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„Zerreißproben“ von Ruth Klüger : Das Gegenbild zu den Berserkern

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Bild: Zsolnay

Souveräne Auskünfte übers Überleben mit der Poesie: Ruth Klüger versammelt und kommentiert ihre autobiographischen Gedichte.

          Dass eine Autorin im hohen Alter ihren ersten Gedichtband veröffentlicht, mag zwar ungewöhnlich sein, aber ganz überraschend ist es in diesem Fall doch nicht. Denn wer Ruth Klügers Autobiographie „Weiter leben“ (1992) gelesen hat, der wusste, dass die Literaturprofessorin aus Irvine in Kalifornien, den Lesern dieser Zeitung auch als kundige Mitarbeiterin der „Frankfurter Anthologie“ bekannt, seit ihrer frühesten Jugend Gedichte schrieb. Nun hat sie eine Auswahl dieser Poeme zu ihrem ersten Gedichtband „Zerreißproben“ vereinigt.

          Er ist ein Unikum, weil er zu jedem Gedicht gleich die Interpretation mitliefert. Gewiss: Es gab Goethes „Noten und Abhandlungen“, Brechts „Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen“ der „Hauspostille“, die Gebrauchsanweisungen Erich Kästners und Hans Magnus Enzensbergers, aber solche und andere Kommentare von Autoren waren stets den Gedichten vor- oder nachgeordnet, ebenso wie die Anmerkungen, Worterklärungen und Hinweise, Fußnoten und Anhänge, die wir in vielen Gedichtbänden finden. Das ist hier ganz anders.

          Eine unentbehrliche Voraussetzung

          Ruth Klüger will, wie sie im Vorwort erklärt, „mit der Auslegung meiner Gedichte ein Exempel statuieren“ und sogar ein „Tabu brechen“. Es besteht ihrer Auffassung nach darin, dass die Lyriker „davor zurückscheuen, die eigenen Verse selbst zu deuten, obwohl die Verfasser ja die einzigen sind, von denen die Leser mit Sicherheit annehmen dürfen, dass sie sich etwas gedacht oder zumindest geahnt haben“. Eben! Und das, was sie sich dabei gedacht haben, erläutern sie nur allzu gern und eifrig in Selbstinterpretationen nach dem Muster der „Doppelinterpretationen“, der Autorenbefragungen, der „Dichter über ihre Gedichte“-Sammlungen von „Mein Gedicht ist mein Messer“ bis hin zu den „Hölderlin Ameisen“. Mit dem angeblich redeverbietenden Tabu der Selbstauskunft ist es also so weit nicht her.

          Das Prädikat „einzigartig“ gebührt Ruth Klügers Band gleichwohl. Texte und Kommentare stehen völlig gleichberechtigt nebeneinander, und sie bilden gemeinsam ein ganzes, sorgfältig komponiertes Buch: eine Lebensgeschichte. „Ich möchte Gedichte vorstellen, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten, und sagen, was es war.“ Autobiographische Gedichte also, 34 an der Zahl. Und so ist es kein Zufall, dass acht davon bereits in Ruth Klügers erster Lebensbeschreibung ihrer Jugend, „weiter leben“, abgedruckt wurden. Auch dort übrigens mit (nicht gleichlautenden) Kommentaren, die ernsthaft Interessierte zur Ergänzung unbedingt nachlesen sollten, wie überhaupt die Kenntnis von Ruth Klügers Lebensgeschichte eine eigentlich unentbehrliche Voraussetzung zum Verständnis ihres lyrischen Erstlings ist.

          Gedichte einer zwölf Jahre alten Überlebenden

          Den Anfang macht das Wort, das menschliche Sprechen, die „Deutsche Sprache“. Ihr gilt das einleitende Sonett, dessen streng gereimte Verse leichtfüßig à la Rilke über die Zeilenenden hinweggleiten, als wäre die deutsche Sprache für Ruth Klüger nie etwas anderes gewesen als ein kostbarer Besitz, über den sie bedenkenlos verfügen konnte. So war es nicht. Die deutsche Sprache wurde für sie nach ihrer Deportation nach Theresienstadt und im amerikanischen Exil zu einem Makel, zu einer schweren Bürde, von der sie aber trotzdem auf Dauer nicht lassen konnte und wollte. Man sprach in ihrer Familie zwar ausschließlich englisch, aber die Sprache der Poesie war auch das Deutsche. Dieses Doppelleben der Zweisprachigkeit, der gleichzeitigen Anwesenheit der Muttersprache und der hinzugelernten „Erwachsenensprache“, der „andern Mundart“, führt das Einleitungsgedicht beispielhaft als Abkehr von und Rückkehr zur deutschen Sprache vor: „die Kinderstimme . . . / zeigt mir mühelos zum zweiten Male / in scharfen, unbiegsamen Zackigkeiten / den Trost der klaren, offenen Vokale“.

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