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DDR-Roman von Bernd Wagner : Sachsen liegt am Meer

  • -Aktualisiert am

Hochwasser in Sicht: Frauen beim Bummel an der Brühlschen Terrasse in Dresden um 1970. Bild: Picture-Alliance

Wo die Sprache nur zwei Grundstimmungen, die Sentimentalität und die Brutalität, zu kennen scheint. Bernd Wagners großes Buch über eine Jugend in der DDR ist ein selbstkritischer Heimatroman.

          Nicht nur im Fußball, auch in der Literatur feiert Sachsen derzeit ein vielbeachtetes Comeback. Damit ist weder Uwe Tellkamp gemeint noch die sogenannte Pegida-Bewegung: Nach Guntram Vespers Tausendseitenepos „Frohburg“, das 2016 hochverdient den Leipziger Literaturpreis gewann, publiziert der Schöffling Verlag nun ein Opus Magnum von Bernd Wagner, dessen Wenderoman „Paradies“ sowie der Essayband „Die Wut im Koffer“ nicht die ihnen gebührende Beachtung fanden. Nachdem Wagner zu DDR-Zeiten Erzählungen und Gedichte veröffentlicht hatte, verließ er auf eigenen Wunsch den Mauerstaat rechtzeitig vor dessen Untergang und ging nach West-Berlin. Sein Roman „Die Sintflut in Sachsen“ basiert wie Vespers „Frohburg“ auf Kindheits- und Jugenderinnerungen.

          Aber hier hört die Parallele auch schon auf. Vespers Vater war Arzt und verließ die DDR, als der Anpassungsdruck unerträglich wurde. Wagners Vater hingegen war Hufschmied, nährte sich redlich und war festverwurzelt in Wurzen, einer sächsischen Kleinstadt, deren berühmtester Sohn Ringelnatz heißt – auch Richard Wagners Vorfahren kamen von hier. Die proletarische, nein: plebejische und rebellische Perspektive eines selbständigen Handwerkers, der verordneter Misswirtschaft und behördlichen Schikanen widersteht, weil ihm die Berufsehre über alles geht, macht den Roman so lesenswert.

          Weit entfernt von nachträglicher Verklärung

          Wagner ist weit entfernt von nachträglicher Verklärung des Arbeiter-und-Bauern-Staats, aber er stimmt auch kein Klagelied an, denn er weiß, dass das richtige Leben im falschen die Regel und keine Ausnahme ist. Nicht nur Westpakete mit Peter Stuyvesant, Omo und Nescafé Gold, auch Rouladen mit Rotkraut, Schlachtfeste und Skatabende machten die Nischenexistenz attraktiv und halfen gelernten DDR-Bürgern über Ausreiseverbote und andere Ärgernisse hinweg.

          Ein junges Paar über der Elbe um 1970.

          „Bei den Straßen, Geschäften und Gaststätten herrschte die gleiche doppelte Buchführung: fast alle hatten zwei Namen, einen, der auf den Schildern und in den Zeitungen stand, und einen zweiten, bei uns zu Hause gebräuchlichen. Der stammte aus jenem glorreichen ,Früher‘, das in unseren Gemäuern fortlebte und Stoff für aufregende Erzählungen bot von ,vor dem Krieg‘ und ,nach dem Krieg‘, von Wanderschaft, Kohlrübenwintern und einer ominösen ,Inflazion‘, deren Hundert-Billionen-Markscheine ich in einer Zigarrenkiste aufbewahrte . . . Der Großvater war das wandelnde ,Früher‘.“

          Ich bin doch die Muttsch

          Aber nicht Wagners Vater und Großvater stehen im Mittelpunkt des Romans: Das Buch ist eine Liebeserklärung an die übergewichtige Mutter, die der Autor mit Sachsen identifiziert, obwohl sie das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig nicht mag, weil die fünfhundert Stufen hohe Wendeltreppe zur Aussichtsplattform ihr das Äußerste abverlangt. Dass er im Roman ihre dicken Beine erwähnt, nimmt Frau Wagner dem schreibenden Sohn nicht übel. „,Ganz hübsch‘, sagte meine Mutter, als ich ihr die Geschichte vorlas. ,Aber mir missfällt, dass du den Papa mein Vater und mich meine Mutter nennst. Ich bin doch die Muttsch . . . Meine Erklärung, dass diese Worte einfach nicht aufs Papier wollen, weil sie sich dort so banal ausnehmen, kann sie nicht akzeptieren. Dafür sei ich schließlich Schriftsteller . . . Zweifellos hat sie damit einen wunden Punkt berührt, der die gesamte sächsische Mund- oder Maulart betrifft. Höre ich davon die ersten Töne, erstirbt in mir jede höhere Geistestätigkeit . . . Die sächsische Sprache und damit Gemütsart scheint nur zwei Grundstimmungen zu kennen: die Sentimentalität und die Brutalität . . .“

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