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Rovellis „Ordnung der Zeit“ : Zeitlos wuselt es auf kleinsten Skalen

Wo Zahnräder sind, da kommen die Zeit und der Tod als Elemente unserer Welt zu ihrem Recht: Konrad Klapphecks Gemälde „Memento mori“, 1958 Bild: Galerie Haas Zürich, VG-Bild Kunst, Bonn 2018

Was tun gegen die Kluft zwischen der Zeit in der Physik und der Erfahrung unserer zeitlichen Existenz? Carlo Rovelli denkt darüber nach – und stößt dabei immer wieder an die Grenzen des menschlichen Verstandes.

          Wenn man das Wesen der Zeit ergründen möchte, kommt man nicht umhin, sich auf ein Terrain zu begeben, das vom Wechselspiel zwischen Physik und Philosophie geprägt ist. Als ureigen philosophische Frage haben die Grundlagen unserer zeitlichen Wahrnehmung die Philosophen herausgefordert.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          So verstand Aristoteles die Zeit als etwas, das es ohne die sie definierenden und offenbarenden zeitlichen Beziehungen zwischen Dingen und Geschehnissen nicht geben kann: Wenn sich nichts verändert, dann gibt es auch keine Zeit. Platon hingegen dachte die Zeit als einen unabhängig existierenden Hintergrund, den es selbst dann gäbe, wenn er durch nichts gefüllt würde. Leibniz und Newton ließen diese Diskussion rund zwei Jahrtausende später wieder aufleben. Das Konzept einer platonistischen, absoluten Zeit prägte seitdem als Grundlage Newtonscher Physik unser Denken, bevor diese Zeitvorstellung durch Einsteins Relativitätstheorie ein weiteres Mal revidiert wurde.

          Die Grenzen unserer Vorstellungskraft

          Die modernen physikalischen Theorien entfernen seitdem die Zeit der Physik immer weiter von der Zeit, die im komplexen Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unser Leben prägt und die unserer geistig-geschichtlichen Welt zugrunde liegt. Als unserer Intuition am stärksten entgegenlaufend mögen dabei die bislang noch spekulativen Theorien der Quantengravitation gelten, die beim Versuch, die Theorien des Mikro- und des Makrokosmos zu vereinen, zu dem Schluss kommen, es gebe auf den fundamentalen Ebenen unserer Realität gar keine Zeit.

          Spätestens hier stoßen wir an die Grenzen unserer Vorstellungskraft: Die Kluft, die sich zwischen derartiger physikalisch motivierter Metaphysik und der Erfahrung unserer zeitlichen Existenz auftut, ist verstörend. Kann die Realität sich im Kleinsten wirklich so verhalten, dass wir sie als Menschen nicht im Entferntesten denken, nicht ansatzweise mit unserer Lebenswelt zur Deckung bringen können?

          Für den in Marseille lehrenden Theoretischen Physiker Carlo Rovelli ist das der Fall. Als Mitbegründer der Schleifen-Quantengravitation ist er einer der Verfechter einer physikalisch motivierten Abschaffung der Zeit. In seinem neuen Buch unternimmt er nun den Versuch, uns einerseits mit dieser radikalen Vorstellung einer zeitlosen Realität vertraut zu machen und uns gleichzeitig eine Brücke aus der modernen Physik zurück in unsere Erfahrungswelt anzubieten.

          Eine Menge von schwingenden, sich überlagernden Raumzeiten

          Die erste Hälfte seines Buches verwendet er darauf, zunächst diejenigen Punkte herauszuarbeiten, in denen die Zeit der modernen Physik unseren menschlichen Erfahrungen entgegensteht. So beschreibt er die Relativitätstheorie, die mit dem Einfluss von Bewegungen und Gravitationsfeldern auf die gemessene Zeit die Vorstellung der Einheitlichkeit von Zeit und die Vorstellung einer allgemein definierten Gegenwart zerstört; er erläutert, wie Einsteins Theorie Newtons absolute Zeit in eine auf die Welt elastisch reagierende Raumzeit überführt; er diskutiert die Thermodynamik, die mit dem zweiten Hauptsatz als einzige physikalische Theorie den Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft motivieren kann, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass diese Unterscheidung in den elementaren Gleichungen der Mikrophysik nicht zu finden ist; schließlich erreicht Rovelli die Schleifen-Quantengravitation, in der die Zeit unterhalb eines kleinsten Maßstabs nicht definiert ist und zu einer Menge von schwingenden, sich überlagernden Raumzeiten wird, die sich nur in Wechselwirkungen mit bestimmten Objekten konkretisieren.

          Rovelli illustriert das Fehlen der Zeit im Rahmen der Schleifen-Quantengravitation, indem er die Welt als ein Geflecht von ungeordneten Quantenereignissen versteht. Auch in Rovellis Quantenwelt kann es Veränderung geben, allerdings eine, die sich nicht nach einer allumfassenden globalen Ordnung richtet. Die Komplexität einer solchen Zeitstruktur kann aber, so Rovellis Analyse, durch unsere gewohnte sprachliche Grammatik nicht ausgedrückt werden. Stattdessen müsse man sich darauf beschränken, über Ereignisse und deren jeweilige Beziehungen zu sprechen.

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