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Yasmin Reza: Nirgendwo und Heureux les heureux : Glücklich sind die Glücklichen

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser Verlag

Kann man sich Yasmina Reza als eine einsame Frau vorstellen? Eigentlich nicht. Doch nun sind zwei Bücher erschienen, eines auf Deutsch, eines auf Französisch, die ein anderes Bild von der großen Schriftstellerin vermitteln.

          Irgendwann in diesem wunderbaren Buch kommt Marguerite Blot zu Wort. Sie erzählt von ihrem Kollegen, einem gewissen Jean-Gabriel Vigarello, dessen Wege sie seit Jahren im Lehrerzimmer des Gymnasiums kreuzt, an dem sie Spanisch unterrichtet. Er ist ihr nie aufgefallen. Eines Tages aber entdeckt sie, dass sich unter seiner unmöglichen Frisur - die Ponyfransen hängen ihm tief ins Gesicht - ganz bemerkenswerte Augen verbergen. Bei einer Klassenfahrt nach Madrid geschieht, was geschehen muss. Zurück in Rouen, aber ist alles, wie es immer war. Der Kollege reagiert nicht auf ihre kleinen Botschaften, und so kommt Marguerite Blot ein Gedicht von Borges in den Sinn, in dem es heißt: „Ya no es mágico el mundo. Te han dejado.“ Und die Welt ist nicht mehr magisch. Man hat dich zurückgelassen. „Jeder“, sagt Marguerite Blot, „kann uns zurücklassen, selbst ein Jean-Gabriel Vigarello mit seiner Beatles-Frisur fünfzig Jahre nach der Zeit.“

          Das ist das Grundgefühl all der neunzehn Figuren, die uns in dem neuen Buch von Yasmina Reza begegnen. Ganz gleich, ob sie Lehrerin sind wie Marguerite oder überwiegend Ehefrau wie Hélène Barnèche oder ob sie, wie Rémi Grobe, als gutbezahlter Consultant arbeiten - sie alle werden in ihrem Alltag von dem Wissen begleitet, dass schon ein Augenblick, eine einzige richtig gestellte Frage genügt, um jene prekäre Sicherheit zum Einsturz zu bringen, auf der ihr Leben fußt. Das Grundgefühl ihrer Existenz zeigt sich unabhängig von der Gesellschaft, in der sie sich befinden, es ist für alle gleich und hat doch keine verbindenden Kräfte: Es ist eine elementare Einsamkeit.

          Menschen wie du und ich

          Nicht, dass das für Yasmina Reza neu wäre. Wenn irgendjemand sich in den Verlorenheiten des bürgerlichen Alltags auskennt, in den abgelegten Illusionen, den Zugeständnissen, Fluchten, kleineren und größeren Lügen, dann ist sie es. Es gibt fast niemanden, der uns Angehörigen des Bürgertums, als die wir Leser von anspruchsvoller Literatur ja gerne gelten, so schonungslos und humorvoll den Spiegel vorhält wie die in Paris lebende, 53 Jahre alte Schriftstellerin. Das hat sie oft bewiesen, und in ihrem Roman „Heureux les heureux“ tut sie es wieder. Das Buch ist dieser Tage in Frankreich erschienen, eine deutsche Übersetzung liegt also leider noch nicht vor. Aber weil sich Yasmina Reza hier absolut auf der Höhe ihrer Kunst zeigt und weil ihr Französisch auch für Leser verständlich ist, die der Sprache nur halbwegs mächtig sind, soll von ihm hier schon heute die Rede sein.

          “Heureux les heureux“ bedeutet so viel wie „Glücklich sind die Glücklichen“, was wieder ein Borges-Zitat ist und außerdem eine Tautologie, die man ironisch verstehen soll. Menschen wie du und ich tauchen in diesem Buch auf, in kurzen, mit ihren jeweiligen Namen überschriebenen Kapiteln erzählen sie von sich - nicht in Form von großangelegten Geschichten, sondern in Momentaufnahmen und Szenen des Alltags wie jener, in der das Ehepaar Robert und Odile Toscano im Supermarkt in einen grotesken Streit gerät, weil er angeblich den falschen Käse gekauft hat und sie zu viele Süßigkeiten für die Kinder. Oder der, die sich in einem kleinen Dorf im Norden Frankreichs ereignet, wo sich Rémi Grobe tatsächlich für ein paar Stunden in Odile Toscano verliebt, die er sonst nur zu gelegentlichen Abenteuern trifft.

          Verrat und Verbrüderung

          Erzählt sind diese Geschichten in Form von inneren Monologen, peu à peu stellt man dabei fest, dass sich die Figuren kennen, mal sind sie befreundet, mal verbinden sie heimliche Affären, mal die Leidenschaft fürs Glücksspiel. So lernen wir jeden Einzelnen aus unterschiedlichen Perspektiven kennen, so spiegelt in einem Verfahren des fortlaufenden mise en abyme eine Existenz die andere, und so entsteht, wie in einem Puzzlespiel, allmählich das Bild einer comédie humaine der Neuzeit. In ihr sind alle Figuren ständig darum bemüht, vor den anderen im besten Licht zu erscheinen, manche wissen, wie brüchig die Fassade ist, hinter der sie sich verbergen, andere haben es erfolgreich verdrängt. Hier ist die Welt eine Bühne und das Leben eine Rolle, die man spielt. Die Mitspieler sind gleichzeitig die Gegner, Ehepartner, Freunde, Kinder und Kollegen. Gewonnen hat, wer möglichst selten den Vorhang lüften muss.

          Dabei sind es gerade die Momente des Verstoßes gegen die ungeschriebenen Regeln des Miteinanders, in denen gleichermaßen der größte Witz liegt und die größte Freiheit. Großartig in diesem Sinn ist jene Szene in der Küche der Toscanos, in der Robert mit seinen besten Freunden Luc und Lionel Spaghetti isst. Die drei Männer sind unter sich, ohne ihre Frauen, sie fühlen sich wohl. Man trinkt und redet, und schließlich erzählt Lionel vom Drama um seinen Sohn Jacob, der angeblich bei einem Praktikum in London weilt, in Wahrheit aber in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, weil er ernsthaft glaubt, Céline Dion zu sein. Luc, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt ist, kann kaum an sich halten. Er weiß, er darf seinen Freund Robert jetzt nicht anschauen, sonst bricht er in schallendes Gelächter aus. Aber dann sieht er ihn an - und die beiden lachen sich schlapp. Du weißt, sagt Robert, wir machen uns nicht über dich lustig. „Lionel war großartig, er lächelte liebenswürdig und sagte, ich weiß, ich weiß.“

          In Szenen wie dieser zeigt sich die ganze Meisterschaft von Yasmina Reza. Mit kurzen, stilistisch einfachsten Sätzen schafft sie auf engstem Raum eine Atmosphäre, die von jenem heiklen Gleichgewicht geprägt ist, das die Möglichkeit des Tragischen ebenso in sich trägt wie die des Komischen. Verrat und Verbrüderung vollziehen sich auf nicht einmal zwei Buchseiten. Lionel verliert sein Gesicht ausgerechnet in der tröstenden Umarmung seiner Freunde. Und wie ihm geschieht es nahezu allen anderen in diesem Buch. In der Parade der Unseligen, die Reza vor uns aufmarschieren lässt, fällt jeder irgendwann aus der Rolle und findet sich in diesen Momenten höchster Not - allein.

          Furchtbar normaler Alltag

          Von diesem existentiellen Alleinsein hat Reza immer wieder erzählt. Auch in dem Buch, das zuletzt auf Deutsch von ihr erschienen ist, den halb autobiographischen, halb fiktiven Skizzen mit dem Titel „Nirgendwo“. Den weitaus größten Teil dieser Prosaminiaturen kennen Reza-Leser zwar schon aus einer vor Jahren veröffentlichten Übersetzung. Aber der kleinere Teil erscheint hierzulande nun zum ersten Mal. In ihm erzählt Yasmina Reza Anekdoten aus der Zeit, in der ihre Kinder klein waren. Sie erzählt von der Freundin Moïra, der sie viele ihrer Bücher gewidmet hat, und sie erinnert sich an ihre Eltern. Dieser Erinnerung folgt ein längerer Essay über die Suche nach einer eigenen Identität: Als Tochter einer aus Ungarn stammenden Mutter und eines Vaters, der jüdische, iranische und russische Wurzeln hatte, ließ sich die Frage nach der Herkunft für Reza nie leicht beantworten. „Welcher Unterschied besteht zwischen den Menschen, die einen eigenen Winkel haben, und denen, die keinen haben? Was nutzt ein Ort, eine Gegend, Wurzeln, weil man doch sowieso - ?“

          Das Unsagbare, das sich in dem Gedankenstrich ausdrückt, meint den Tod, also die unaufhaltsam verstreichende Zeit. Sie ist der Anfangs- und der Endpunkt des Rezaschen Schreibens, die ihr zu verdankenden Abnutzungserscheinungen bilden dabei aber nicht nur die Grundlage der köstlichen Szenen des furchtbar normalen Alltags, an denen wir Leser uns immer wieder erfreuen. Sie sind auch der Kern der auf sie selbst bezogenen Reflexionen. Über „Eugénie Grandet“, den Roman Balzacs, der ihr „am nächsten war und ist“, schreibt sie: „Von Eugénie Grandet bleibt das unerreichbare Leben, und auch wenn ich lustig und fröhlich und ,das Leben selbst’ bin, spiele ich, wohin ich auch gehe, was auch immer mein Los ist, in der einsamen Ebene und beweine, was die Vergessenen beweinen.“ Yasmina Reza, eine Vergessene? Klingt wie Koketterie. Aber wenn es das nicht ist, und diese Möglichkeit muss man fairerweise in Betracht ziehen, dann wäre uns diese großartige Schriftstellerin am Ende vielleicht doch noch näher, als wir dachten.

          Yasmina Reza: Nirgendwo. Edition Hanser Akzente, München 2012. 150 S., br., 17,90 Euro.

          Yasmina Reza: Heureux les heureux. Roman. Flammarion, Paris 2013. 187 S., br., 18 Euro.

           

          Quelle: F.A.Z.

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