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Roman „Zeithain“ : In anderen Zeiten wäre aus ihm ein Werther geworden

So ging eine Freundschaft zu Ende, so fing ein königliches Selbstverständnis an: die Hinrichtung Kattes in Küstrin auf einem kolorierten Kupferstich, erschienen um 1790. Bild: akg-images

Vom großen Freund des kleinen Fritz: Michael Roes erzählt in seinem Roman „Zeithain“ die Geschichte des 1730 hingerichteten preußischen Leutnants Hans Hermann von Katte.

          Vor sechs Jahren lief im Köpenicker Schloss eine Ausstellung mit dem weitschweifigen Titel „Kriegsgericht in Köpenick! Anno 1730: Kronprinz – Katte – Königswort“. Die Schau selbst war alles andere als geschwätzig: Sie führte mit Aktenstücken, Briefen, einem Richtschwert und anderen Objekten den historischen Beweis, dass die Verurteilung und Hinrichtung des Premierleutnants Hans Hermann von Katte wegen Beihilfe zum Fluchtversuch des preußischen Kronprinzen kein Justizmord auf Befehl des wütenden „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I., sondern die Konsequenz eines Staatswesens war, dessen Ordnung auf militärische Disziplin gründete. Manche Besucher waren über die Tendenz der Schau, die den Fall Katte aus den Nebeln der borussischen Geschichtsschreibung heraus- und in den Horizont seiner Zeit zurückholte, moralisch enttäuscht, andere eher erleichtert. Viele schrieben ihre Meinung ins Gästebuch, einige verfassten Rezensionen. Den ausführlichsten Kommentar hat Michael Roes zu Papier gebracht. Es ist sein achthundert Seiten langer Roman „Zeithain“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Kattes Schicksal wäre längst vergessen, hätte sich der Kronprinz, der nach seiner gescheiterten Flucht in die Festung Küstrin gesperrt wurde, wo er zumindest Ohrenzeuge von Kattes Exekution wurde, nicht zu jenem Friedrich weiterentwickelt, den auch die heutige Geschichtsschreibung noch „den Großen“ nennt. Am Königshof des Alten Fritz durfte der Name Katte nicht ausgesprochen werden, so tief war die Wunde, die sein Tod in der Seele des Monarchen hinterlassen hatte. Um so lauter bringt der Romancier Roes jetzt das Schicksal des Gehenkten zu Gehör. Er nennt nicht bloß Kattes Namen, er gibt ihm auch Stimme und Gesicht, er macht ihn zum Helden einer Geschichte, die über drei Jahrhunderte hinweg den Bogen in unsere Gegenwart zu schlagen versucht.

          Bevor wir freilich dem Kronprinzen zum ersten Mal begegnen, vergehen in „Zeithain“ gut fünfhundert Seiten. Bis dahin haben wir Katte als rebellischen Knaben, vergrübelten Schüler, sinnsuchenden Studenten und reisenden Kavalier im altmärkischen Wust, in Halle, Königsberg, Paris und London erlebt. Dass er ausgerechnet in dem blassen und schwächlichen Fritz die Erfüllung seiner Liebessehnsucht findet, wird ihm vom Erzähler dabei wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Katte ist das, was man früher einen Prachtkerl genannt hätte, gerecht, gütig, musikalisch, treu bis zur Selbstaufgabe. Seine Achillesferse ist sein Körper, denn Homosexualität, so behauptet es jedenfalls dieser Roman, ist für einen brandenburgischen Junker keine Option. So wird Kattes Adoleszenz zur irrenden Suche nach einem Gegenüber, dem er sein Verlangen offenbaren kann.

          Von zweideutigen Frauen- und Männerfreundschaften

          Als Zögling der Franckeschen Stiftungen in Halle-Glaucha schließt er Schülerfreundschaften, deren Zwei- oder Eindeutigkeit er sich selbst nicht eingestehen will. Als Kunststudent in Königsberg unter der Aufsicht seines Vaters, des Stadtgouverneurs, weist er die Avancen einer jungen Witwe zurück, traut sich aber auch an seinen Kommilitonen Andreas, einen frühen Sozialrevolutionär mit Preußenzopf, nicht recht heran. Als er in London von seiner Kusine Petronella von der Schulenburg fast beiläufig entjungfert wird, brechen endlich Kattes innere Dämme, und er verbringt eine Nacht mit einem Seemann, der am nächsten Morgen nach Südamerika aufbricht.

          Das klingt gefährlich nach Kolportage, aber der Eindruck täuscht. Roes hat dieses Drama einer sexuellen Selbstfindung vielmehr mit äußerstem Takt und gebührender Umständlichkeit angelegt, wie eines jener komplizierten Manöver, an denen das achtzehnte Jahrhundert so reich war, sei es auf dem Schlachtfeld oder dem gesellschaftlichen Parkett. Nur dass sein Held als Charakter eigentlich nicht in diese Zeit gehört. Nicht zufällig legt ihm der Erzähler mehrmals Zitate aus Wilhelm Müllers „Winterreise“ in den Mund, deren Verse den Text für Schuberts unsterblichem Liederzyklus bilden.

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