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Zaubernuß hilft immer

Wortmedizin: Yasmina Rezas Romanplädoyer für Unsterblichkeit

Was früher Gruselgeschichten waren, sind heute Krankheitsgeschichten geworden - und die sind oft noch unheimlicher. Die Gespenster schweben nicht mehr draußen um die verschreckten Menschen herum, sondern sie haben ihr Opfer verhext und sich in ihnen eingenistet. Adam Haberberg, die Titelfigur in Yasmina Rezas Roman, ist solch ein Besessener, dem durch das Zauberwort eines Arztes der "grüne Star" geweissagt und ein Heer von Angstgespenstern eingeimpft worden ist. Von nun an schaut Adam Haberberg nur noch nach innen und dort dem Treiben der Unwesen zu: "Er legt eine Hand aufs linke Auge. Ihm ist, als wäre hinter dem Auge plötzlich alles viel schlimmer geworden. Er spürt einen Wirbel, ein Austreten von Gefäßflüssigkeit, hervorgerufen, denkt er, durch das Platzen von Kollateralgefäßen." Der Grüne Star breitet sich nicht nur über die Netzhaut, sondern auch über die Seele aus und verschleiert den Blick auf die Außenwelt.

Yasmina Reza hat mit diesem Motiv der Augenkrankheit die symbolische Konstellation schlechthin für ihr eigenes poetisches Verfahren gefunden. Was Wunder, daß am Ende die Krankheitsgeschichte zu einem Pamphlet, zur Verteidigung ihrer eigenen poetischen Absichten wird. Adam Haberberg muß deshalb Schriftsteller sein, und noch dazu ein erfolgloser, denn wie sonst hätte er Anlaß, seinen Stil - und damit den seiner Schöpferin - gegen die unverständige Mitwelt und sogar gegen die Ehefrau zu verteidigen. "Ein wahrer Schriftsteller", so weiß Haberberg zwar, "sinniert nicht über die Literatur"; dennoch denkt er nach und entschließt sich, "nicht dieser scheußlichen Memoirenmode nachzugeben". Statt dessen will er die kleinsten Unscheinbarkeiten, "den Linoleumboden, die Tuc-Tucs, das traurige Licht, Viry und die Jahre in Literatur verwandeln". Krank ist Adam Haberberg nicht nur in körperlicher, sondern auch in intellektueller Hinsicht, um Worte fleht der Dichter ebenso wie um Medikamente: "Nur gewähre mir ein heimliches Schreibheft und hilf mir, die richtigen Worte zu finden, um die Wahrheit zu sagen."

Der Erfolg der Stückeschreiberin Yasmina Reza beruht auf solchen Versuchen, "die Wahrheit ohne Absicht" zu sagen. Sie schreibt für eine glückliche Gesellschaft, die mit der Wahrheitsfindung keinen Fanatismus verbindet, für die das Rätseln um den Sinn eine Art von Partyspaß ist. Was aber für den Zuschauer ein Vergnügen wäre, wird für die Figuren auf der Bühne, deren Perspektive auch ohne Augenkrankheit eingeschränkt ist, zum unerbittlichen Wortgefecht, dessen Ausgang sich einen ganzen Theaterabend lang nicht entscheiden läßt.

Weisheit aber ist der Wahrheit überlegen, und die Weisheit der Autorin kommt zum Schluß, daß Wahrheit nie zu finden sei. Deshalb läßt Reza den Helden ihres Romans schließlich doch scheitern und unterhält ihre Leser mit dessen leiser Melancholie. Die Banalitäten, die Adam Haberberg in der kurzen Zeit wahrnimmt, in der die "Krankheitsgeschichte" im Visier der Autorin bleibt - ein später Nachmittag und früher Abend während der zufälligen Begegnung des Helden mit einer ehemaligen Klassenkameradin -, hätten denn auch trotz aller Realitätsnähe bestenfalls eine lyrische Träumerei ergeben. Dramatisch macht Yasmina Reza die Geschichte erst durch jene Worte, die der augenkranke und worthungrige Dichter dann doch findet: nur solche, die mit seiner Krankheit zusammenhängen und die ihn in den Genuß eines heimlichen Gruselns bringen: Thrombose, Retina, Glaukom, Hyperhomocysteinämie, Koloskopie, Venoruton-Tabletten und schließlich die Zaubernuß, die die Klassenkameradin als Wundermittel gegen allerlei Leiden empfiehlt.

Diese Fachbegriffe und Kunstnamen ziehen den beschädigten Helden immer wieder in Bann, wenden seinen Blick vom Alltag ab, bringen ihn in Erregung und amüsieren offenbar auch die Autorin selbst. Nicht ohne Humor begleitet Yasmina Reza den Weltverlust ihres Helden. Jedenfalls zieht sich der Nebel schnell um Haberbergs Auge. Aber auch die alte Schulkameradin hat nichts zu sagen: Wenn die beiden reden, reden sie aneinander vorbei. Wahrheit besitzt eben jeder nur für sich allein. Diese Marie-Thérèse, die da plötzlich wiederaufgetaucht ist, leidet unter derselben Blicklosigkeit und Selbstbezüglichkeit wie ihr mit dem Star gezeichneter Schulfreund.

Wer Wahrheit sucht, stößt seit je an die Grenze zwischen Sein und Schein, und da hat auch Yasmina Reza ihren Roman angesiedelt. Das Schlußwort, das sie ihrem Helden in den Mund legt, formuliert die Einsicht, daß man von "Unsterblichen keine Geschichte" erzählen könne, sie sind nur Erscheinung. Nur Sterbliche, wie eben Haberberg, seien es wert, als literarische Vorlage zu dienen. Dieser Einsicht folgt die Autorin von jeher. Stets machte sie Sterbliche, einfache Menschen in einfachen Situationen mit einfachen Gedanken und Fragen, zu Objekten ihrer Beobachtung, nur sind, anders als bei ihrem Helden, ihre Stoßgebete um die rechten Worte für solche Unscheinbarkeiten stets erhört worden.

HANNELORE SCHLAFFER

Yasmina Reza: "Adam Haberberg". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Verlag, München 2005. 152 S., geb., 15,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2005, Nr. 112 / Seite 42

 
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Veröffentlicht: 17.05.2005, 12:00 Uhr