27.11.2009 · Erfindet jemanden! Zadie Smith hat zwanzig prominente Autorenkollegen um Charakterstudien gebeten. Das Ergebnis: ein literarisches Marionettentheater.
Von Felicitas von LovenbergNeben dem angeblichen wirklichen Leben existiert in der literarischen Vorstellung ein herrliches Paralleluniversum, bevölkert von bereits erdachten oder noch zu erfindenden Figuren. Die Möglichkeiten zur Charakterschöpfung sind unendlich, und vielfältig die Methoden, sie umzusetzen: Manche Figuren lernt der Leser allein durch die Augen ihrer Umgebung kennen, andere aus ihrer Innensicht auf die Welt und das, was ihnen darin widerfährt, wieder andere weisen sich nur durch ihre Handlungen aus und andere verraten sich durch das, was sie sagen. Ganz wie im wirklichen Leben klaffen auch bei literarischen Persönlichkeiten Außen- und Selbstwahrnehmung oft weit auseinander. Und auch nur wenige imaginäre Biographien hinterlassen bleibenden Eindruck; denn um jenseits des Papiers, also im Gedächtnis des Lesers, überlebensfähig zu sein, braucht eine literarische Figur Eigenschaften, Angewohnheiten, Spleens, Sehnsüchte, eine Aufgabe oder ein Geheimnis – und eine Situation, in der dies zum Tragen kommt.
Den einundzwanzig Stories des „Buchs der anderen“ zufolge sind die Konturen eines Charakters leicht zu erfinden; Gegebenheiten, unter denen dieser sich erweisen kann, hingegen weniger. Die Londoner Schriftstellerin Zadie Smith, die in ihrer britischen Heimat soeben einen klugen neuen Essayband veröffentlicht und überdies ihre glückliche Genesung von „fiction fatigue“, also eines gewissen Phantasieüberdrusses, verkündet hat, konnte zwanzig namhafte Autorenkollegen von beiden Seiten des Atlantiks zur Teilnahme an dieser ungewöhnlichen Anthologie gewinnen. „Das Buch der anderen“ lässt sich als Porträtgalerie und Werkstattgespräch in einem lesen, und dient nicht nur dem besten aller Zwecke, nämlich den Leser für sich einzunehmen, sondern zusätzlich kommen alle Erlöse „826 New York“ zugute, der von David Eggers ins Leben gerufenen Schreibschule in Brooklyn.
Kaum Hauptfiguren
Die von Zadie Smith gestellte Aufgabe lautete: Erfindet jemanden! Keine Vorgaben, kein Zwang – und um der guten Sache willen auch kein Honorar. Diese Freiheit, die der Herausgeberin zufolge jenem seligen Urzustand (brotlos, aber kreativ) ähnelt, den Schriftsteller in ihrer Anfangszeit nicht genug zu schätzen wissen, hat einige Figuren hervorgebracht, die in ihrer Vielschichtigkeit unmittelbar glaubwürdig sind und die, wie A. L. Kennedys „Frank“ oder Colm Tóibíns „Donal Webster“, auch einen ganzen Roman als Protagonisten schultern könnten. Dass gerade diese beiden Charaktere, die besten Geschichten des Bandes, deutschen Lesern bereits in eigenen Erzählungsbänden der Autoren über den Weg gelaufen sind, ändert zwar nichts an der Qualität der Stories, ist aber für die Wirkung des Projekts ingesamt schade, wie überhaupt knapp die Hälfte der Geschichten zuvor bereits an anderer Stelle, in Zeitungen und Magazinen erschienen sind. (Ein Schelm, wer vermutet, dass die Autoren so das fehlende Honorar ausgeglichen haben.) Außerdem zählt „Das Buch der anderen“ zwei Beiträge weniger als die englische Originalausgabe von 2007, die noch Comics von Daniel Clowes und Chris Ware enthielt.
Die wenigsten Charaktere des Bandes sind Hauptpersonen, weder im Leben noch in der Fiktion. Die meisten sind gescheiterte, gebrochene Menschen, in der Mitte des Lebens stehend und ratlos, wie es weitergehen soll. Glänzend haben vor allem Jonathan Safran Foer, Adam Thirlwell und Jonathan Lethem die Prägnanz der Short Story genutzt, um Nebenfiguren in den Mittelpunkt zu rücken. Foer verschafft der jüdischen Großmutter „Rhoda“ einen denkwürdigen Auftritt vor ihrem Enkel, vorgeführt als aberwitziger Monolog zwischen Standpauke, Litanei und Familienklatsch. Adam Thirlwell widmet sich mit „Nigora“ einer in ihrer Ehe wie in jeder vorhergehenden Beziehung gefangenen Russin, die die Probleme, die ihre Existenz aufwirft, inner- wie außerliterarisch, neutralisiert, indem sie sie zur Sprache bringt: „Sie würde aus ihrer Rolle ausbrechen. Sie würde (dachte Nigora) sie selbst sein. Aber dennoch: Wie konnte sie?“ Und Jonathan Lethem hat mit „Perkus Tooth“, als Ex-Kritiker, Ex-Kultautor, Ex-Cineast mit Ende dreißig bereits in jeder Hinsicht ein Gewesener, einen so kauzigen wie anrührenden Zeitgenossen und anregenden Gesellschafter erfunden.
Monster haben's leichter
Denn wie bei allen neuen Bekanntschaften macht man auch hier einige lieber und leichter als andere. Eine manische Quasselstrippe hat David Mitchell mit seiner „Judith Castle“ erfunden, der der verdiente erste Auftritt auf der Bühne dieses literarischen Marionettentheater gebührt. Judith, eine sich selbstbewusst gebende und zur enthemmten Schönfärberei neigende Mittfünfzigerin, entpuppt sich auf den wenigen Seiten als eine einsame und tragische Figur. David Mitchell hat ihr Porträt mit wunderbar leichter Hand gezeichnet; das Gespött von Judiths Umfeld teilt der Leser nicht. Eine schöne Porträtstudie ist auch Miranda July mit der Projektionsfigur „Roy Spivey“ geglückt, ein berühmter Schauspieler, der bei einer Begegnung im Flugzeug das Leben einer Frau streift. Man tauscht Telefonnummern – ohne je daran zu denken, diese auch zu benutzen. Trotzdem erscheint der Frau die ungewählte Nummer über Jahre hinweg als Strickleiter aus ihrem eintönigen Leben.
Fast alle Geschichten unternehmen den Versuch, die Schichten an Erinnerung, Erfahrung und Enttäuschung, die eine Persönlichkeit ausmachen, wenigstens anzudeuten – und einige zerschellen daran, weil sie diese Komplexität erzählerisch nicht auffangen. Oft wäre weniger mehr gewesen, etwa bei Edwidge Danticats „Lélé“, dem Doppelporträt eines Geschwisterpaars aus Anlass der Ehekrise der Schwester. Auch Zadie Smith erzählt weniger von „Hanwell sen.“ als vielmehr davon, wie die Unzuverlässigkeit in die Familie kam und dort zur lebensbestimmenden Eigenschaft wurde. Nick Hornbys lexikalische Auffächerung von „J. Johnson“ ist keine Geschichte, sondern ein schlechter Witz, und noch dazu einer, den nur Insider des britischen Buchbetriebs verstehen können. Da haben es jene, die keine Menschen, sondern ein „Monster“ (Toby Litt), einen verliebten Riesen („Theo“ von Dave Eggers) oder aber einen Welpen (George Saunders) erfunden haben, zunächst leichter. Hier übertrifft die Originalität der Idee allerdings in allen Fällen die Geschichte, die daranhängt. Aus dem Rahmen der fiktiven Charaktere fällt auch Aleksandar Hemon, der dem „Lazarus“-Motiv treu bleibt und den Gekreuzigten, dessen Identität sich lange vor dem Ende erschließt, den „Lügner“ nennt.
Zadie Smith zufolge kann es „durchaus befreiend sein, alle strategischen und Effizienzgedanken zurückzustellen und ,einfach nur so’ zu schreiben“. Das bestätigen einige der Geschichten sehr eindringlich. Die meisten aber erinnern daran, dass zum Schreiben Disziplin gehört – und der Ehrgeiz, selbst für einen guten Zweck nicht einfach irgendwas abzuliefern. Immerhin: Wer sich noch drei Gestalten dazuerfindet, kann „Das Buch der anderen“ glatt als Adventskalender benutzen.
Die wichtigsten Romane und Erzählungen in Rezensionen der F.A.Z.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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