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Blick zurück auf Occupy : Der heimatlose Protest

Vorübergehend gern gesehen: die Räumung des Zuccotti Park in New York Bild: AFP

Die Occupy-Proteste wollten einen Raum besetzen, um die Finanzwelt herauszufordern. Am Ende mussten sie merken, dass die Verwaltung dieses Raums ihre Kräfte verschliss.

          War am Ende alles nur eine Idee von Bankern? Eine harmloser Spaß mit bunten Masken und Zelten, der härterer Kritik den Wind aus den Segeln nahm? So wie Unternehmen bei der Eigen-PR manchmal heimlich Schauspieler anstelle von Mitarbeitern auf die Bühne schicken, um ihr Image aufzuhübschen? Wickelte die Kunst des Kapitalismus zur Vereinnahmung seiner Kritiker auch die Occupy-Bewegung ein? Man kann auf diesen Gedanken kommen, wenn man die umsichtige Analyse der Kulturwissenschaftler Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer „Occupy. Räume des Protests“ liest. Der Glaube der Aktivisten, einen Raum besetzen zu können, der ganz außerhalb der bekämpften Ordnung stünde, wurde im Verlauf der Proteste herb enttäuscht. Die Bewegung nahm die Widersprüche des Gegners in sich auf und scheiterte daran. Schon ihre Tweets verschickte sie von Telefonen, die asiatische Fronarbeiter verlötet hatten.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Anfang von Occupy stand die Besetzung von Privatgelände. Der fast genau vor einem Jahr geräumte Zuccotti Park in New York, in seiner unwirtlichen Architektur anderen Finanzvierteln nicht unähnlich, gab einen ersten Hinweis auf den ungreifbaren Gegner. Die Autoren betrachten das Zeltlager als nötiges symbolisches Gegengewicht. Doch wo immer man sich niederließ, musste man gehen. Eine besonders unglückliche Figur machte die Londoner St. Pauls Kathedrale, die Einnahmeverluste vorschob, um die erst willkommenen Okkupanten vom Vorplatz zu vertreiben. Die Bewegung fand wohlwollende Duldung, aber keine festen Verbündeten, vor allem bekam sie den Gegner nicht ins Visier. Es waren schließlich politische Kräfte, die den Protest teils mit übertriebener Härte ortlos machten. Hinterher wurden die Vorschriften auf den ehemals besetzten Flächen wie zum Hohn verschärft.

          Lektionen des Scheiterns

          In der Kooperation mit öffentlichen Stellen verlagerte sich der Protest ins Kleinteilige. Die Lagerverwaltung absorbierte die Energien und die Idee, der Finanzwelt ein alternatives Sozialmodell zu bieten, das frei von ihren entstellten Zügen sei, trat zurück. Mit der Aufnahme der Obachlosen mussten die Lager aber auch schon einen Teil der Krisenschuld auf sich nehmen, für den andere zuständig gewesen wären. Die Zweckentfremdung des Protests lieferte letztlich das Argument für sein Ende. Auch das hochgesteckte Ziel, die Rechte der marginalisierten 99 Prozent zu vertreten, trug zur Verwässerung der Motive zwischen revolutionärem Anarchismus, ökonomischer Teilhabe und Aussteigeridyll bei.

          Die Bilanz ist nüchtern. Keines der Probleme wurde gelöst. Die Regierungen blieben auf der Seite der Banken. Die Entflechtung der Finanz von der Politik blieb aus. Jetzt schwebt sie herum, die Idee, die im Unterschied zu Lagern nicht geräumt werden kann, tritt einen Rückzug ins Innerliche an und sucht neue Fixpunkte. Mörtenböck und Mooshammer stufen sie auf den bescheideneren, aber nicht unerheblichen Erfolg zurück, alternativen Zielen und Lebensformen eine Sichtbarkeit und Praxis gegeben zu haben, an die künftige Initiativen anknüpfen können. Die Erkenntnis des Aufstiegs und Falls von Occupy: Jeder Raum ist schon von ziemlich vielen Ansprüchen besetzt.

          Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer: „Occupy“. Räume des Protests. Transcript Verlag, Bielefeld 2012. 200 S., br., 18,80 Euro

          Quelle: F.A.Z.

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