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Yanick Lahens: Und plötzlich tut sich der Boden auf Haitis Stunde null

Auch die Literatur reagiert auf Katastrophen. Yanick Lahens führt eindringlich Protokoll über das Erdbeben in Haiti. Ihre poetischen und politischen Reflexionen sind ein Prosagedicht, auch wenn das Übersetzen aus dem kreolischen Französisch seine Tücken hat.

© Verlag Vergrößern

Die kulturelle Kreativität von Haiti ist umgekehrt proportional zur ökonomischen Rückständigkeit des Landes – und beide bedingen einander. Schon wenige Tage nach dem Jahrhundertbeben 2010 erklangen auf den Straßen von Port-au-Prince Spottlieder auf das „Goudougoudou“ – kreolische Lautmalerei für Erdbeben –, und nicht nur die Musik, auch Kunst und Literatur nahmen sich des Themas an. Weit unmittelbarer als in den reichen Industriestaaten des Nordens ist die Kultur hier in den Alltag der Menschen verwoben, „Seufzer der bedrängten Kreatur, Gemüt einer herzlosen Welt“, wie Marx gesagt haben würde, und die Probe aufs Exempel liefert das soeben auf Deutsch erschienene Buch der haitianischen Autorin Yanick Lahens.

Die Schwierigkeiten des Übersetzens aus dem kreolisierten Französisch zeigt schon der Titel: „Und plötzlich tut sich der Boden auf“, der wortreich umschreibt, was der Originaltext mit nur einem Wort zum Ausdruck bringt. „Failles“, Falten oder Risse, lautet der Titel im Original, und dieses Leitmotiv, das als zentrale Metapher das Buch durchzieht und zugleich den Text strukturiert, wird auf jeder Seite mit einem anderen Begriff wiedergegeben: Bruchlinien, Verwerfungen oder „Kluften“, ein Helvetismus, der im Deutschen keinen rechten Sinn gibt. Das französische Wort „failles“ dagegen deckt ein semantisches Feld ab, das von der geologischen Bruchzone bis zum persönlichen Versagen reicht – ein für die Übersetzerin Jutta Himmelreich schier unlösbares Problem. Dass sie die Avenue Martin Luther King zur Martin-Luther-King-Avenue macht, so als werde in Haiti Englisch gesprochen, die Staatsgründer als „Väter der Heimat“ bezeichnet und Saint Domingue – so hieß Haiti im achtzehnten Jahrhundert – mit Santo Domingo wiedergibt, steht auf einem anderen Blatt der ansonsten lobenswerten Übersetzung.

Existentieller Ernst

„Tout bouge autour de moi“, alles schwankt um mich herum: So überschrieb Dany Laferrière, Haitis bekanntester Schriftsteller, seine Chronik des Erdbebens. Doch Yanick Lahens geht weiter als Laferrière, der sich strikt auf das beschränkt, was er am 12. Januar 2010 in Port-au-Prince gesehen, gehört und erlebt hat: Ihr Text ist ein Prosagedicht, ein intimes Tagebuch und zugleich eine poetische und politische Reflexion über die Stunde null. Haiti war bis in seine Grundfesten erschüttert, buchstäblich und nicht nur im übertragenen Sinn, und wie einst das Erdbeben von Lissabon warf die Katastrophe religiöse und philosophische Fragen auf, deren kleinster gemeinsamer Nenner so lautet: Das Desaster war kein schicksalhaftes Naturereignis, denn Haitis führender Seismologe, Claude Prépetit, hatte ein Beben in der Hauptstadtregion seit Jahren vorausgesagt, ohne dass die von Umweltaktivisten geforderten Bauauflagen oder Zivilschutzübungen durchgeführt wurden. Im Gegenteil: Die Regierung steckte den Kopf in den Sand, und es verging eine Woche, bis der inzwischen abgewählte Präsident Préval sich öffentlich zu Wort meldete. Die schockartige Erkenntnis, dass es nicht weitergehen könne wie bisher und dass die Katastrophe die Chance für einen Neubeginn enthielt – die weitverbreitete Aufbruchsstimmung schlug um in Enttäuschung und Lethargie: „Business as usual“ in Haiti, wo die von den Geberländern versprochene Milliardenhilfe bei den Bedürftigen nicht ankam.

„Feurige Reden münden nicht unbedingt in gangbare Wege“, schreibt Yanick Lahens. „Auf lange Sicht verdirbt, korrumpiert die Hilfe sowohl den, der sie gibt, als auch den, der sie annimmt.“ Und sie warnt vor der großflächigen Gratisverteilung von Lebensmitteln, die Haitis Agrarproduktion untergräbt, die 2009 gerade erst aufzuwachen begann. „Wird jemand das Erwachen aus dem Koma organisieren?“ Solche Fragen klingen rhetorisch oder naiv und sind nicht immer auf der Höhe des Themas, an dem sich schon Voltaire, Rousseau und Kant abarbeiteten, konfrontiert mit dem Problem, ob und wie ein Desaster darzustellen ist, dessen Detailschilderung eher Abscheu als Mitleid erregt. Aber Yanick Lahens hat keine philosophische Abhandlung geschrieben, sondern ein literarisches Selbstgespräch, dessen Stärken und Schwächen untrennbar verbunden sind mit seiner Spontaneität: Dem genauen Blick auf den Alltag, der schon vor dem Beben für viele Haitianer unlebbar geworden war, und der Reflexion über das Schreiben, die angesichts des Leidens ihre Frivolität verliert und einen existentiellen Ernst gewinnt.

Yanick Lahens: „Und plötzlich tut sich der Boden auf“. Haiti, 12. Januar 2010. Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich. Rotpunkt Verlag, Zürich 2011. 155 S., geb., 18,50 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 03.06.2011, 12:44 Uhr