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Daniel Kehlmanns „Ruhm“ : Wenn das Handy zweimal klingelt

  • -Aktualisiert am

Verdient mit seinem neuen Roman zwei Lektüren: Daniel Kehlmann Bild: F.A.Z. - Julia Baier

Daniel Kehlmanns neuer Roman „Ruhm“ ist eine Sammlung postmoderner Muster- und Meistergeschichten voll funkelnder Intelligenz. Sie stellen die Frage nach dem letzten Erzähler auf ganz unterschiedliche Arten und besitzen eine Spannung, die unwiderstehlich ist.

          Vergessen wir einmal den Welterfolg eines gescheiten und unterhaltsamen Buches namens „Die Vermessung der Welt“; vergessen wir die Reizbarkeit der Kritiker, in deren Vorstellung die Worte „gescheit“ und „Welterfolg“ nicht zusammenpassen; vergessen wir den Ruhm des Schriftstellers Daniel Kehlmann. Lesen wir stattdessen Leo Richter.

          „Ein Roman ohne Hauptfigur!“ lautet die großartige, wenn auch nicht ganz neue Idee, die dieser so berühmte wie fiktive Schriftsteller seiner Freundin im zweiten Kapitel mitteilt, in eben dem Augenblick, in dem der Leser dieses Buches sich über den plötzlichen Figurenwechsel wundert: „Die Komposition, die Verbindungen, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held.“ Der Dichter ist ein Egomane und Neurotiker, „Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillanz“.

          Die Wirklichkeit verschwindet aus allem

          Was sich aus den neun ineinander verspiegelten Geschichten dieses Buches entwickelt, ist der Roman eines Romans. Es ist ein Buch von funkelnder Intelligenz. Und es besitzt vom ersten Satz an eine Spannung, die unwiderstehlich ist. Im genauen Gegensatz zur eitlen Selbstbespiegelung eines Bestsellerautors, die manche Kritiker vorab befürchteten, entwirft Kehlmanns „Ruhm“ das facettierte Bild einer Welt, in der alle Figuren fortwährend versuchen, mehrere Leben zu führen, gleichzeitig oder nacheinander und mit Hilfe des Internets oder des Mobiltelefons, durch die sie jederzeit überall dabei sein und das Geschehen umlenken können. Sie alle leben in den Fiktionen, die sie von sich selbst erfinden und die den Mustern von Büchern, Filmen oder Computerspielen folgen wie mythischen Archetypen. So finden sie sich immer neu verstrickt in Geschichten, die sie selbst produzieren, in die großen Erzählungen wie die alltäglichen Lügen.

          Mit dem Läuten eines Telefons beginnt und endet es. Auch zwischendrin ist das bekannte Geräusch oft zu hören, und fast immer geht damit eine Verwirrung und Verschiebung der Wirklichkeitsebenen einher. Das Mobiltelefon, bemerkt eine Figur, „nimmt die Wirklichkeit aus allem“. Wer sich seiner bedient, kann jederzeit überall und nirgends sein, es dehnt die virtuellen Räume des Internets aus bis in die Manteltaschen. Da erhält ein Computertechniker unverhofft lauter Anrufe, die einem ganz anderen gelten, so lange, bis er wie von selbst in dessen Leben einzugreifen beginnt. Unerforschlich ist die Ursache, unbekannt der andere – jedenfalls für ihn, den Betroffenen selbst. Wir Leser hingegen erfahren in der vorletzten Geschichte vom Rechnerfehler in der Telefonfirma, von den zuständigen und ihrerseits in diverse Doppelleben verwickelten Sachbearbeitern. Bis dahin haben wir auch den eigentlichen Adressaten jener Anrufe längst kennengelernt, den populären Schauspieler, der nicht nur erlebt, wie sein Telefon von einem Moment zum nächsten verstummt, sondern auch, wie er von der eigenen Kopie in Gestalt eines talentierten Imitators aus seinem Leben gedrängt wird, bis er schließlich befreit ein Dasein verlässt, dessen er ohnehin längst müde geworden ist.

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