          Maschinen als Feind der Menschheit

          Onfray wählt das ganz große Besteck. In der Vorrede wird ein altbekanntes Axiom gesetzt, das als „jähe Erkenntnis“ über den Philosophen gekommen sei: „dass der Untergang das Gesetz alles Seienden ist“. Jede Geschichte ist also notwendig Verfallsgeschichte, und zwar in einem kosmischen Sinn: Seit dem Urknall strebe das Sein dem Nichtsein entgegen. Dieses Sein wiederum bestehe aus einander ablösenden Kulturen, die ihre Kraft stets aus der Religion schöpften. Alle Kulturen, da ist Onfray mit Spenglers morphologischem Ansatz einverstanden, durchliefen die Stadien Aufblühen, Höhepunkt, Niedergang, Tod. Die im späten Niedergangsstadium angelangte Zivilisation des Judäo-Christentums stehe nun kurz vor der Ersetzung durch jene des Islams. In Onfrays deterministischem Weltbild ist das eine nicht zu betrauernde Notwendigkeit: „Es bleibt uns nur, möglichst elegant unterzugehen.“ Und doch ist dieser aufdringliche Fatalismus natürlich eine Spielart des Alarmismus.

          Neben dem allen Kulturen einwohnenden Ende und dem großen kosmischen Tod, weil irgendwann die Sonne erlischt (oder zuvor schon unsere Ressourcen), macht der Autor im Nachwort – und nun endgültig sein Dekadenzmodell im Geiste Edward Gibbons zerschreddernd – eine dritte Form des Untergangs ausfindig, die technologische, die nun wiederum aus dem ruinierten Westen stammt, dem Silicon Valley, aber alle Zivilisationen betrifft: der Tod des Menschen durch Verschaltung mit intelligenten Maschinen. „Der Transhumanismus existiert schon heute“, heißt es. Scheint uns diese Gefahr also nicht noch näher zu sein als die säbelrasselnden und bettenbiegenden – ähnlich wie bei Thilo Sarrazin werden nämlich die „höheren Geburtenraten“ der muslimischen Europäer beschworen – Krieger des Kalifen? Fällt der blutige Untergang aus, weil wir uns zuvor virtualisieren?

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