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Veröffentlicht: 01.05.2017, 19:21 Uhr

Carlos Ruiz Zafóns neuer Roman Mir ist so literarisch wohl als wie neunhundert Seiten

Schauerliteratur im Taschenformat: Carlos Ruiz Zafón schließt den Erfolgszyklus „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ mit dem vierten Roman ab. Dabei lässt er zum Finale fast alle Figuren nochmal antreten.

von Niklas Bender
© dpa Der Bestsellerautor Carlos Ruiz Zafón lässt seine flotte Handlung in einem pittoreskem Setting spielen

Es überrascht kaum: „Das Labyrinth der Lichter“ schaffte es aus dem Stand auf Platz zwei der Bestsellerlisten. Weniger war von der Verkaufsmaschine Carlos Ruiz Zafón nicht zu erwarten, schon gar nicht beim vierten und letzten Roman des Zyklus „Der Friedhof der vergessenen Bücher“: Mit „Der Schatten des Windes“ hatte er nicht nur die Reihe eröffnet, sondern auch einen gigantischen Erfolg hingelegt. 2003 las ganz Deutschland Ruiz Zafón, von der Supermarktkasse bis ins Außenministerium, und träumte sich in ein sepiafarbenes Barcelona voller Bücherregale. Seitdem sind nicht nur zwei weitere Bände der Reihe auf Deutsch erschienen, sondern auch mehrere Schauerromane aus Ruiz Zafóns Frühwerk; an Entzugserscheinungen haben seine Leser nicht gelitten. Aber vielen geht es vermutlich wie Ruiz Zafóns skurriler Figur Fermín mit Süßigkeiten: Je mehr er sich in den Mund stopft, desto größer wird die Lust.

Nun also der letzte Band zur Welt der Sempere, einer Buchhändlerfamilie im Barcelona der fünfziger und sechziger Jahre, der Franco-Zeit, die von Diktatur und Nachwirkungen des Bürgerkriegs geprägt ist. Nachdem der dritte Roman gewisse Ermüdungserscheinungen gezeigt hatte, packt Ruiz Zafón den Stier bei den Hörnern: Er wechselt in die Intrigen von Politik und Geheimdiensten, die bisher das Leben der braven Helden als finstere außenstehende Mächte bestimmt haben. Um das überzeugend tun zu können, schafft er sich eine düstere Heldin, die zugleich die Herkulesaufgabe schultert, die Stadt zu verkörpern. Mit den Worten eines Statisten: „Weil Sie ein Wesen aus Licht und Schatten sind, wie diese Stadt.“

Schauerromantische Großstadtbilder

Alicia Gris leistet – nomen est omen – in urbanen Dämmerzonen Geheimdienst- und Polizeiarbeit der schmutzigen Sorte. Sie leidet an einer Hüftverletzung, die von der Bombardierung Barcelonas durch die italienische Luftwaffe 1938 herrührt, und ernährt sich von Weißwein und Schmerzmitteln. Ihrer Intelligenz tut das keinen Abbruch: „Ihr Geist funktioniert anders als der der anderen. Wo alle eine verschlossene Tür sehen, sieht sie einen Schlüssel. Wo die anderen die Fährte verlieren, findet sie die Spur. Das ist eine Gabe, um es mal so zu sagen. Und das Beste ist, dass keiner sie kommen sieht.“ Schön ist die junge Frau sowieso, im Femme-fatale-Genre; Ruiz Zafón versucht, seinem Krönungsschmöker dadurch Würze zu geben, und das gelingt streckenweise auch.

Aber von Beginn an: Im Winter 1959 wird Alicia von ihrem so raffinierten wie grausamen Mentor Leandro Montalvo – ein Geheimdienstoberer, der in einem Luxushotel residiert – auf einen Fall angesetzt. Es ist ihr letzter, so das Versprechen, aber dafür ein besonders heikler. Francos Nationaler Bildungsminister Mauricio Valls ist kurz nach dem achtzehnten Geburtstag der Tochter Mercedes aus seinem Madrilener Anwesen verschwunden, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Zusammen mit Vargas – einem gut erhaltenen, aber ansonsten nicht gerade exemplarischen Polizisten – macht Alicia sich auf die Suche. Im Arbeitszimmer des Ministers findet sie „Ariadna und der Scharlachprinz“, das Manuskript eines Kindermärchens von Víctor Mataix, das sie nach Barcelona führt. Dort sammeln die zwei Ermittler Informationen und haben die Ehre, durch Rovira, einen tollpatschigen Kollegen, beschattet zu werden.

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Die katalanische Metropole ist in mehrerer Hinsicht Alicias natürliche Bestimmung: Sie ist ihre Heimatstadt, und dort hat ihre Arbeit für Leandro begonnen, der weiterhin mehr als eine Karte im Ärmel verbirgt – vor allem aber kann Ruiz Zafón Alicia hier mit der Familie Sempere zusammenführen. Ästhetisch gesehen ist Alicias Funktion klar: Die „wandelnde Zeitbombe“ komplettiert das Sempere- und das Barcelona-Tableau insgesamt um seine abgründige Seite. Die braucht es auch, um zum Abschluss richtig aufräumen zu können, so, wie das eben nur ein stinkwütender Racheengel tun kann, mit rauchendem Kehrbesen und ohne Rücksicht auf Verluste.

Darauf jedoch muss der Leser lange warten; über weite Strecken sieht er nicht, wie der Hase läuft. Der Roman mutiert früh vom Krimi zum Thriller, die Ermittler geraten selbst ins Visier. Alicia und Vargas vollbringen dabei den Drahtseilakt, für die Autoritäten zu schnüffeln und gleichzeitig gegen sie zu sein; bei einem Krimi in Franco-Spanien geht das wohl kaum anders, wenn man das Publikum nicht strapazieren will, es ist aber nicht immer glaubwürdig. Ansonsten häuft Ruiz Zafón Indizien, ohne die Fäden zu verknüpfen – bis er sich nach knapp vierhundert Seiten dazu entschließt, mit einem Schlag alles auszupacken. Er lässt seine Helden die Kartons eines Anwalts finden, der dankenswerterweise alles aufgezeichnet hatte. Für einen Autor von Krimis und Schauerromanen, in denen es auf fein dosierte Spannung ankommt, ist das ein erstaunlich plumpes Verfahren.

Der Vorteil: Von diesem Zeitpunkt an geht es schneller. Ruiz Zafón kann seine Stärken ausspielen und eine flotte Handlung in pittoreskem Setting abspulen, das sowohl an schauerromantische Großstadtbilder des neunzehnten Jahrhunderts als auch an deren Verfilmungen im zwanzigsten erinnert. Seine Sprache ist glatt und widerstandsarm: Wen es nicht stört, dass große Gebäude zwangsweise wie Kathedralen oder gestrandete Schiffe aussehen, wird durch sie hindurchgleiten wie auf der Rolltreppe; manche der Dialoge, besonders die Einlassungen Fermíns, dem „pikaresken Geist“ des Zyklus, sind flott, frech und pikant. Es wimmelt von romanesken Gestalten, weisen Bibliothekaren, habgierig-lüsternen Bankiers, grausamen Polizeioffizieren, eleganten Zigeunerfürsten; auch die Handlung entwickelt Spannung, als einige Figuren ihre Masken fallen lassen und andere plötzlich in Todesstarre verfallen.

46089910 © Fischer Verlage/dpa Vergrößern Cover des vierten und letzten Buchs der Reihe „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ von Carlos Ruiz Zafón.

Ohne den Spaß zu verderben, kann verraten werden, dass Alicia entdeckt, welch dunkle Vergangenheit der gesuchte Minister hat – Gefängnisdirektor, Kinderschacherer –, und dass er von seinen Opfern in die Falle gelockt wurde. Der Clou an der Geschichte ist das nicht: Er besteht darin, dass letztlich das Regime schuld ist, es sich aber erstens in der Aufarbeitung selbst beschädigt und zweitens, Alicia sei Dank, nicht ungestraft davonkommt.

Glühende Verehrer des katalanischen Bestseller-Autors werden die Längen nicht abschrecken, das Stadt-Ambiente ist ihnen für das Lesevergnügen vermutlich ähnlich wichtig wie der Plot. Sie werden Ruiz Zafón auch die repetitiven Erklärungen und Beschreibungen verzeihen (die den Vorteil haben, dass man den Roman ohne Kenntnis der Vorgänger versteht) sowie den langatmigen Epilog, der die Nachgeschichte erzählt, den Zyklus resümiert und erläutert, wie es zur Niederschrift kam. Neben der krachenden Auflösung hat „Das Labyrinth der Lichter“ die Funktion, so gut wie alle Figuren des Zyklus noch einmal zu evozieren und in einem Gruppenbild anzuordnen.

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Abschließend wird dem Leser vor Augen geführt, welch zentrale Rolle rare Bücher und Manuskripte sowie obskure, aber geniale Schriftsteller spielen, die Opfer des Regimes geworden oder auf rätselhafte Weise verschwunden sind. „Der Schatten des Windes“ baute bereits auf demselben Rezept auf, indem der Roman die Suche nach dem mysteriösen Kultautor Julian Carax ins Zentrum stellte. Den in Ruiz Zafóns Romanen geschilderten Werken und Schriftstellern ist gemein, dass sie stets nur einer kleinen Gemeinde von Kennern bekannt und immer bedroht sind. Auffällig ist auch, dass die Zentralachse des Zyklus der besagte Friedhof der vergessenen Bücher ist, eine ebenfalls nur Eingeweihten bekannte Bibliothek, in der Werke gerettet werden. Das Paradoxon von Ruiz Zafóns Texten ist dem der Esoterik analog: Sie inszenieren ein Geheimwissen, betreiben einen Kult des raren Objektes, obwohl sie auf Bedingungen aufbauen, die dem widersprechen, ja selbst etwas darstellen, das ihm völlig entgegensteht. Denn Unterhaltungsliteratur wie jene Ruiz Zafóns ist Feuilletonschmöker aus der Presse Eugène Sues und Postkartenliteratur aus dem Bildersud Hollywoods: Sie baut auf massenmedialer Verbreitung und Rezeption auf, in Motiven und Sprache ist sie noch im Lokalkolorit so universell und unspezifisch wie möglich. Mit anderen Worten: Ruiz Zafóns Schinken würden nie im „Friedhof der vergessenen Bücher“ landen, von dem sie schwadronieren, sie lachen einem aus tausend Bücherregalen entgegen.

Es ist ein Rätsel und ein Ärgernis, warum Autoren, die mit anspruchsvoller Literatur so wenig am Hut haben wie Ruiz Zafón, Joël Dicker und – auf harmlose und viel sympathischere Weise – auch Walter Moers, derartig obsessiv Bücher- und Autorenverehrung betreiben. Man möchte ihnen zurufen: Keiner zwingt euch, Dante, Rabelais, Corneille, Goethe und Joyce nachzueifern – aber dann schmückt euch auch nicht mit ihren Federn. Ist das zu viel verlangt? Aber vermutlich gehört Bücher- und Autorenfetischismus zu den Kompensationsformen postliterarischer Spaßkultur, die man ertragen muss, wenn man Schauerliteratur im Taschenformat genießen möchte.

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