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Zwischen den Welten

 ·  Gott winkt ab: David Albaharis Annäherung an den Holocaust

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Sie sind geduldig, diese Belgrader Schüler, aufmerksam, wißbegierig und sehr empfänglich für das, was ihnen der schmale Mann mit den wirren Gesten vermitteln möchte. Andere Dreizehnjährige hätten ihrem Lehrer womöglich längst den Gehorsam verweigert, denn was er ihnen auf diesem Schulausflug zumutet, ist nicht wenig. Um den Leidensweg der Belgrader Juden nachzuzeichnen, fährt er mit der Klasse die zentralen Orte ab, die vom Winter 1941/42 bis zum folgenden Juni mit der Ermordung von etwa fünftausend Menschen verknüpft sind: die Meldestelle, das Lager auf dem Messegelände der Stadt, schließlich der Weg nach Jajinci - dort werden die Leichen verscharrt, bis im Sommer 1942 nach etwa fünfzig Transporten das Lager völlig menschenleer ist. Um seinen Schülern das Ungeheuerliche ganz nahe zu bringen, beläßt es der Lehrer fünfzig Jahre danach nicht bei der bloßen Anschauung der Orte: Er weist den Jugendlichen die Namen und Rollen einzelner Opfer zu, teilt sie entsprechend in Familienverbände ein und erzählt ihnen so suggestiv vom Lagerleben und dem quälenden Erstickungstod, der auf sämtliche Insassen wartete, daß die Schüler schließlich eine Erfahrung mit ihm teilen: Wie ihr Lehrer verlieren sie sich in der Welt seiner Erzählung vom Holocaust und erleben sie als gegenwärtig. Der Unterschied ist, daß sie gleich darauf wieder hinausfinden, während sich der Pädagoge zunehmend darin verstrickt.

David Albaharis schmaler Roman "Götz und Meyer" von 1998, der jetzt auf Deutsch erschienen ist, beschreibt mit sparsamen Mitteln und atemberaubend effizient, wie ein Überlebender des Holocaust, der als Kleinkind rechtzeitig versteckt wurde, als Erwachsener dem Schicksal seiner Angehörigen nachgeht, Berge von Aktenordnern anhäuft und doch, trotz allen Detailwissens, in den wesentlichen Fragen auf Einfühlung angewiesen ist. So erfährt er allmählich alles über die Abläufe, die das große Töten strukturieren, er kennt die Maße und die Funktion jener rollenden Gaskammer, eines Fünftonners der Marke "Saurer", und erzählt betont sachlich von den beiden SS-Männern, die schließlich die Ermordung der Lagerbewohner durchführen: "Zunächst bringt Götz, oder Meyer, den Lastwagen zum Eingang des Lagers, dann öffnet Meyer, oder Götz, den geräumigen Kasten. Diszipliniert und ruhig steigen die Lagerinsassen - Frauen, Kinder, hin und wieder ein Greis - ein. Zuvor haben sie ihre Habseligkeiten auf einen anderen Lastwagen geladen, der auf dem Lagergelände steht. Sie sind überzeugt, daß endlich der Augenblick des Abtransports nach Rumänien gekommen ist, obschon gelegentlich auch von Polen geredet wird." Doch der Wagen hält etwas später an, einer der SS-Männer steigt aus und "verbindet das Auspuffrohr des Motors mit einer Öffnung im Kasten. Danach haben Götz und Meyer nichts mehr zu tun, außer, natürlich, zu fahren."

Um Götz und Meyer kreist das Denken des Erzählers. Ihrer wird er nicht habhaft, ihre Spuren sind verwischt, Fotografien scheinen nicht mehr zu existieren, von ihren Personen weiß er nichts. Umgekehrt aber gewinnen sie für den Erzähler gerade dadurch allmählich eine bedrückende Präsenz, und Albahari läßt die wachsende Verwirrung seines Erzählers mit leichter Hand und überzeugender Technik glaubhaft werden, bis die beiden imaginierten SS-Männer schließlich den Lehrer überallhin begleiten, zu ihm sprechen, ihn maßregeln oder in Dispute verwickeln. Wie ernst es um den Erzähler steht, läßt er selbst erkennen, als er von seiner Heimkehr nach dem Klassenausflug berichtet: "Auf dem Tisch standen immer noch eine Flasche Selbstgebrannter und drei Schnapsgläser, Spuren eines unerwarteten Besuchs von Götz und Meyer vor wenigen Tagen."

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2003, Nr. 171 / Seite 40
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