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: Zuviel Taschengeld

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Davon haben wir doch alle einmal geträumt: Man sitzt gemütlich und versonnen am Bahndamm oder an einer Straßenkurve, egal, wie man da hingekommen ist, und plötzlich fliegt einem eine randvoll mit Geldnoten gefüllte Reisetasche vor die Füße. Um fast 230 000 englische Pfund handelt es sich in diesem ...

          Davon haben wir doch alle einmal geträumt: Man sitzt gemütlich und versonnen am Bahndamm oder an einer Straßenkurve, egal, wie man da hingekommen ist, und plötzlich fliegt einem eine randvoll mit Geldnoten gefüllte Reisetasche vor die Füße. Um fast 230 000 englische Pfund handelt es sich in diesem Falle; sie werden Damian, dem Ich-Erzähler und Haupthelden von "Millionen", geradezu an den Kopf geworfen. Was Damian nicht vorausgesehen hat: Aus diesem plötzlichen Reichtum ergibt sich für ihn und seinen großen Bruder Anthony, der sich in Gelddingen erheblich besser auskennt, sofort eine Riesenzahl von Problemen. Muß man das Geld nicht zurückgeben? Aber wem? Offensichtlich ist es geklaut worden. Den Räubern braucht man es ja wohl nicht zurückzugeben. Im Gegenteil, die wollen es mit ihren Gangstermethoden zurückhaben, so daß man es vor denen verbergen muß. Überhaupt wäre es am besten, wenn man es erst einmal verstecken könnte, aber das geht nicht, weil die englische Währung in zwei Wochen umgestellt wird. Das Geld muß ausgegeben oder umgetauscht werden, rasch und in jedem Fall so unauffällig wie möglich.

          Der Roman von Frank Cottrell Boyce erzählt die überaus turbulente, teilweise wie eine Slapstick comedy ablaufende Geschichte dieser zwei Wochen, in denen die beiden Brüder auf alle mögliche Weise versuchen, das Geld loszuwerden. Dabei stoßen sie mehr, als ihnen lieb ist, auf die Weisheit des Satzes "Geld macht nicht glücklich . . .", und sie merken auch ein ums andere Mal, daß der Folgesatz ". . . aber es beruhigt" ganz und gar nicht stimmt. Dennoch sind mit Geld jede Menge Annehmlichkeiten verbunden, materielle sowieso, aber auch moralische; dies etwa dann, wenn man es für einen guten Zweck spendet. Allerdings geht auch das Spenden gar nicht so einfach, denn die guten Zwecke sind Legion, und einer schlägt den anderen aus dem Feld, so daß man schließlich wie gelähmt dasteht.

          Das sind alles sehr ernsthafte Probleme, und wenn es auch unwahrscheinlich ist, daß vielen Menschen etwas Ähnliches passiert wie Damian mit der Reisetasche, so spielen sie doch in verdünnter Form mehr oder weniger deutlich in jedermanns Leben eine Rolle. Boyce versteht sich beneidenswert gut auf die Kunst, durch die Oberfläche einer ziemlich unwahrscheinlichen Geschichte mit ziemlich außergewöhnlichen Charakteren und einem atemberaubend verwickelten Handlungsverlauf eine ganze Menge gewöhnlicher Alltagserfahrungen durchscheinen zu lassen.

          Wenn es um Geld geht, um viel Geld, dann geht es so gut wie immer zuvörderst nicht um Geld, sondern vor allem um Glück, Liebe, Charakterstärken und -schwächen. Auch das zeigt dieser Roman. Damian und sein Bruder haben ganz heftige Macken, mit denen sie sich herumschlagen müssen, und das viele Geld hilft ihnen nur sehr wenig dabei. Aber sie tun es wacker, aufrichtig und mit der besonderen Würde, die besorgte Knaben vor der Pubertät zuweilen so ungemein liebenswert macht. Wie sie mit ihrem hart arbeitenden und etwas schusseligen Vater umgehen, schon dafür möchte man sie manchmal umarmen. Die schwierige Familiensituation bedrückt sie häufig. Das wird auch gar nicht verdeckt von dem Charme, dem Tempo und der Leichtigkeit, mit der Boyce, erfahrener Drehbuchautor, der er ist, die Geschichte erzählt.

          Denn das ist das Besondere an diesem außergewöhnlichen Roman: Man liest ihn, verlockt von dem Plot, den spritzigen Abenteuern und den federleichten Dialogen, in einem Zug durch, oft mit Tränen in den Augen, weil man so lachen muß - Unterhaltung pur, Heiterkeitskitzeln im Zwerchfell und wunderbare Zerstreuung. Dazu ist die deutsche Übersetzung eine reine Sprachfreude. Im Moment des Weglegens merkt man jedoch zur eigenen Überraschung, daß dies gar nicht nur ein komisches und witziges Buch war. Es hat vielmehr eine ganze Menge ernsthafte Dinge angesprochen, über die wir alle hin und wieder ins Grübeln kommen. Irgendwie sind wir durch die vergnügte Lektüre ansatzweise etwas klüger geworden. Jedenfalls besteht die Chance dazu. Wer wie Boyce erreichen kann, über Ironie und Witz und über das Lachen seine Leser ein klein wenig zu verändern, der verfügt über ein viel zu selten anzutreffendes Talent. Dies bringt er hier brillant zur Geltung. Sein Roman ist ein Schmuckstück.

          WILFRIED VON BREDOW

          Frank Cottrell Boyce: "Millionen". Aus dem Englischen übersetzt von Salah Naoura. Carlsen Verlag, Hamburg 2004. 254 S., geb., 14,- [Euro]. Ab 9 J.

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