27.01.2012 · Ein kleiner Junge als ganz großes Bedürfnis: Zeruya Shalev erzählt in ihrem vierten Roman von einer Frau, die bereit ist, für ein Kind alles aufs Spiel zu setzen.
Von Ingeborg HarmsZeruya Shalevs heute erscheinendes Buch „Für den Rest des Lebens“ ist ein ehrgeiziges Unternehmen, das sich über vier Generationen erstreckt und in dessen Zentrum der fast besessene Wunsch einer Frau steht, ein Kind zu adoptieren. Ihr Begehren ist von dem Wissen ausgelöst, dass ihre Tochter einen männlichen Zwilling hatte, der vor der Geburt gestorben ist.
Dina ist sechsundvierzig Jahre alt, sie leidet unter hormonellen Störungen und wirft sich vor, nicht rechtzeitig ein weiteres Kind gezeugt zu haben. Wie es mit Obsessionen so geht, wechseln die Begründungen. Zunächst steht sie zu ihrem Egoismus: es komme ihr nicht aufs Glück eines Kindes, sondern auf das eigene Liebesbedürfnis an, seit Nizan, ihre sechzehnjährige Tochter, ein unabhängiges Leben zu führen beginnt. Doch im Laufe der Geschichte, die auf den Untertitel „Roman“ verzichtet, rückt das hehre Motiv, einen auf die Adoption wartenden sibirischen Knaben mit ihrer Liebe zu beschenken, in den Vordergrund. Der Leser unterschreibt diese Version der Dinge nur zögernd, denn gleich zu Beginn klingelt Dinas Telefon eine Stunde lang Sturm, ohne dass sie auf den Ruf reagierte. Von der Mutter einer Schülerin möchte man mehr Phantasie für mögliche Krisen erwarten. Tatsächlich ist es Chemda, Dinas todkranke Mutter, die sie zu erreichen versucht, stattdessen von ihrem Sohn Avner gefunden und bewusstlos ins Krankenhaus transportiert wird. Als Dina endlich verständigt ist und sich auf den Weg macht, besucht sie zuerst die Entbindungsstation, in der sie nach Nizans Geburt gelegen hat. Als sie dort auf eine Studentin trifft, deren junges Mutterglück sie verstört, fällt die eigene Mutter ihr ein: „Vielleicht macht sie gerade in diesem Moment ihren letzten Atemzug.“
Mit der Liebe zur Mutter ist es nicht weit her, auch Avner drückt sich um die Krankenwache auf der Intensivstation: Fasziniert von einer Fremden, die am Nebenbett bei einem Sterbenden sitzt und ihn mit liebevollen Worten tröstet, schiebt er das Bett der Mutter bis zum Ausgang und lässt es dort im Stich, um herauszufinden, wohin das Paar plötzlich verschwunden ist. Wie seine Schwester jagt er dem Ideal eines Liebens nach, das nicht von den Kompromissen und ärgerlichen Details alltäglicher Beziehungen getrübt ist. Beide möchten ohne Belastungen von vorn anfangen mit der Liebe: am Höhepunkt einer Paarbeziehung wie Avner, der sich ins verwaiste Bett des Sterbenden legt und alles daransetzt, dessen Rolle zu beerben, oder mit der Adoption eines zweijährigen Knaben, den Dina sich als im Zenit seines kindlichen Liebreizes denkt. Die Verantwortung für ihr Unglück schieben beide der Mutter zu, die Dina zu wenig und Avner zu sehr geliebt hat. Um ihrer Umarmung zu entgehen, will er zu früh geheiratet haben, und auch den Abbruch seiner militärischen Karriere führt der Beduinen-Anwalt auf Chemdas verweichlichende Erziehung zurück.
Gute fünfhundert Seiten lang drückt der Roman auf die Pedale, Perspektiven wechseln, doch das emotionale Drama ist allgegenwärtig. Der nahe Tod der Mutter macht die Sinnfrage akut, er lässt Auseinandersetzungen aller Art ausbrechen, mühsame, seitenlange Ehestreitigkeiten, gequälte Rückblicke, Selbstkasteiungen und stets auch die fieberhafte Suche nach dem erlösenden Ausweg. Dabei fühlt man sich wie bei einer Familienaufstellung, die Figuren schlüpfen in die Position der anderen, kopieren sich wechselseitig. Angesichts solcher Rollenspiele ist Nizans Vorwurf, ihre Mutter wolle sie gegen ein neues Kind austauschen, nicht unberechtigt.
Die so tränenselige wie kussreiche Versöhnungsszene der beiden könnte aus einem Roman der Empfindsamkeit stammen, und doch ist Dina alles andere als auf die kreatürliche Mutterrolle abonniert. Sie habe, meint sie, „nie zu diesen Frauen gehört, den Gebärmaschinen“. Vielmehr träumte die Geschichtsstudentin bis zum Abbruch ihrer Promotion von einem „aufregenden Leben, du wolltest Bücher schreiben, Vorträge in aller Welt halten“. Vom Adoptionsplan beflügelt, kehrt sie zu ihrer Dissertation zurück: „Hatte sie sich nicht ein Leben lang danach gesehnt? Lernen, Wissen ansammeln, sich an Tatsachen klammern.“ Für aus dem Leim gegangene Mütter wie Avners vierschrötige Gattin hat Dina nur Verachtung übrig. Chemda geht so weit, im schnaufenden, aufgequollenen Avner einen Fremden zu vermuten, der ihren vormals so hübschen Sohn ermordet hat. Dieser wiederum glaubt, die ganze Schwere seiner einst üppigen Mutter sei auf ihn übergegangen.
Das Gedankenspiel mit der Seelenwanderung zieht sich durchs ganze Buch, es ist das stärkste Argument, das die Figuren gegen ihre emotionalen Wunden und ererbten psychischen Komplexe vorbringen. Verbirgt sich darin doch die Hoffnung auf einen vom Körper und seinen Konditionierungen unabhängigen Wesenskern. Chemda, deren musische Begabung unter der harten Kibbuz-Erziehung erstickte, denkt darüber nach, „wie Liebe, die nie zur Geltung kam, von einer Generation in die nächste wandert, wie eine Stimme, die nie gehört wird“. Die Kraft zum Sterben findet sie schließlich in der Vorstellung, dass „der Tod das Aufwachen aus dem Leben“ ist.
Zeruya Shalev lässt kein gutes Haar an Israels utopischen Landsiedlungen, einer Erfindung zur „Verbesserung jedes Einzelnen“, die „grausame Geschöpfe hervorbrachte“ und dazu führte, dass sich die greise Chemda selbst im Schlaf noch beobachtet fühlt. Die Spur der Schuld führt nach Europa, nach Polen, wo Chemdas Mutter ein Kibbuz-Vorbereitungscamp gegründet hatte, oder nach Hamburg, wo Chemdas Mann Elik ein Jahrzehnt später von seinen Eltern in ein Schiff nach Israel gesetzt worden war, um dort ein Leben lang unbelehrbar und verbittert auf die Ermordeten zu warten.
Shalevs Heldin Dina jedoch kämpft mit der ganzen Energie ihres Spleens gegen solche prägenden Hypotheken an. Wohlwissend, dass sie eigenen Problemen davonläuft, will sie frei ein neues wählen, das alle anderen vergessen lässt: „Sie braucht etwas Großes, sie will einen kleinen Jungen.“ Und weil „der Gedanke an das Kind ihr eine märchenhafte Kraft verleiht“, bucht sie die Reise nach Sibirien für sich und, gegen seinen Willen, auch für ihren Mann. Längst rechnet sie mit der Möglichkeit, ihn durch die Adoption zu verlieren, doch sie ist an einen Punkt gekommen, wo es weniger um das Kind geht als um die Erfahrung, die sie mit sich selbst zu machen im Begriff ist: Sie spürt, dass sie „zu einem Menschen werden kann, der durch niemanden aufzuhalten ist“.
Dinas Bruder hat diese Erfahrung vor ihr gemacht und seine Familie verlassen; er ist es, der ihr die Kraft einflößt, aufs Ganze zu gehen. Man wird Shalevs Erzählung einer Hysterie nicht wie einen Abenteuerstoff verschlingen, zu masochistisch, narzisstisch auch und voller Redundanzen ist diese Geburt einer frei entworfenen Zukunft, die gerade als solche ihre Kibbuz- Wurzeln kaum verleugnen kann. Und wenn nicht alle Figuren gleichermaßen gelungen sind, so sind in diesem an Projektionen reichen, karnevalesken Roman ohnehin alle Schatten von anderen. Dass es darin trotzdem um ein Abenteuer geht, um ein Abenteuer der Seele, wird auf den letzten Seiten klar, als die Autorin ihre Fäden zu einem atemberaubenden Triumph der Liebe zusammenzieht.
Zeruya Shalev hat selbst ein sibirisches Kind adoptiert, sie weiß, von welchen Emotionen sie spricht. Nicht nur, dass sie in den notorischen Krisen der Lebensmitte große Kraftquellen entdeckt, sondern auch ihr Unternehmen, so eine Adoption mit der Geschichte Israels zu verweben, macht „Für den Rest des Lebens“ zu einem bedeutenden Buch.