21.07.2003 · Stefan Maelck schickt seinen Detektiv in den Stasi-Sumpf
Ausgerechnet im fünfzigsten Todesjahr des großen Hank Williams erscheint dies Buch. Seine Hauptfigur: Hank Meyer, Privatdetektiv in Halle/Saale, zudem Radiodiskjockey und eingefleischter Countryfan. Warum bloß immer die üblichen Verdächtigen als Bezugsgrößen? Warum nicht mal ein Stück Literatur zu Ehren von, sagen wir, Loretta Lynn ("Coalminer's Daughter"), Kitty Wells ("It wasn't God who made Honky-Tonk Angels") oder George Jones? Statt dessen ruht man sich lieber auf dem Hank-Williams-Mythos aus, der politisch korrekt ist und trotzdem männliche Heulsusen in ihrem existentiellen Dilemma bedienen kann.
Und die Kombination aus country music und Kriminalgeschichte? Schmeckt die nicht nach einem deutschen Aufguß von Kinky Friedman - Country-Musiker und Krimiautor in einem? Aber es ist ja gerade das Naheliegende, Einfache, Plakative, das Abrufen konstanter Grundmuster, was solche Genreliteratur ausmacht; Altbekanntes in immer neuen Schattierungen. Das Überraschende an Stefan Maelcks "Ost Highway" ist sein Schauplatz: Sachsen-Anhalt. "Dunkeldeutschland" oder "der Sumpf", wie sein aus dem Westen stammender Detektiv das Bundesland und mithin den gesamten Osten der Republik gern nennt, in den es ihn von Berufs wegen verschlagen hat.
Der Krimi beginnt mit einer Leiche im Herzen der Bewußtseinsindustrie Ostdeutschlands. Gerda Lattke, Star unter den Radiomoderatoren eines großen öffentlich-rechtlichen Senders, wird tot im Funkhaus aufgefunden. Den Schlüpfer, mit dem man sie erdrosselte, trägt sie noch um den Hals. Auf seinen detektivischen Recherchen gerät Meyer in die Keller jüngster Geschichte. Aber hier endet auch schon die Überraschung: Frau Lattke hatte nämlich zu DDR-Zeiten für die Staatssicherheit gearbeitet, und sie war - wie sich nach und nach herausstellt - bei weitem nicht die einzige im Haus "mit StasiKerben auf dem Colt": "Spannend war eigentlich nur noch, wer nicht dabeigewesen war." Ein Überwachungsapparat, der gerade innerhalb von Familien perfekt funktionierte, hinterließ allerhand geschundene Seelen und gespaltene Persönlichkeiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Opfer sich rächen. Von den "Zeitbomben, die nun nach und nach explodieren werden", handelt dieses unterhaltsam geschriebene Buch.
Eine Spur führt Meyer und seinen Assistenten gar von Halle nach New Orleans, in die Stadt des Jazz, Funk, des mysteriösen Voodoorockers Dr. John. Und in die Sümpfe drumherum. Hier lauert allerhand Böses, werden Puppen mit Stecknadeln bearbeitet, Geister der Vergangenheit angerufen, und auch sie wechseln wie Spitzel und Agenten manchmal die Gestalt. Maelcks männliche Figuren schlurfen als einsame Cowboys durch die Welt. Sie saufen, rauchen F6, philosophieren an Hallenser Kneipen- und Cafétischen und erinnern in ihrer Hängeschultrigkeit nicht selten an das Publikum auf einem Gedenkkonzert zu Ehren von Hank Williams.
Erzählt wird das alles im rasanten Tempo des Radiosprechers. Doch wo einer stetig bemüht ist um sprachliche Eigenheiten, die Stilblüte häufig bewußt einsetzt, da kann die Pointe auch schon einmal danebengehen. Etwas weniger aufgesetzte Flottheit und mehr gute Beobachtung und Krimipsychologie wünscht man sich für die kommenden Abenteuer von Hank Meyer. Autor Maelck - selbst Journalist und wohnhaft in Halle - arbeitet laut Klappentext bereits an einem nächsten Fall. Wahrscheinlich aber wird der Detektiv und Diskjockey aus Dunkeldeutschland nach diesem Buch ohnehin schon eine Fangemeinde haben.
STEFANIE PETER
Stefan Maelck: "Ost Highway". Ein Hank-Meyer-Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2003. 302 S., geb., 16,90 [Euro].