http://www.faz.net/-gr0-6yy2v

Bora Cosic: „Frühstück im Majestic“ : In Gedanken schweben die Dinge

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser Verlag

Für ihn war die Schrift der Weg zu Wahrheit, Kunst und Künstlerdasein: In zwei neuen Büchern erzählt Bora Cosic von seiner Kindheit und frühen Jahren in Belgrad.

          Was hat man der Kindheit nicht alles schon nachgesagt! Paradies oder Hölle sei sie, der Hort wunderbarer oder auch der Ort schreckenerregender Unmittelbarkeit. In diesem überaus dichten Verhau aus Zuschreibungen hat Bora Cosic, der serbische, seit 1995 im Berliner Exil lebende Schriftsteller, nun noch eine weitere untergebracht. Dass dort überhaupt eine Lücke existierte, fällt erst jetzt, da sie nicht mehr ist, auf. Cosics „Eine kurze Kindheit in Agram“ erzählt von den ersten Jahren, in denen der Knabe nicht lesen kann. Dumm ist der kleine Bora nicht, er ist nur Analphabet und daher ganz auf die Dinge verwiesen, auf ihre stumme Materialität, ihr unbegreifliches Beharren und eigensinniges Leben. Bora Cosic nähert sich also der Vorgeschichte seines beinahe lebenslangen Umgangs mit Worten: der Zeit ohne sie, damals, als er ein „Anfänger im Leben“ war.

          Einsam ist der Knabe. Niemand, klagt der mit ihm mal identische, mal ihn von außen betrachtende Erzähler, spreche mit dem Jungen oder erkläre ihm etwas. Dass die beiden Riesen um ihn herum, denen er nicht ähnlich sieht, seine Eltern sind, glaubt er lange nicht. Ihr Bett sucht er gelegentlich auf, jedoch nur, wie er betont, um seinen Leib zu erproben und durch die leichte Reizung der Haut den „Kitzel der Sünde“ kennenzulernen. Die Welt ist eine Schachtel mit schmalen Schlitzen an der Seite. Das sind die Fenster der Wohnung in der engen Mrazoviceva, und lange glaubt er, es gebe keine andere Straße. Dann sieht er ein, zwei andere Straßen mit identischen Häusern, dazu einen Park und glaubt wieder, das sei alles. Dieser Glaube bleibt lange unerschüttert, denn Reisen werden in der Kindheit nicht unternommen.

          Schlaf, Zweifel und Leeregefühl

          Boras Vater ist Handlungsgehilfe, dessen Freunde sind es auch, und so wächst das Kind in der bescheidenen „Republik der Handlungsgehilfen“ auf. Anders als Vladimir Nabokov oder Walter Benjamin, den Kindern reicher Eltern, stehen ihm keine Mythen oder Legenden zur Verfügung, die für den Hausgebrauch hinter Vorhängen, unter dem Bett oder in Zimmerpflanzen eingebürgert werden können. „Mit zwei, drei Jahren bedeutete mir jedes Ding nicht mehr als eben dieses Ding, frei von Vergangenheit oder Anspielungen.“ Und doch, heißt es nicht ohne Stolz, erschaffe das Kind „ganz von allein jene metaphysische Zugabe, die jedes Ding in sich trägt“. Das Verfahren dazu heißt Reflexivität, und Cosic fasst es in das schöne Bild, dass das Kind in der stationären Kindheit ohne Reisen selbst zum Zug wird und „die Scheinwerfer seiner Lokomotive auf seine Wünsche“ richtet.

          Weitere Themen

          Helfer vereinen Familien wieder Video-Seite öffnen

          Verlorene Kinder aus Myanmar : Helfer vereinen Familien wieder

          Mehr als eine halbe Million Rohingya sind aus ihren Dörfern in Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflüchtet. Im Chaos der Flüchtlingslager werden viele von ihren Familien getrennt. Helfer versuchen die Familien wieder zu vereinen.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.