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: Zeitverschiebung

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Ich komme aus Ostrom. Eben noch stand ich auf dem Astronautenweg, und über mir glitt die Kabine der Schwebebahn herab. Kein Mensch ist an diesem grauen Montagmorgen darin zu sehen. Hangaufwärts wird das Gusseisengestänge der Schienenführung immer steiler, die Trägerbögen ergänzen sich zum Skelett eines Urzeittiers.

          Ich komme aus Ostrom. Eben noch stand ich auf dem Astronautenweg, und über mir glitt die Kabine der Schwebebahn herab. Kein Mensch ist an diesem grauen Montagmorgen darin zu sehen. Hangaufwärts wird das Gusseisengestänge der Schienenführung immer steiler, die Trägerbögen ergänzen sich zum Skelett eines Urzeittiers. So ist in DDR-Zeiten die Nomenklatura von Dresden zu ihrem Refugium auf der Loschwitzhöhe transportiert worden, in jenes Viertel, das als Ostrom verspottet wurde. Abgeschottet durch die Armee, lebten dort der Bezirkssekretär Barsano, der Theaterautor und Dichter Eschschloraque, der Romancier Altberg oder der Akademiker Londoner - wenn man dem Roman "Der Turm" glaubt, der hier im Osten von Dresden, dem schönsten Teil der Stadt, den größten Teil seiner Handlung ansiedelt. Sie erzählt über die letzten Jahre der DDR.

          Diesem Buch möchte man alles glauben, so genau erzählt es. Ich habe vier Jahre in Dresden gelebt, hatte hier eine meiner bevorzugten Spaziergangstrecken und konnte deshalb bei der Lektüre jede Wegbiegung nachvollziehen, jeden Anstieg, jeden Ausblick. Doch schnell wird auch klar: "Der Turm" verschiebt die Elemente dieses Wohnviertels, siedelt Häuser aus einer Straße in die andere um, legt Bergpfade an, wo es keine gibt, benennt Wege um, baut Brücken über Täler, setzt Inseln in die Elbe, ruft Menschen bei Namen, die nicht die ihren sind. Natürlich steckt hinter Barsano der einstige Bezirkssekretär Hans Modrow, in Eschschloraque ist Peter Hacks zu erkennen, und Altberg, das ist Franz Fühmann, Londoner dagegen Jürgen Kuczynski. In "Der Turm" ist nichts, wie es scheint, und doch ist alles schlüssig, so schlüssig, dass ich in meinen Dresden-Büchern nach Bildern der Brücke über die Grundstraße gesucht habe, die im Roman beschrieben wird. Sie musste einfach dagewesen sein, doch es gab keine Spur von ihr.

          Vom Astronautenweg, der in Wahrheit Veilchenweg heißt, biege ich in die Grundstraße ein. Fünf Minuten Zeit sind noch, um die Kurve geht es herum und langsam aufwärts. Rechts steigt der Hang zum Villenviertel Weißer Hirsch an; dort oben hätte man die Brücke sehen müssen, die im Buch den schwerbewachten Zugang nach Ostrom darstellt. Bisweilen blitzt das helle Weiß des Luisenhofs auf, der im Roman Sibyllenhof heißt, davor der Turm der Villa San Remo, die als Rapallo firmiert, und dahinter liegt unsichtbar das riesige Areal des Instituts, das die DDR ihrem Physikgenie Manfred von Ardenne zur Verfügung stellte. Im "Turm" heißt er Ludwig von Arbogast.

          Am Körnerplatz wartet der Mann, der diese Topographie und diese Personen mit seinem Namenszauber belegt hat: Uwe Tellkamp. Unter seiner Führung will ich einen mir durch eigene Anschauung längst vertrauten Ort in Deckung bringen mit einer Phantasieszenerie, die mir nach tausend Seiten Lektüre wider besseres Wissen mindestens so realistisch vorkommt wie meine eigenen Erinnerungen. Wir sind verabredet am Durchgang zur Standseilbahn, die hoch auf den Weißen Hirsch fährt. Da steht ein junger Mann, nicht allzu groß, das schwarze Haar unter einer Schieberkappe, gekleidet in grüne Wanderkleidung, auf dem Rücken einen Rucksack, schweres Schuhwerk an den Füßen. Angesichts der Ausstaffierung überrascht es nicht, dass der Gedanke an eine Auffahrt, wie sie Christian Hoffmann, der jugendliche Held in Tellkamps Roman, am Beginn der Handlung mit der Standseilbahn macht, gar nicht erst aufkommt. "Sie kennen ja die Plattleite, also gehen wir den Rißweg hoch auf den Hirsch." Doch dann zögert er: "Nein, dann könnten Sie das Spinnwebhaus nicht sehen. Also doch die Plattleite."

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