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Christiane Rösinger: „Liebe wird oft überbewertet“ : Die Pärchenlüge

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer Verlag

Seit Jahren forscht Christiane Rösinger in ihren Songs auf dem weiten Feld der Gefühle. Jetzt hat sie ein schrullig-charmantes Buch über die traurigste Sache der Welt geschrieben: „Liebe wird oft überbewertet“.

          Zufall oder Zeitgeist? Gleich zwei deutsche Autorinnen schreiben in aktuellen Büchern über das Pantoffeltierchen. Judith Schalansky fasziniert das Fortpflanzungsgenie der Gattung - die ungeschlechtliche Querteilung und die fast schon zärtlich zu nennende Längsteilung, bei der sich zwei Pantoffeltierchen aneinanderschmiegen und über eine Plasmabrücke Erbgut austauschen. „Man könnte behaupten“, heißt es im Buch, „die Pantoffeltierchen hätten den Sex erfunden.“ 2007 wurden sie unter anderem deshalb zum Einzeller des Jahres gekürt.

          Die Berliner Liedermacherin Christiane Rösinger räumt mit solchen Verklärungen auf. Evolutionsbiologisch sei das Pantoffeltierchen - Sex hin, Sex her - nur ganz knapp hinter einer anderen primitiven Gattung zu finden: der des Pärchens. Wir alle, so ihre Buchthese, leiden an einem Rückfall ins Einzellerstadium, indem wir uns wieder und wieder an der romantischen Zweierbeziehung (RZB) versuchen. Die RZB sei zwar, wie Rösinger korrekt darlegt, eine Erfindung des achtzehnten Jahrhunderts und damit historisch-kritisch zu betrachten, befeuere aber ungebrochen unsere private Glücksuche. Mit fragwürdigem Erfolg, denn „das Pärchentum bringt immer die schlechtesten Eigenschaften des Einzelnen nach oben und produziert deshalb am laufenden Band unglückliche Paare“.

          Zwei Einzeller zusammen sind noch keine höhere Lebensform

          Wer ist diese Christiane Rösinger? Was hat sie gegen Pärchen? Und wieso kamen an einem ganz normalen Sonntag, zur besten Tatort-Zeit, mehr als sechshundert Menschen zu ihrer musikalisch-szenischen Abrechnung mit der inkriminierten Gattung in die Berliner Volksbühne? Wenn es nicht die grundvernünftige Frontfrau der inzwischen aufgelösten „Lassie Singers“ wäre, die da vom Leder zöge, man würde so einen deprimierenden Befund sofort in die Ecke pfeffern. Weil die Autorin aber seit Jahren Studien auf dem Forschungsfeld der Liebe betreibt und weil sich einem unvergessliche Hits wie „Liebe wird oft überbewertet“, „Mein zukünftiger Ex-Freund“ oder der markige Refrain „Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch“ in Erinnerung bringen, liest man gebannt weiter. Denn Rösinger ist ein Genie der lakonischen Weltentstellung. Niemand kann so schön die Farbe aus dem Berlinfilm ziehen und dabei gleichzeitig beschreiben, wie schön bunt hier alles ist. Wenn wir die „heterosexuelle Zwangsmatrix“ nämlich erst mal verlassen haben, macht die illusionslose Lektüre richtig Spaß.

          Aufklärerisch ist Rösinger vor allem da, wo sie die Paarbeziehung als alles verschlingende Norm begreift und das Singletum als defizitäres Gegenmodell in Anschlag gebracht sieht. Sämtliche Singleratgeber sprechen von einer „temporären Erscheinung“. Dass jemand das Leben allein aus freien Stücken vorzieht, ohne sich damit als alte Jungfer oder verkappter Schwuler verdächtig zu machen, scheint den heute wieder äußerst wirkmächtigen und diskursanalytisch sicher ertragreichen Kleinfamilien-Konsens zu torpedieren.

          Christiane Rösinger hat mit schrullig-charmanter Singer-Songwriter-Weisheit über die traurigste Sache der Welt geschrieben. Darüber, dass Beziehungen öfter scheitern als gelingen. Kein Grund jedoch, den Bettel hinzuschmeißen, sondern „die Energie gleich lieber in andere Dinge stecken, Freundschaften schließen, Kunst schaffen, Bildung anhäufen, sich sozial und politisch engagieren, die Gesellschaft verändern!“ Und es mit dem Pantoffeltierchen halten, das nichts vermissen muss - weder den Sex noch die Fortpflanzung noch das Leben allein, sondern höchstens die Gewissheit, dass zwei Einzeller zusammen noch keine höhere Lebensform ergeben. Die größten Feinde der Pantoffeltiere sind übrigens die Amöben, auch sie eingefleischte Singles, jedoch dafür bekannt, dass sie sich zum Ärger ihrer Mitlebewesen an keine noch so sinnvolle Norm halten und ihr Aussehen ständig verändern. 

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