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Denis Johnsons neuer Roman : Wer den Mythos trifft, zerstört das Land

Bild: Verlag

Es führt kein Weg zurück aus Vietnam: Der große amerikanische Schriftsteller Denis Johnson schildert in seinem neuen Roman „Ein gerader Rauch“ einen Krieg, der nicht enden wollte.

          In der brutalsten Szene dieses Romans eines brutalen Krieges wird ein Vietnamese von einem schwarzen Soldaten gefoltert. Der Amerikaner trägt sein Haar „in wilden langen Büscheln über die Schultern. Die Ärmel seiner Uniform hatte er, wie auch die Hosenbeine, fast bis obenhin abgeschnitten, und außer den grellen Streifen aus roter, weißer und blauer Farbe, die sein Gesicht und seine Gliedmaßen bedeckten, hielt nichts das Ungeziefer von seinem Körper fern.“ Der GI in Kriegsbemalung stößt seinem wehrlosen, mit ausgekugelten Schultergelenken zehn Zentimeter über dem Erdboden hängenden Opfer immer wieder die Klinge seines Messers in den Bauch.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dann schält er ihm die Augäpfel aus den Höhlen, nimmt sie in die Hände und hält sie dem Kriegsgefangenen vors Gesicht: „Nun guck dich mal gut an, du Stück Scheiße.“ Erst jetzt greift ein Offizier ein und erlöst den Ohnmächtigen mit einem Schuss in die Schläfe. In der Chronologie des Romans spielt sich die Szene ungefähr zur selben Zeit ab, zu der ein mit den Amerikanern verbündeter südvietnamesischer General einem gefesselten Gefangenen in den Kopf schießt. Das während der Tet-Offensive entstandene Foto der Hinrichtung ging damals um die Welt und trug zusammen mit Bildern von entlaubten Wäldern und brennenden Hütten dazu bei, dass sich die öffentliche Stimmung massiv gegen den Vietnam-Krieg zu richten begann.

          Mehr als vordergründiger Gruseleffekt

          Auch bei Denis Johnson hängt die Erschießungsszene mit dem nordvietnamesischen Überraschungsangriff der Tet-Offensive zusammen, bei dem der Sergeant des Aufklärungszuges verstümmelt wird. Erst später wird sich herausstellen, dass es die Signalmunition seiner eigenen Leute war, die ihm die Wirbelsäule zerfetzt hat. Man könnte diese Szene für effekthascherisch halten, für den Versuch, mit den grellen Schockeffekten der Vietnam-Filme wie „The Deer Hunter“ oder „Apocalypse now“ zu konkurrieren. Und tatsächlich leugnet Denis Johnsons Roman nicht, dass sein Autor all diese Bilder kennt und von ihnen beeinflusst ist. Johnson zitiert Coppolas und Ciminos Filme ebenso genüsslich, wie er auf Pynchon, Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ oder Graham Greenes „Der stille Amerikaner“ anspielt.

          Aber in dieser Szene steckt viel mehr als nur ein vordergründiger Gruseleffekt. Denn das Bild des Mannes, dem die Augen herausgerissen werden, damit er sich selbst ansieht, verweist auf das zentrale Thema des Romans, der von Menschen erzählt, die in den Krieg gezogen waren, um ihrer Nation zu dienen, und dort zu Männern wurden, die sich nicht mehr ins Gesicht sehen konnten. Die meisten Figuren dieses außergewöhnlichen Buches bedürfen nicht des Blicks von außen. Sie wissen selbst, dass der Krieg ihre Seele zerstört hat. Johnsons Roman ist der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu geben, die sich vielen heimkehrenden Soldaten aus Vietnam, Irak, Afghanistan oder Tschetschenien stellt: Was genau sieht ein Mann, dem die Augen, die Eingeweide und die Seele herausgerissen wurden, wenn er sich selbst betrachten will?

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