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WP Fahrenberg: Meister der komischen Kunst : Das kommt uns aber komisch vor!

Bild: Verlag

Im Verlag Antje Kunstmann startet die ehrgeizige Bibliothek „Meister der komischen Kunst“. Wäre doch gelacht, wenn die auf vierzig Bände angelegte Reihe kein Klassiker des Genres würde.

          Das ist der bislang umfangreichste Versuch, einen Kanon der komischen Kunst zu etablieren - der gezeichneten, wohlgemerkt. Unter der Regie des einschlägig vorbewunderten WP Fahrenberg, seines Zeichens Auslober eines der wichtigsten deutschen Satirepreise, des „Göttinger Elchs“, und seit Jahren Organisator von Ausstellungen zum Thema, entsteht nun beim Verlag Antje Kunstmann eine ganze Bibliothek. „Meister der komischen Kunst“ heißt sie, vierzig Bände soll sie einmal umfassen. Jedes Halbjahr erscheinen drei neue, und zum Auftakt gibt es jetzt gleich sechs Titel auf einmal.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Damit hätte man es sich leichtmachen können. Einmal die Zeichner der Neuen Frankfurter Schule rauf und runter, dazu Loriot, Manfred Deix oder Paul Flora - schon hätte man sogar mehr als sechs einigermaßen sichere Verkaufserfolge parat, zumal die schönen Bände mit ihren jeweils mehr als hundert Seiten pro Stück gerade mal sechzehn Euro kosten (und bei Subskription der ganzen Reihe sind sie nochmal jeweils 1,50 Euro preiswerter).

          Zeichnende Chronistin

          Aber Fahrenberg hat es sich nicht leichtgemacht. Gut, mit Friedrich Karl Waechter und Chlodwig Poth sind zwei der fünf zeichnenden Heroen der Neuen Frankfurter Schule tatsächlich am Start, aber ergänzt werden diese Berühmtheiten durch die inhaltlich wie stilistisch doch ganz anders gelagerten und eben auch nicht so bekannten Cartoonisten Marie Marcks, Gerhard Glück, Ernst Kahl und Detelf Beck.

          Zu Marie Marcks muss man nicht viel sagen - sie ist die Doyenne der deutschen Cartoonisten, eine mittlerweile achtundachtzigjährige Künstlerin, die als Mutter mehrerer Kinder mit Film- und Jazzplakaten begann, um sich dann zu einer zeichnenden Chronistin von Emanzipation, Politik und Umweltschutz zu verwandeln (besonders, als in den siebziger Jahren endlich all das zusammenkam). Schade, dass ausgerechnet der Band zu dieser dienstältesten Vertreterin der komischen Kunst als Vorwort einen Text aufbietet, der so gut wie nichts über Marie Marcks selbst erzählt. Claus Koch, der die Karikaturen der Zeichnerin vor einem halben Jahrhundert in seiner Zeitschrift „atomzeitalter“ abdruckte, stellt vielmehr die deutsche Befindlichkeit in den Mittelpunkt seines Essays, aber da dies einer der letzten Texte des 2010 verstorbenen Publizisten ist, hat er seinen eigenen Charme.

          Freiheit des Konzepts

          Jedes Buch bietet einen solchen einleitenden Essay, und da Fahrenberg sich dazu offenbar jeweils Autoren aussucht, die den Künstlern auch persönlich nahestehen oder -standen, kommen auch ganz unterschiedliche Texte heraus: mal abgehoben wie bei Koch, mal extrem privat wie bei Erika Dohse, der Haushälterin von Ernst Kahl. Von der Vorstellung, sachlich über das Werk des jeweils gewürdigten Künstlers informiert zu werden, muss man sich verabschieden, obwohl auch das geschehen kann, wie etwa im Fall des Leipziger Cartoonisten Beck, der ohnehin die schöne große Überraschung in diesem Startprogramm ist. Dagegen muss Gerhard Glück unter der bemühten Originalität seines Essayisten Peter Baumann leiden, während Roger Willemsen all seine Liebe in den Text zu F.K. Waechter legt.

          Was gibt es noch in den Büchern? Einen knappen Überblick zu Leben und Werk am Schluss, der allerdings formal nicht vereinheitlicht ist. Detlef Beck schreibt dort kurzentschlossen noch einmal über sich selbst (und das sehr witzig). Dann gibt es jeweils ein Interview, das bei bereits Verstorbenen wie Waechter oder Poth aus mehreren alten Gesprächen zusammengesetzt sein oder bei Öffentlichkeitsscheuen wie Beck auch einfach entfallen kann. Diese Freiheit des Konzepts mag sich noch als Achillesferse der Reihe erweisen, denn eine schnelle Auffindbarkeit von biographischen Fakten oder markanten Zitaten wäre doch die Stärke einer vereinheitlichten Serie gewesen.

          Ein echtes Desiderat

          Aber was die Bücher vor allem bieten, sind natürlich die Arbeiten der Künstler. Und da sind sie über jede Kritik erhaben (mit Ausnahme einer unscharf reproduzierten Beck-Zeichnung). Sechsmal reines Schau- und bei diesen Wortbildkünstlern natürlich auch Lesevergnügen. Und im Herbst kann man sich schon darauf freuen, dass es mit Loriot, F.W. Bernstein und Erich Rauschenbach so weitergehen wird. Kein Band fällt ab, nur warum der zu Gerhard Glück zehn Seiten kürzer ausfällt als die anderen, würde man doch gerne wissen.

          Zur Kompensation dieser Benachteiligung sei ein Bild von Gerhard Glück gesondert gelobt: sein fabelhaft komisches Selbstporträt, auf dem er einem sich skeptisch über den langen Bart streichenden Herrn in Turban und Dschelaba einen Witz erklärt. Jeder kann sich denken, dass dieses Blatt nach dem dänischen Karikaturenstreit entstanden ist - aber leider ist den meisten Arbeiten kein Datum beigegeben. Das ist nun ein echtes Desiderat, genauso wie die regelmäßige Berücksichtigung früher Arbeiten, die bei Marks, Poth oder Kahl prompt besonders aufschlussreich sind.

          Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne

          Aber der frühe Waechter, Beck oder Glück? Fehlanzeige. Und was das Frühwerk für solche Humoristen ausmacht, kann man sich gerade in der neuen Bestandsausstellung des Deutschen Museums für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch in Hannover ansehen, die unter dem Titel „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ just solche frühen Versuche zeigt. Vielleicht verändert sich ja noch etwas in dieser Komik-Bibliothek. Jedem Anfang wohnt ja auch ein Zaudern inne.

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