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Zwei Bände mit Erzählungen aus Istanbul : Paris? Das ist doch nur etwas für die High Society

  • -Aktualisiert am

Bild: Manesse Verlag, Zürich

Der kleine Mann vom Bosporus: Neue Übersetzungen verdeutlichen den Weltrang türkischer Kurzgeschichten. Ihre Verfasser sind Metin Eloglu und Sait Faik.

          Könnte man wie Orhan Pamuk aus Büchern Häuser bauen, es würden vermutlich ganze Stadtviertel entstehen. Wer würde sich schon entgehen lassen, das Istanbul aus der Blütezeit der türkischen Kurzgeschichte, einer Zeit vor dem Bausündenfall, wieder aufleben zu lassen? Viel mehr noch als heute war die seinerzeit noch von weniger als einer Million Menschen bewohnte Metropole in der Mitte des zwanzigsten Jahrhundert eine Stadt am Wasser, das Hauptverkehrsmittel die Fähre. Brücken über den Bosporus gab es noch nicht. Nur die damals noch schwimmende Galata-Brücke über das Goldene Horn existierte bereits.

          In jene Welt entführt die im Berliner binooki-Verlag unter dem Titel „Fast eine Geschichte“ erschienene Kurzprosa von Metin Eloglu ebenso wie der bei Manesse in Zürich veröffentlichte Band „Geschichten aus Istanbul“, eine Auswahl aus Sait Faiks wegweisenden literarischen Miniaturen. Beide Bände widmen sich dem verwegen-verwunschenen Istanbul der kleinen Leute: Lastenträger, Fischer, Kaffeehausexistenzen, Fabrikarbeiter, Arbeitslose, verbeulte Lebenskünstler, Betrüger und Betrogene, Verliebte und Verratene. Beide sind sie aus unverschämt männlicher Perspektive geschrieben - wobei Sait Faik auch erotisches Interesse unter Männern thematisiert und Eloglu eindeutig der großspurigere Macho ist. Trotzdem ist die Lektüre durchaus auch für zartere Gemüter geeignet, sind die Charaktere doch so nah an gewissen menschlichen Grundeigenschaften gebaut, dass sich noch in jedem ein Verwandter des eigenen Alter Ego finden lässt.

          Qualifikation: Gefängnisaufenthalt

          Sait Faik (eigentlich Sait Faik Abasiyanik, 1906 bis 1954) gilt neben Sabbahatin Ali als Erfinder der türkischen Short Story, sein schlackenloser, ebenso direkter wie luzider Stil, seine literarische Volksnähe als prägend für die moderne türkische Literatur. Aus seinem Werk lagen mit „Ein Lastkahn namens Leben“ und „Der Samowar“ bereits Übersetzungen vor, die den Rang von Klassikern haben, aber vergriffen sind. Metin Eloglu (1927 bis 1985) ist vor allem als Lyriker bekannt und wurde auch als bildender Künstler wahrgenommen. Seine Geschichten sind erstaunlicherweise auch in der Türkei erst 2009 unter dem Titel „Istanbullu“ (Der Istanbuler) erschienen. Sie sind nicht nur denen Sait Faiks in Themen und Stimmung nahe, sondern beweisen auch zweifellos eine Qualifikation, die der Kollege als Voraussetzung für einen guten Erzähler definiert hat: die Namen sämtlicher Fischarten zu kennen.

          Bild: binooki Berlin, 2012

          Beide Autoren streben zudem durch ihr Wirken nach der für einen türkischen Schriftsteller fast schon idealtypischen Qualifikation eines Gerichtsverfahrens oder Gefängnisaufenthaltes - Eloglu wohl etwas ehrgeiziger; er war wegen politischer Aktivitäten zwei Monate in Haft, Sait Faik brachte es „nur“ zu einem Prozess wegen militärfeindlicher Äußerungen. Auch was die Beschäftigung mit menschlichen Eigenschaften und sozialen Umständen angeht, ist Eloglu gründlicher, seine Beobachtung schärfer, ohne Scheu vor vordergründig realistischen Themen und Stimmungen. Seine sehnsuchtstrunkenen Figuren sind hier und da als erklärte Zeugen gesellschaftlicher und politischer Missstände unterwegs, kritisieren etwa den Bau von Gefängnissen statt Krankenhäusern und gründen Arbeitslosenvereinigungen. Bei Sait Faik sind die Figuren schicksalsergebener, die sozialen Verhältnisse weniger explizit politisch, sondern eher gleichnishaft geschildert.

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