24.03.2004 · Neue Gedichte von Silke Scheuermann / Von Harald Hartung
Belästigen Sie andere nicht mit schlechten Träumen" - das klingt wie der Rat eines alten Dichters, langer Erfahrung abgewonnen. Steht aber im Titel eines Gedichts, mit dem vor drei Jahren Silke Scheuermann ihren ersten Gedichtband beschloß. Sie widerlegte die Ansicht, daß dichtende junge Leute uns gern mit ihren schlechten Träumen traktieren. Unsere Poetin ließ lieber die Dinge träumen und traf das Zauberwort. Sie rettete die Ehre der krächzenden Möwen und ließ sie singen, und - o Wunder - sogar zweistimmig. Ihr Debütband "Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen" fand Beifall, ja Bewunderung.
Der makellose Start ließ auf Reserven hoffen. Auf ein zweites Buch, das weder zu Hätschelei noch zu Häme Anlaß gibt. Und tatsächlich hat "Der zärtlichste Punkt im All" alle Vorzüge des Debüts und ein paar neue dazu. Silke Scheuermann liebt es kurz und bündig. Ihr neues Buch ist mit seinen 37 Gedichten noch etwas kürzer als das erste. Lang sind wiederum manche ihrer Überschriften, zudem witzig und phantasievoll. Die längste geht so: "Reisen im Cyberspace oder Wenn eine der fünf Theorien unser Universum beschreibt Wer lebt dann in den vier anderen." Das ist eine Preisfrage, die das Gedicht selbst um keinen Preis beantworten darf. Ein anderer Titel lautet: "Das kaum verständliche Kapitel eines fremden Lebens das mir mein Anrufbeantworter erzählt hat."
Die Autorin animiert uns, aber sie foppt uns ebenso gern. Das schon im Buchtitel. Was es mit dem "zärtlichsten Punkt im All" auf sich hat, sagt uns das Gedicht "Flüsternde Dörfer". Er ist "eine übergroße Murmel mit blauem Zentrum". Die Erde also als Spielzeug - eine womöglich nostalgische und sentimentale Metapher. Liest man das Gedicht genauer, rutscht die zitierbare Gewißheit ins Zweideutige. Es sind die Städte, die das behaupten und uns falsche Sicherheiten zeigen: der "zärtlichste" ist nur der "womöglich" zärtlichste Punkt. Silke Scheuermann spielt mit dem Möglichkeitssinn. Sie liebt es, die Dinge zu miniaturisieren. In dem Moment aber, wo wir sie zu besitzen glauben, desillusioniert sie unsere sentimentale Sicherheit. So hält sie ihr Material kalt.
Aber die Lyrik kann nicht bloß eine kalte Kunst sein. Das Erstaunen darüber, daß überhaupt etwas sei und nicht nichts, ist eine alte Sache der Poesie; und ohne die Themen von Liebe und Tod läßt sich schwerlich dichten. Und wenn auch die Erde - wie es in Scheuermanns erstem Buch heißt - ein durchgesessenes Sofa ist, durchgesessen auch durch die Dichter, so lädt sie immer noch zu Expeditionen der Phantasie ein. "Wohin mit diesen Erinnerungen an Gelesenes und / Ungelesenes", fragt die Autorin einmal und: "was war eigentlich mit der Realität".
Beide Fragen erledigt sie mit einem Streich in ihren Alice-Gedichten. Sie wünscht sich eine Zeitmaschine und besteigt die gewünschte sogleich in einer geliehenen Gestalt - Silke alias Alice. Sie hat nicht bloß eine Verabredung mit Rembrandt, dem jungen freilich, einem "weichgesichtigen Jüngling". Sie begibt sich - in Kapitel III - auf "Schatzsuche" und risikofreudig, wie sie ist, sogar ins "Herz der Finsternis". Ein Phantasietrip, der ihr die Einsicht bringt: "Die Differenz zwischen/Rausch und Natur beträgt Null." Aber auch den Albtraum, daß das Haus sich in ein Einmachglas verwandelt, "in dem sich Erinnerung frisch hält" - was zumindest ein ambivalenter Effekt ist.
Der Alice-Trip bringt die gewünschten Abenteuer im traumerzeugten Wunderland mit sich, doch er ist nicht ohne Risiko und Gefahr. "Schatzsuche oder Alice im Herzen der Finsternis" fordert den Vergleich mit Lewis Carroll und Joseph Conrad heraus. Ihn besteht die Poetin mit einigem Anstand. Klug wählt die neue Alice nicht das Größerwerden, sondern lediglich das Kleinerwerden. "Die Schatzsucher", die sie in den Dschungel schickt, haben Gesichter, in denen die Sicherheit "ein komfortables Lager" aufgeschlagen hat - sie werden das Herz der Finsternis nicht erkennen, und nicht den Horror.
Im Verzicht aufs große tragische Thema liegt weise Begrenzung. Silke Scheuermann ist eine kluge Weberin. Aus ihrem Wunderland legt sie uns ein paar ausgewählte Stücke vor. Sie kennt das Schicksal der Teppichweberin Arachne, die Pallas Athene zum Wettstreit in ihrer Kunst herausforderte und zur Strafe in eine Spinne verwandelt wurde. Sie verwandelt das Problem in Form und erledigt es so. "Arachne kommt in die Wohnstube" heißt das entsprechende Gedicht. Hier geht es um ein Paar, das - womöglich aus Langeweile - eine Spinne beobachtet. Man kann die Seele als ein Netz betrachten und den Partner als darin verstricktes Opfer. Und natürlich ist auch das Gedicht solch ein Netz. Womit auch die alte Frage nach Kunst und Liebe gestellt ist.
Das ist normalerweise die Stunde der autobiographischen Bekenntnisse, die allzuoft leicht zu haben sind. Silke Scheuermann hält wohl nicht viel davon, doch sie beschreibt das Problem. In "Curriculum vitae oder Das Problem der biographischen Ängstlichkeit" spricht sie ein Urmißtrauen aus. Schon im Uterus - heißt es - "begann ich/den Silhouetten der Liebe zu mißtrauen/weil sie den Horizont/komplett verdeckten." Diese Absage läßt das lyrische Ich als Pallas Athene erscheinen, als Jupiter-Kopfgeburt, und rückt dieses "Curriculum vitae" in die Nähe des gleichnamigen Bachmann-Gedichtes, wo das Ich als Mann erscheint. Kein Zweifel auch, daß Scheuermanns "Wunderlandnahme" als ironisches Echo auf das Pathos von Ingeborg Bachmanns "Landnahme" gelesen werden kann.
Wo diese ins Horn stößt, um "dieses Land mit Klängen ganz zu erfüllen", setzt die im Todesjahr der Bachmann geborene Autorin auf den diskreten und ironischen Ton, nicht minder aber auf eine zutiefst skeptische Intellektualität. Wo sie etwas mitzuteilen hat, das vor fünf Jahrzehnten in einem dreißigsten Jahr pathetisch formuliert werden konnte, wählt sie, die heutige Dreißigjährige, die unterkühlte technoide Botschaft, "Das kaum verständliche Kapitel eines fremden Lebens das mir mein Anrufbeantworter erzählt hat".
Am Ende dieses Schlußgedichts aber geht es um ein altes Thema: um das Glück und sein brennendes Ende, um das Schicksal der Motte: "Angst zu verbrennen habe er nicht/ noch nicht obwohl er schon brenne." Ein altes Thema, auch ein altes Schicksal der Dichter und Dichterinnen. Silke Scheuermann legt es einem Mann in den Mund - Poesie als Abwehrzauber.
Silke Scheuermann: "Der zärtlichste Punkt im All". Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 72 S., geb. 16,90 [Euro].